22.02.1993

„Mit etwas Wasser schlucken“

Inge Meysel, 82, hat viele Fans. Was sie verkündet, ist ihnen oftmals Gebot. Die Schauspielerin, seit Jahrzehnten allenthalben "Fernsehmutter der Nation" genannt, warb lange Zeit in Broschüren und Inseraten für Atrotts DGHS und einen schmerzfreien, humanen Suizid. "Ich", bekannte sie öffentlich, "habe meine Selbstmord-Pillen immer in der Handtasche."
Maria Müller*, eine fast gleichaltrige Dame aus Frankenthal in Rheinland-Pfalz, verehrte Inge Meysel zutiefst. Sie sah jedes ihrer Stücke, und in der Geldbörse steckte ein Ausriß jener Anzeige, in der die Schauspielerin bekannte: "Darum bin ich Mitglied der Gesellschaft für Humanes Sterben."
Im Sommer 1991 fühlte sich Frau Müller nicht wohl. Sie klagte über Kopfweh, Schwindelgefühle und Ohrensausen. Allzu ernst kann ihre Krankheit nicht gewesen sein - sonst hätte die im Hause lebende Tochter ihren Bruder informiert, der als Professor der Medizin Chefarzt einer Klinik im Hessischen ist.
"Mutter", schildert Tochter Ute Müller*, sei "jederzeit gut versorgt und umsorgt" gewesen, ab und an habe sie "unter einer Altersdepression" gelitten.
Doch statt darüber mit den Kindern zu reden, wandte sich Maria Müller - wie von der Meysel via Inserat quasi empfohlen - an die DGHS. Eine DGHS-Mitarbeiterin aus dem nahen Frankfurt meldete sich daraufhin telefonisch - "nicht mit meinem richtigen Namen", _(* Namen von der Redaktion geändert. ) gab sie später bei der polizeilichen Vernehmung zu, "sondern mit meinem Pseudonamen. Wie er lautete, weiß ich heute nicht mehr".
Schon im vorhinein sollte, wie in einem richtigen Kriminalfall, eine falsche Spur gelegt werden.
Obschon das Gespräch nicht länger als eine Stunde dauerte, war für Atrotts Helferin die Diagnose sogleich klar. Polizeiverhör: _____" Frau Müller hatte eine schwache Stimme. Man merkte, " _____" daß sie eine alte Frau war. Frau Müller war für mich " _____" schwerkrank . . . lebensmüde. "
Schon am Telefon deutete die Atrott-Gehilfin an, "was es kosten würde" - nämlich 3000 Mark "für Herrn Atrott und 500 Mark zur Deckung meiner Unkosten". Als die Zyankali-Lieferantin vor der Frankenthaler Wohnung auftauchte, sei ihr Frau Müller "mit dem Geld mehr oder weniger flehend" entgegengekommen: "Ich habe ihr gesagt, daß sie die Kapsel mit etwas Wasser schlucken soll." Mehr Hinwendung erfuhr die alte Dame nicht.
Mit diesem Ratschlag aber wollte Maria Müller nicht allein gelassen werden. Mehrfach rief sie im Frankfurter DGHS-Büro an und bat um Beistand. Die Sterbehelferin gab dazu der Polizei zu Protokoll: _____" Irgendwann einmal wurde dann der Termin ausgemacht. " _____" Dieser Termin wurde von Frau Müller selbst bestimmt. Es " _____" wurde ein Termin gewählt, wenn die Tochter nicht im Hause " _____" ist. "
Zur vermeintlich letzten Stunde der betagten Frau ging Atrotts Botin nicht allein. Ein Pensionär begleitete sie, der in Mannheim als Mitglied des Golfklubs und der Herrenrunde "Räuberhöhle" zur besseren Gesellschaft gehört.
Im Badezimmer schluckte Maria Müller das Zyankali. "Sie legte sich ins Bett", so die Schilderung der DGHS-Mitarbeiterin in ihrer Vernehmung, "ich legte ihr noch ein Kissen unter den Kopf, damit sie erhöht lag."
