16.03.1992

Schewardnadses Rückkehr

Noch auf dem Weg vom Flughafen Tiflis in die georgische Hauptstadt machte der Ex-Kommunist an der Residenz des Katholikos Ilja II. halt, um dem Patriarchen von Georgien seine Reverenz zu erweisen: Nach sieben Jahren im fernen Moskau ist Gorbatschows früherer Außenminister Eduard Schewardnadse, 64, in seine Heimat zurückgekehrt - und in die Politik.
Der selbsternannte Militärrat in Tiflis, der nach blutigen Kämpfen im Januar den gewählten Präsidenten Swiad Gamsachurdia gestürzt hatte, berief vorigen Dienstag Schewardnadse zum Chef eines neuen "Staatsrats", dessen Präsidium noch der provisorische Regierungschef Tengis Sigua (er hatte sich als Premier von Gamsachurdia losgesagt) und die beiden Milizen-Befehlshaber Iosselani und Kitowani angehören.
Von dem bislang stets als Bewahrer der Union aufgetretenen Schewardnadse erwarten seine Anhänger, daß er mit seiner "internationalen Autorität und persönlichen Kontakten" die Kaukasus-Republik schleunigst aus der Isolation befreie, in die sie der autoritäre Gamsachurdia geführt habe - Georgien gehört nicht der GUS an und ist völkerrechtlich noch nicht als selbständiger Staat anerkannt.
Schewardnadse-Freund Hans-Dietrich Genscher wünschte ihm bereits telegrafisch "Kraft und Erfolg". Im Sommer sollen allgemeine Wahlen das Ergebnis der Präsidentenwahlen vom Mai vorigen Jahres korrigieren, als Gamsachurdia, Glaubensbruder des Patriarchen und erklärter Antikommunist, 86,5 Prozent der Stimmen gewonnen hatte.
Was aber, wenn Gamsachurdias Gruppe wieder gewinnt? Der gewaltsam gestürzte Präsident, emigriert in die nahe Tschetschenen-Republik, erfreut sich bei Bauern und Arbeitern ungebrochener Popularität. Der Militärrat der Putschisten hingegen stützt sich vor allem auf die Intellektuellen, Apparatschiks und einige unzufriedene Sippen auf dem Lande. Schewardnadse, 1990 mutiger Warner vor einer "neuen Diktatur" in Moskau, hatte von 1972 an wegen der desolaten Zustände in der georgischen Sowjetprovinz dort 13 Jahre lang als Erster Parteisekretär agiert. Der Chef-Kommunist hatte damals den Intellektuellen Freiräume gewährt, Dissidenten aber mit harter Hand verfolgt.
Einen hatte er, als Innenminister, zuvor schon wegen einer Untergrund-Dokumentation über die Folter in Georgiens Gefängnissen inhaftieren lassen - Gamsachurdia, den späteren Präsidenten.
Jetzt zeigt Schewardnadse seinem alten Feind gegenüber Großmut: Man solle die Vergangenheit vergessen, Gamsachurdia habe das Recht, zurückzukehren und "für das Wohl des Volkes zu arbeiten". Einschränkung: " . . . wenn er nicht einen Schießbefehl auf unschuldige Leute gegeben, Volksvermögen gestohlen oder sich in Korruption verwickelt hat." Eben das wirft der Militärrat aber Gamsachurdia vor, der vor Gericht gestellt werden soll - obwohl die Putschisten selbst auf Demonstranten schießen ließen. Gamsachurdia sieht durch Schewardnadses Rückkehr seinen alten Verdacht bestätigt, daß der den Staatsstreich gegen ihn organisiert habe.

DER SPIEGEL 12/1992
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