04.05.1992

PhilosophenHölle zu zweit

In einer postum veröffentlichten Autobiographie beschreibt der französische Philosoph Louis Althusser, wie er seine Frau tötete.
An einem grauen Novembermorgen des Jahres 1980 besiegelte der Meisterdenker sein Schicksal. In einer Dienstwohnung der Pariser Elitehochschule "Ecole normale superieure" erwürgte Louis Althusser in geistiger Umnachtung seine Frau.
Der asketische Gelehrte hatte mit seiner rigoros vom Menschen absehenden, allein auf die sogenannten Verhältnisse verweisenden Auslegung des Marxismus ("Für Marx"; "Das Kapital lesen"; beide 1965) eine ganze Generation von Intellektuellen in Bann geschlagen. Nun wurde er aufgrund von psychiatrischen Gutachten ohne Prozeß in eine Anstalt eingewiesen - lebendig begraben, lange bevor er 1990 einer Herzattacke erlag.
Die Hintergründe der Wahnsinnstat lagen bisher im dunkeln. Sie blieben so umstritten wie die theoretische und politische Position des scheuen Philosophen: Als prominentester Ketzer der französischen Kommunisten hatte Althusser in den siebziger Jahren die versteinerte Partei aufs schärfste kritisiert, zugleich aber einen "theoretischen Antihumanismus" verkündet und damit die Anhänger eines menschenfreundlichen Sozialismus gegen sich aufgebracht. "Der Teufel ist mir lieber", sagte Leszek Kolakowski, der polnische Philosoph, über Althusser.
Ein soeben in Frankreich erschienenes Selbsterforschungsbuch, das Althusser 1985 abgeschlossen und zur postumen Veröffentlichung bestimmt hatte, enthüllt nun die Innenansicht einer beklemmenden Psychopathologie*. Dem Haupttitel des Werkes, "Die Zukunft dauert lange", fügte der Philosoph im Manuskript den Untertitel "Kurze Geschichte eines Mörders" hinzu.
Klar und in makelloser Prosa zeichnet Althusser ein Seelendrama nach. Nicht rechtfertigen oder gar anklagen wollte er, sondern sich erklären: den erdrückenden "Grabstein anheben", der seit seiner Entmündigung auf ihm lastete. _(* Louis Althusser: "L''avenir dure ) _(longtemps". Editions Stock/Imec, Paris; ) _(360 Seiten; 133 Francs. )
Althusser hat genau recherchiert: Er hat psychiatrische und psychoanalytische Befunde über seine Person verarbeitet. Er hat die mit seinem Fall befaßten Ärzte eingehend befragt und zusätzlich Spezialisten zu Rate gezogen. Er hat Berge von Artikeln der internationalen Presse über den "Fall Althusser" durchgearbeitet. Und er hat jenen umstrittenen Paragraphen 64 des französischen Strafgesetzbuches rechtshistorisch untersucht, der aus dem Jahr 1838 stammt und auf dessen Grundlage er 1980 ohne Verfahren für schuldunfähig erklärt wurde.
Der Text setzt mit Althussers Erinnerung an die Tötungsszene ein: Seine Frau liegt am Bettrand, er massiert sie, wie er es schon oft getan hat, doch diesmal nicht am Rücken, sondern am Hals. Er spürt "eine große muskuläre Müdigkeit in den Unterarmen", unbeweglich, heiter und stumm fixiert seine Frau die Zimmerdecke. Plötzlich erfaßt ihn Entsetzen: Ein Stück Zunge ragt zwischen den Lippen der Regungslosen hervor. "Ich richte mich auf und schreie: Ich habe Helene erwürgt."
Dem Rückblick auf seinen Mord, bei dem er geistig abwesend war, läßt der Verfasser eine Autobiographie folgen. Bei aller Bemühung um Faktentreue schreibt der Philosoph vor allem die Geschichte seiner Gefühle und Phantasien und folgt damit einem klassischen Motiv der Psychoanalyse, deren Praxis Althusser in langjähriger Behandlung erfuhr.
