29.03.1993

ProzesseIm Kreuzverhör

Die schmutzige Schmierseifenoper Mia Farrow versus Woody Allen hatte letzte Woche einen neuen Tiefpunkt - vor Gericht.
Ja, er habe das Mädchen nackt und in erotischer Pose (gespreizte Beine) fotografiert, gestand Woody Allen, 57, letzte Woche dem New Yorker Gericht im Verhör. Das sei am 12. Januar 1992 gewesen. Und die Idee hätte Soon-Yi gehabt.
Mit dieser Idee der damals immerhin schon 21jährigen begann der Krieg zwischen Mia Farrow und Woody Allen, der bald darauf den berühmtesten Stadtneurotiker Manhattans in einen Skandal-Strudel mit weltweiter Medienanteilnahme brachte.
Mia Farrow, Gefährtin, Mutter eines gemeinsamen Kindes und Hauptstar in 13 seiner Filme, fand die Bilder eher zufällig auf dem Kaminsims bei einem Besuch im Penthouse am Central Park East des Liebhaber-Fotografen.
Der Kino-Guru Allen, das Idol eines intellektuellen Kinopublikums in aller Welt, galt daraufhin als Sex-Maniac, Kinderschänder, als verklemmte Bestie von New York. Denn er hatte die Stirn, nicht, wie die tief gekränkte Mia es forderte, auf das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn und die gemeinsamen Adoptivkinder zu verzichten.
Also begann eine im grellen Scheinwerferlicht öffentlicher Anteilnahme veranstaltete Schmierseifenoper, eine Schlammschlacht wüstester Beschuldigungen, die in den gerichtlichen Verhören letzte Woche in New York ihren grausigen Kulminationspunkt fand.
Dabei sind bisher die einzig gesicherten Fakten die inkriminierten Fotos, die ein (Nicht)-Vater von seiner (Nicht)-Tochter gemacht hatte. Und die Tatsache, daß der Spätfünfziger mit der Frühzwanzigerin ein sexuelles Verhältnis pflegte.
So sehr und so sehr zu Recht das Mia Farrow kränken konnte und mußte - mit Sitte und Gesetz hatte das Ganze nichts zu tun, nicht einmal mit dem Scheidungsgesetz.
Denn Allen lebte, als er das asiatische Ziehkind seiner Freundin intim ablichtete, seit Jahren von Mias Tisch und Bett getrennt. Allerdings mußte er jetzt zwei sexuelle Rückfälle zugeben, zu denen er die einst Angebetete auf ihr plötzliches Verlangen eilig im Carlyle Hotel traf, um dort ihre Lust zu stillen - na und?
Um so schwereres Geschütz fuhr sie jetzt wieder in den Kreuzverhören vor dem Supreme Court auf: Allen habe, so wiederholte Mia Farrow vor Gericht, die kleine Dylan, 7, sexuell mißbraucht; Umarmungen und Küsse hätte es gegeben. Auf den Einwand, das sei nicht ganz abwegig zwischen Vater und Tochter, sagte Mia, Woody habe seine Tochter ins Bett mitgenommen. Zwar sei er dabei angezogen geblieben, aber die Tochter sei jedesmal danach erregt gewesen und habe nach allem von Allen gegriffen.
Nachdem psychologische Untersuchungen Allen vom Vorwurf des Kindesmißbrauchs entlastet hatten, wurde Adoptivsohn Moses, 15, gegen den Rabenvater ins Gefecht geführt. Der Papa, so die Farrow-Anwältin, habe Moses einen "Bastard" genannt - was etwa so ist, wie wenn ein deutscher Vater seinen Sohn in Rage "Esel", "Idiot" oder gar "Arschloch" nennt.
Der 15jährige rächte sich jetzt mit einem Bastard-Schreiben, das vom Leiden und den Rachegelüsten der Mutter diktiert wirkt: "Du bist feindseliger und feiger geworden. Ich hoffe, daß Du vor Gericht so erniedrigt wirst, daß Du Selbstmord begehst." Antiker Atriden-Haß in New York, Adoptiv-Ödipus möchte seinen Stiefvater erschlagen - zumindest verbal.
Selbst Woodys und Mias gemeinsames Kind der Liebe, der fünfjährige Satchel, mußte daran glauben, um aus Allen ein homosexuelles Monster zu machen, das es auf die eigene Brut abgesehen hat. "Haben Sie", so wird die Mutter im Kreuzverhör gefragt, "Ihrer Therapeutin gesagt, Sie hätten Befürchtungen, Mr. Allen würde Ihren gemeinsamen Sohn sexuell mißbrauchen?" Ihre Antwort, knapp und klar: "Ja."
Andererseits ist in der Abwehrschlacht auch die Gegenseite nicht zimperlich. Allen und seine Anwälte haben sich in der bewegten Vergangenheit der zarten Mia umgetan und breiten vor Gericht das zwielichtige voreheliche Verhältnis zwischen dem 50jährigen Roue Frank Sinatra und der anämischen 19jährigen aus.
Auch daß Mia mit ihrem späteren Ehemann, dem Filmkomponisten und Dirigenten Andre Previn ein intimes Verhältnis hatte, als der noch anderweitig verheiratet war, kommt in New York auf den Richtertisch. Allen-Anwalt Elkan Abramowitz im Kreuzverhör: "Wurden Sie von Mr. Previn schwanger, als der noch verheiratet war?"
Hier beginnen sich Leben und Kunst peinlich zu berühren. Denn die betrogene Frau, die Songschreiberin Dory Previn, habe damals mit triftigem Grund den Song komponiert: "Beware of Young Girls" (Hüte dich vor jungen Mädchen) - eine Warnung, die viele Jahre später der Mittfünfziger Allen vielleicht besser auch hätte befolgen sollen.
Mia Farrow hat als Twen, damals zu Zeiten ihrer Ehe mit Sinatra, ihre beklemmendste Rolle gespielt, als Schwangere in "Rosemary''s Baby". In dem Polanski-Film von 1968 wird sie in einem düsteren Haus (dem Dakota-Building) von niemand geringerem als dem Teufel persönlich geschwängert.
Das Haus liegt an der Westseite des Central Parks, ziemlich genau gegenüber dem Domizil Woody Allens. (Vor dem Haus wurde später John Lennon erschossen.) Es scheint, als wollte Mia Farrow jetzt aus ihrem abtrünnigen Lebensgefährten genau den Teufel formen, der Kinder zeugt, um sie zu schänden und zu verderben. Sie möchte ihn austreiben. Aus sich und der Welt. _(* Töchter Dylan, Soon-Yi (M.), Sohn ) _(Satchel. )
Woody Allen nach Gerichtstermin: Unglücksrabe oder Rabenvater?
Elternpaar Farrow/Allen, Kinder*: Vor dem Fall
* Töchter Dylan, Soon-Yi (M.), Sohn Satchel.

DER SPIEGEL 13/1993
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