28.02.1994

AutorenAus dem Dreck

Der junge Autor Jess Mowry schreibt Geschichten aus Amerikas Ghettos - so hart und böse wie Rap-Musik.
Bringt mich nicht um!" flehte der 16jährige Andre Sarvis die beiden Jungs an, die ihn im vergangenen Juni auf dem Schulparkplatz im New Yorker Stadtteil Brooklyn in die Enge getrieben hatten. Der Junge starb an zwei Kugeln. Die anderen hatten es auf seine Lederjacke abgesehen.
Immer mehr amerikanische Kids regeln ihre Streitigkeiten mit der Pistole. Das Justizministerium in Washington schätzt, daß jeden Tag 100 000 Schüler Schußwaffen mit in den Unterricht bringen; in vielen Städten stehen Metalldetektoren vor den Eingängen zu den Klassenräumen. Einzelgänger leben gefährlich in den Ghettos und Downtowns der großen Städte. Wer überleben will, schließt sich einer Gang an. Die Hautfarbe spielt keine Rolle mehr, die alten Uniformen haben ausgedient. Die Straße verwandelt 13jährige in desillusionierte kleine Bestien, die vor allem eins verstehen: die Sprache der Gewalt.
In Oakland, wo die Kinder der Nacht zwischen zwei Schlachten ihre Crackvorräte sichten und ihre Ängste mit starken Sprüchen zudecken, hat Jess Mowry, 33, das Durchhalten gelernt; in den als Todesgürtel um die Häuserblocks gezogenen Straßen, wo den jugendlichen Höllenfahrern allein der Haß den letzten großen Kick verspricht. Nach hingeschmissener Schulausbildung verdingte er sich immer wieder in Gelegenheitsjobs: zuletzt als Müllsammler. Mowry - einer, der am Ende den Dreck aufhob, aus dem er kam.
Jahrelang hauste er mit seiner Familie in einem ausrangierten 59er Greyhoundbus am Stadtrand, bis er Arbeit als Sozialberater in einem Drop-in für gefährdete Jugendliche fand. 1988 erstand er für fünf Dollar eine alte Schreibmaschine - der erste Schritt aus dem Elend des Ghettos. Seitdem schiebt der Sohn eines schwarzen Kranführers und einer weißen Prostituierten Sätze zwischen sich und sein altes Leben - Sätze, die von dort kommen, wo aus enttäuschter Hoffnung blinde Wut entsteht.
In Oakland, wo alle Straßen enden und Leben wie flackernde Neonröhren implodieren, kämpft eine Generation, die so alt und so müde wirkt, als hätte sie schon alles hinter sich: vergreiste Engelsgesichter, in deren leeren Hirnen das Crack längst alle Träume ins Abseits befördert hat. Hier wird die Straße zum tödlichen Set: das junge Leben als heftiger Abgang inszeniert. Und wer überlebt, spült seine Angst mit ein paar Dosen Bier weg.
Jess Mowrys literarische Höllenprotokolle "Megacool" und "Oakland Rap" sind behutsam gezeichnete Abbildungen vom Leben im Müll*. Sie schildern eine eigenartige Mixtur aus Dreck, Gewalt, Tod und jener Zärtlichkeit, die immer wieder erstickt. Der ehemalige Streetfighter hat eine Sprache entwickelt, die so schnell ist und so präzise wie die Gesänge der schwarzen Hip-Hop-Gruppen. _(* Jess Mowry: "Megacool". Rowohlt ) _(Verlag, Reinbek; 312 Seiten; 34 Mark. ) _("Oakland Rap". Rowohlt Verlag, Reinbek; ) _(188 Seiten; 9,90 Mark. )
Mowrys Bücher zeugen von der Geburt einer Literatur, die im Sound der neunziger Jahre klingt: Rap-Geschichten, erzählt in einem aggressiven Rhythmus und verdichtet zu Porträtstudien ausgebrannter Kinder, die Blut und Blei spucken, zu beißend-unsentimentalen Polaroids aus den Abfallräumen der Gesellschaft.
Sein erstes Buch, die Story-Sammlung "Oakland Rap", erzählt anekdotisch vom 13jährigen Ausreißer Robby, den es mit fünf Dollar in der Tasche und seinem Skateboard unterm Arm ins Schwarzenghetto von Oakland verschlägt. An der Seite der "Animals", einer Gang jugendlicher Alpträumer, die sich mit kleinen Diebstählen auf ihren Skateboards über Wasser halten, gerät Robby hinein in die Maschinerie des Schießens und Beschossenwerdens.
"Robby musterte die schwere Waffe . . . - schwer, schwarz und saumäßig bedeutend. ,Da haut dich kein Schwanz mehr an, wenn du so''n Teil dabeihast! . . . Ich wollt'' mal einen Typ inner Schule umlegen. Hat mich immer verkloppt . . . einfach so, eh! Jeden Tag, die Scheiße!'' Donny nickte. ,Ja. Ich glaub'', irgendeinen zum Umpusten kennt jeder.''"
In schnellen, grell ausgeleuchteten Schnappschüssen zeichnet Mowry die kurze Chronik eines jungen Glücksuchers, der auszieht, das Sterben zu lernen. "Hinter ihm knackte etwas, aber er sah nicht nach. War ihm egal. Sollten diese Tiger-Hunde doch kommen und ihn aufmischen; vielleicht machten sie ihn alle. Wär'' vielleicht besser so."
Mowry erzählt von aufgepeitschten, amoklaufenden Endspielern, in deren Adern die Hitze einer umfassend gewordenen Sinnlosigkeit kocht. Und wenn der Moment des Überkochens naht - bilderberstend in dem Folgeroman "Megacool" illustriert -, bleibt ihnen nur die Hoffnung, als erster am Drücker zu sein. "Megacool" ist ein infernalisch heraufdämmernder Nekrolog auf eine sterbensmüde Gesellschaft, die ihre unlösbar gewordenen Probleme kaltschnäuzig einer Generation von Verlierern in die Schuhe schiebt.
Mowry schreibt so unprätentiös und zwingend von diesen Dingen, wie es nur einer tun kann, der seinem scheinbar unausweichlich vorgezeichneten Schicksal entgangen ist. "Ein Schwarzer, der sich irgendwie aus seiner Falle freikämpft - mehr wollte er gar nicht sein."
Jess Mowry offenbart seinen Lesern eine Wahrheit über diese finstere Welt, ohne das Elend für ein paar starke Sätze zu verraten. Er ruft sein Publikum an aus einer fernen Zone, aus den Straßen des Todes. "Für manche waren sie ein Anfang; für die meisten jedoch waren sie der Anfang vom Ende." Y
* Jess Mowry: "Megacool". Rowohlt Verlag, Reinbek; 312 Seiten; 34 Mark. "Oakland Rap". Rowohlt Verlag, Reinbek; 188 Seiten; 9,90 Mark.

DER SPIEGEL 9/1994
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