Die Kindheit in Algerien steht im Schatten eines übermächtigen Schuldgefühls, das zwei Ursachen hat. Althusser trägt den Vornamen eines Bruders seines Vaters, den seine Mutter geliebt hat und der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Als Sohn, der aus der Vernunftehe der Mutter mit dem Bruder des von ihr geliebten Mannes hervorging, quält sich Louis Althusser damit, nicht um seiner selbst, sondern um eines anderen willen geliebt zu werden. Er fühlt sich schuldig am Tod des Onkels. Dessen Name, sein eigener, flößt ihm "buchstäblich Entsetzen" ein.
Zudem vermittelt ihm eine von Phobien besessene Mutter Angst und Abscheu vor jeder Form von Sinnlichkeit. So kommt es, daß er im reifen Alter von fast 30 Jahren zum ersten Mal mit einer Frau schläft - mit ebenjener Helene Rytmann, die er 33 Jahre später erdrosseln wird.
Nach diesem ersten Geschlechtsakt stürzt Althusser in einen Abgrund von Angst. Ein Psychiater diagnostiziert "Wahn im Frühstadium" und veranlaßt die sofortige Einweisung in eine psychiatrische Klinik.
Dort traktiert ihn ein Mann, der wegen seines Schnauzbarts und seiner grimmigen Späße auf den Spitznamen "Stalin" hört, mit Elektroschocks, die der Patient nur mit einem Handtuch zwischen den Zähnen aushält. Mehrere Monate dauert dieses Martyrium, dem in den späteren Jahrzehnten immer neue manisch-depressive Krisen folgen.
Helene Rytmann umhegt den Philosophen in fürsorglicher Belagerung und läßt heimlich das Kind abtreiben, das er bei seinem ersten Sexualakt gezeugt hat. Acht Jahre älter als er und, wie Zeugen versichern, äußerlich nicht eben anziehend, hat sie sich, lange vor Althusser, mit geradezu mystischer Inbrunst dem Klassenkampf verschrieben. Zwischen ihr und Althusser entwickelt sich eine symbiotische Haßliebe.
Jean Guitton, der französische Nestor der katholischen Philosophie, der mit seinem einstigen Musterschüler Althusser mehr als fünf Jahrzehnte befreundet war, beschreibt Helene Rytmann als eine Art Mutter Teresa des Proletariats. Sie ist es, die den ehemals glühenden Katholiken Althusser für die Heilsbotschaft des Kommunismus gewinnt.
Nach Überzeugung von Guitton verbarg sich hinter dem sonderbaren Marxisten Louis Althusser ein heimlicher Mystiker. Guitton berichtet von einer fixen Idee des Ehepaars aus den späten siebziger Jahren: Nur durch eine Verständigung zwischen Moskau und Rom sei die ansonsten zum Untergang verurteilte Menschheit noch zu retten. Diesen Welterlösungsplan wollte Louis Althusser Ende 1980 bei einer durch Guitton arrangierten Audienz im Vatikan Papst Johannes Paul II. vortragen - die Mordtat verhinderte die bereits anberaumte Begegnung.
Womöglich diente die Mystik dem Ehepaar Althusser als gemeinsamer Fluchtpunkt aus der unerträglichen Dauerkrise eines Alltags, den Freunde als "Hölle zu zweit" beschrieben. Auch Helene befand sich in psychoanalytischer Langzeitbehandlung, am Ende beim selben Therapeuten wie ihr Mann.
Als sich im November 1980 bei Althusser wieder einmal eine akute Nervenkrise abzeichnete, verordnete der Analytiker seine Einweisung zur stationären Behandlung für den 17. November. Zu spät. Am Sonntag, dem 16. November, tötete der Philosoph seine Frau.
* Louis Althusser: "L''avenir dure longtemps". Editions Stock/Imec, Paris; 360 Seiten; 133 Francs.

DER SPIEGEL 19/1992
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