Der Körper der Vergifteten begann sich zu verkrampfen, rasende Schmerzen stellten sich ein, die Bewußtlosigkeit nahte. Beide Besucher hielten ihr die Hand.
Plötzlich ein Schrei. "Mutti, wo bist du?" rief die Tochter, die unerwartet nach Hause gekommen war. Und dann, als sie im Schlafzimmer Atrotts Todesengel sah: "Ihr Mörder, was macht ihr mit meiner Mutter!" Ute Müller riß das Schlafzimmerfenster auf. "Hilfe", schrie sie, "ihr Mörder habt meine Mutter umgebracht!" Draußen wurden Nachbarn aufmerksam. Der Mann versuchte, sie zu stoppen: "Rufen Sie im Interesse von Frau Müller nicht die Polizei."
Doch die war innerhalb kürzester Zeit zusammen mit einem Notarzt da. Der Rettungsmediziner pumpte der alten Dame in letzter Sekunde den Magen aus und intubierte sie - mit Erfolg: Maria Müller wurde ins Leben zurückgeholt. Möglicherweise war die Dosis Kaliumcyanid zu gering, oder aber ein zuvor gegessenes Reisgericht hat sie gerettet. Bestimmte Lebensmittel, so ein Toxikologe, könnten "durchaus die Wirkung des Giftes abfedern".
Sohn Walter* behauptet, der Sterbehelfer habe gegenüber dem Arzt der Feuerwehr falsche Angaben gemacht, um die eingeleiteten Rettungsmaßnahmen zu sabotieren. "Er sprach nicht von Zyankali", so der Medizinprofessor, "sondern von der unbestimmten Menge eines unbestimmten Medikaments."
Tochter Ute will sogar wissen, daß die DGHS-Mitarbeiter "den Stecker der Telefonanlage herausgezogen und damit die Anlage außer Betrieb" gesetzt haben: "Das Telefon war kurz vorher, als ich die Polizei anrief, noch funktionstüchtig." Beide wiesen diesen Vorwurf zurück.
Maria Müller ist heute körperlich gesund und geistig fit. Ihrem Sohn, dem Professor, sagte sie, nachdem sie ihre depressive Phase überstanden hatte: "Die Leute, die bei mir waren, gehören ins Gefängnis."
Für die Todesengel, die "im Land umherreisen, alten Menschen Zyankali verkaufen und seelenruhig beim Ersticken zusehen" (Tochter Ute), interessierten sich die Frankenthaler Ermittler offenbar kaum. Als die Familie im Polizeipräsidium Erkundigungen über sie einholen wollte, wurde sie abgewimmelt. "Diese Personen", soll ein Polizist gesagt haben, "genießen Datenschutz."
Die Staatsanwaltschaft Frankenthal lehnte es ab, den Mageninhalt der alten Dame analysieren zu lassen. Die Kinder beauftragten daraufhin privat ein Institut. Ergebnis: "Die im Mageninhalt festgestellte Konzentration zeigt die orale Aufnahme eines cyanidhaltigen Präparates an" - pro Liter Mageninhalt exakt 151 Milligramm.
Der Sohn hat mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg auch gegen Inge Meysel Anzeige erstattet, weil sie "wider besseres Wissen" für einen Verein werbe, der "zum qualvollen Sterben anderer Menschen" beitrage. "Meine Mutter", schrieb er an die Mimin, "fühlt sich getäuscht und betrogen."
Doch die Lüneburger Justiz sieht kaum Anlaß zu intensiveren Ermittlungen: "Wir haben", erklärt Oberstaatsanwalt Johann-Albrecht Müller, "noch keine strafrechtliche Bestimmung gefunden, unter die dieser Vorwurf fallen könnte."
Und Inge Meysel selber fühlt sich nicht belastet. "Ich bin für Atrott", bekannte sie noch im November letzten Jahres, "jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden - und nach seiner Fasson sterben."
* Namen von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 8/1993
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