30.12.1991

GESTORBENErnesto Grassi

89. Gleich mehrfach wollte der Philosoph ein Humanist sein: als Universalgelehrter und "zweiter Aufklärer", als Anwalt europäischer Traditionen und als deren weltoffener Fortsetzer. Solch unzeitgemäßen Zielen verstand der von Heidegger mitgeprägte Deutsch-Italiener stets zeitgerechte Form zu geben. Schon früh machte er sein Lebensthema, den Ursprung allen Denkens aus vorbegrifflicher Leidenschaft des Geistes, zur Institution: Die 1938 in Berlin gegründete Forschungsstätte "Studia humanitatis" und ihr "Jahrbuch für geistige Überlieferung" erlaubten manchem nach innen emigrierten Gelehrten intellektuelles Atemholen. Grassis Leitmotiv, dem deutschen Tiefsinn durch Renaissance-Begeisterung aufzuhelfen, blieb auch nach dem Krieg gefragt: Schon 1948 bekam der unermüdliche Autor und Herausgeber in München ein neues Humanismus-Institut, und als Gründer der Reihe "Rowohlts Deutsche Enzyklopädie" wurde er seit 1955 zum Pionier des Wissenschafts-Taschenbuches. Grassi, der 1986 eine letzte große Humanismus-Studie abschloß und noch im vergangenen Mai eine Vorlesungsreihe eröffnete, starb am vorletzten Sonntag in München.

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESTORBEN:
Ernesto Grassi

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt