24.02.1992

„Wir werden künstlich dumm gehalten“

SPIEGEL: Die Medizinische Kommission des Internationalen Olympischen Komitees hat während der Spiele in Albertville zwei Wochen lang getagt. War Katrin Krabbe ein Thema?
DONIKE: Ja, wegen der weltweiten Bedeutung des Falls: Krabbe ist wie Ben Johnson eine bekannte Persönlichkeit, zum anderen ist der Nachweis der Verfälschung von Urinproben etwas Außergewöhnliches.
SPIEGEL: Waren die Dopingexperten von der Neubrandenburger Methode überrascht?
DONIKE: Die Tricks der Sportler sind uns seit langem bekannt. Die häufigste Vertuschungsmethode ist immer noch das frühzeitige Absetzen von Dopingmittteln vor einer Kontrolle, das in der DDR perfektioniert worden war, indem man individuelle Ausscheidungsmuster von Dopingmitteln für einzelne Athleten ausgetüftelt hat.
SPIEGEL: Und jetzt haben sich die Athleten neue Tricks überlegt?
DONIKE: Es wird versucht, vor den Kontrollen Flaschen im Raum zu verstecken und bei Gelegenheit blitzschnell gegen die Testbehälter auszutauschen. Bekannt ist auch, daß Sportler ihren Urin mit Wasser aus der Toilette verdünnen, um so die Nachweisgrenze zu unterlaufen. Es gibt viele Beispiele für den Urinaustausch vor Dopingkontrollen. Männer führen entweder Fremdurin durch einen Katheter in die eigene Blase ein, oder sie befestigen kleine Fläschchen am Körper - meist unter der Achsel. Von dort wird eine Kunststoffleitung bis zum Penis geführt, durch die der Urin dann in den Kontrollbehälter fließt. Die Frauen verstecken Urinbehälter in der Vagina. Diese Art der Täuschungen kennen wir von Geheimdiensten und Schmugglern.
SPIEGEL: Sind Dopingfahnder gegen solche Methoden machtlos?
DONIKE: Nein, wir brauchen aber dringend eine Verbesserung der Dopingkontrollen. Um Manipulationen vorzubeugen, sollte man kurzfristig zwei Urinabgaben innerhalb von zwei bis drei Stunden einführen. Werden die Athleten in dieser Zeit unter strenger Aufsicht gehalten, sind viele Vertuschungsmanöver nicht möglich.
SPIEGEL: Die Vergangenheit hat gezeigt, daß die Athleten in ihrem Erfindungsreichtum den Fahndern immer ein Stück voraus sind.
DONIKE: Das ist wie im normalen Leben: Der Dieb ist meistens schneller als die Polizei. Wir müssen unsere Methoden eben ständig anpassen. Wenn mich heute jemand ganz beiläufig fragt, ob ich in der Lage bin, eine bestimmte Substanz zu finden, werde ich sofort hellhörig.
SPIEGEL: Bringen Blutuntersuchungen die Dopingfahnder weiter?
DONIKE: Damit könnte auch Blutdoping nachgewiesen werden. Aber dringlicher erscheint mir die Aufhebung der Anonymität der Urinabgaben, um das Steroidprofil einiger Athleten über einen längeren Zeitraum verfolgen zu können. Damit kann man Mißbräuche aufdecken. Doch wir Dopingfahnder werden künstlich dumm gehalten.
SPIEGEL: Weil die Aufpasser immer hinterherhinken, schlagen Kritiker vor, die Drogen gleich ganz freizugeben. Ist das die Lösung?
DONIKE: Die Gesetze werden doch auch nicht abgeschafft, weil es Diebe gibt. Ich sehe sehr gute Ansätze bei einigen Athleten-Zirkeln, beispielsweise beim Zehnkampfteam, die für eine Umkehr in der Dopingmentalität eintreten. Wenn die sich nicht durchsetzen, hat der Spitzensport keine Daseinsberechtigung mehr.
SPIEGEL: Solche Sätze haben sich bisher immer als Leerformeln erwiesen.
DONIKE: Ich befürchte noch sehr heftige, unangenehme Diskussionen im Vorfeld der Spiele von Barcelona. Denn alle wohlformulierten Erklärungen des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees haben, ähnlich wie schon nach den Olympischen Spielen 1976 in Montreal, keine praktischen Ergebnisse gebracht. So wird der Ruf des deutschen Sports immer weiter ruiniert. Die jahrelange Akzeptanz der Dopingmentalität in der Sportführung wird sich wohl nur auf biologischem Wege ändern lassen.
SPIEGEL: Die alten Herren scheinen aber durch die Erfolge der ostdeutschen Athleten beflügelt zu sein.
DONIKE: Ich habe die Euphorie bewundert, mit der der ehemalige DDR-Sport übernommen wurde, ohne die Aufdeckung der Dopingpraxis zu betreiben. Da hat auch die Überlegung eine Rolle gespielt, sich das Doping-Know-how der DDR zu sichern. Denn für mich ist es schlecht vorstellbar, daß die westdeutsche Sportführung nicht von den Praktiken der DDR gewußt hat.
SPIEGEL: Die Funktionäre verweisen auf die Untersuchungsausschüsse, die sie nach den Dopingenthüllungen eingerichtet haben.
DONIKE: Ich hätte mir gewünscht, daß diese Kommissionen Listen von Personen vorgelegt hätten, die an den Manipulationen mit unterstützenden Mitteln beteiligt gewesen sind, die Pläne erstellt haben, in denen Dopingmittel integraler Bestandteil waren. Nur das wäre eine wirkliche Hilfe bei der Anstellung von Ärzten und Trainern in den Verbänden gewesen. Ich schließe nicht aus, daß auch vor Albertville gedopt wurde und daß das gleiche vor Barcelona versucht wird.

DER SPIEGEL 9/1992
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DER SPIEGEL 9/1992
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