15.06.1992

DopingLetzter Versuch

Im Fall Krabbe ist ein neuer Zeuge aufgetaucht: Angeblich hat Krabbe-Trainer Springstein die Anabolika verabreicht, ohne daß die Sprinterin es wußte.
In der Stunde der Not wünschte sich Thomas Springstein weit weg. Drei Tage nachdem die ersten Meldungen über den Dopingverdacht gegen den Springstein-Schützling Katrin Krabbe in der Welt waren, griff der Neubrandenburger Leichtathletik-Trainer zum Telefon, um dem anbrechenden Drama zu entfliehen.
Springstein rief Theo König, 62, an und fragte ihn, ob er ihm einen Trainer-Job in Südafrika vermitteln könnte. König hatte als Geschäftsmann jahrelang in Südafrika und Namibia gelebt. Dabei hatte er sich auch einen Namen gemacht, weil er den vom Sport-Boykott betroffenen Fachverbänden geholfen hatte, in die internationalen Organisationen zurückzukehren.
Südafrika-Fan König, der seine älteren Tage in Fulda verlebt, verabredete sich mit Springstein. Er besuchte den Trainer in Neubrandenburg, wo ihm Springstein einen Schlafplatz im Wohnheim des SC Neubrandenburg besorgte. Tags darauf fuhr Springstein seinen Gast in seinem braunen Audi Avant wieder nach Fulda.
Dort habe der Trainer seinem Bekannten im Hotel "Zum Kurfürst" ein Geheimnis offenbart: Springstein allein sei für die Dopingmanipulation der Sprinterinnen Katrin Krabbe, Grit Breuer und Silke Möller im südafrikanischen Stellenbosch verantwortlich.
Falls Springstein nicht von sich aus bis Mitte dieser Woche seine Geschichte wiederholt hat, will König nun den Inhalt des Treffens veröffentlichen. Der Kaufmann stellte Springstein ein Ultimatum. Er ärgerte sich, daß der Krabbe-Clan zunächst seine südafrikanischen Freunde beschuldigt hatte, die Dopingproben unfachmännisch behandelt zu haben, und Springstein später nicht zu einem öffentlichen Schuldeingeständnis bereit war.
Damit kann die Krabbe-Affäre knapp zwei Wochen vor der entscheidenden Verhandlung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) in London, der den Dopingfall abschließend beurteilen wird, eine neue Wendung nehmen: Zum erstenmal gäbe es zumindest ein Teilgeständnis. Bisher hat Springstein jede Beteiligung an der Urin-Manipulation bestritten.
Der Trainer habe den Athletinnen, so erzählt König aus seinen Sitzungen mit Springstein, anstelle der üblichen Antibabypillen andere Tabletten untergeschoben. Damit der Tablettentausch nicht aufflog, habe er bei den Dopingproben die Urine ausgetauscht.
Um die chemisch schnell gemachten Mädchen bei den Dopingproben zu schützen, habe Springstein (Branchenname: Trickstein) stets vorgesorgt. Seine Ehefrau Conny habe in den Trainingslagern für anabolikafreien Urin gesorgt, der dann gegen den Harn von Krabbe und Breuer getauscht worden sei. Dies sei zumeist sehr einfach gewesen, da die Proben oft lange Zeit unbeobachtet herumgestanden hätten - so auch im Zinnowitzer Trainingslager vor der letztjährigen Weltmeisterschaft in Tokio.
Lange Zeit blieben die Manipulationen unbemerkt, bis dann im Februar der Kölner Dopinganalytiker Professor Manfred Donike feststellte, daß der von Krabbe, Breuer und Möller in Stellenbosch abgegebene Urin völlig identisch war. Durch Nachuntersuchungen fand Donike zudem heraus, daß auch die Zinnowitzer Proben von Krabbe und Breuer gleich waren.
Springstein habe befürchtet, daß Donike noch eine dritte Manipulation entdecken könnte. Denn auch bei einem Dopingtest in Seoul, wenige Tage vor dem Start bei der Weltmeisterschaft in Tokio, habe er, so will König von dem Trainer erfahren haben, manipuliert.
Weil seine Frau nicht mit in das Vorbereitungslager gefahren war, habe er den Urin aus Deutschland mitbringen müssen. Was Springstein offenbar nicht ahnte: Durch den langen Transportweg waren die Proben so vergammelt, daß Donike zu keinen exakten Laborergebnissen kommen konnte.
Springsteins Angst indes, daß Krabbe durch Donikes Enthüllungen womöglich auch noch ihre beiden Weltmeistertitel verlieren würde, sei so groß gewesen, daß er sich im Februar entschloß, nach Südafrika auszuwandern. Durch ein öffentliches Bekenntnis habe er gleichzeitig die Schuld auf sich laden wollen, um so die Sprinterinnen vor einer Sperre zu bewahren.
Lange Zeit hätte es ausgesehen, so erzählt König, als ob "der Plan klappen würde". Doch bevor genügend Geld für eine Übersiedlung nach Afrika zusammen war, übernahm der Dortmunder Rechtsanwalt Reinhard Rauball die Verteidigung der Sprinterinnen.
Rauball entwarf eine völlig neue Marschroute mit dem Ziel, verfahrenstechnische Fehler bei den Dopingproben geltend zu machen. Mit dem Freispruch vor dem Rechtsausschuß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) schien Rauballs Strategie zunächst aufzugehen.
Doch nachdem nun auch der internationale Verband gegen Krabbe, Breuer und Möller ermittelt, ist es, so König, "Zeit, die Hosen herunterzulassen". In der vorvergangenen Woche habe er Springstein nochmals aufgesucht. Doch der habe inzwischen Angst, in Neubrandenburg "in Stücke gerissen zu werden", wenn die ganze Wahrheit herauskäme.
Bis zum Dienstag setzte er Springstein ein Ultimatum. Wenn der Trainer sich bis dahin nicht offenbare, "werde ich mit Beweisen an die Öffentlichkeit gehen". Springstein war bis Ende vergangener Woche zu den neuen Vorhaltungen nicht ansprechbar.
Womöglich ist diese Aktion auch nur der allerletzte Versuch, durch das "Bauernopfer" Springstein den zu erwartenden Sperren von Krabbe und Kolleginnen durch die IAAF zuvorzukommen.
Vielversprechend ist er nicht: Die Athletinnen müßten schon sehr glaubhaft erklären, warum sie monatelang in den jeweiligen Trainingslagern und trotz öffentlicher Dopingvorwürfe die fremden Tabletten statt der normalen Antibabypillen geschluckt haben. Und Springstein müßte, um glaubwürdig zu erscheinen, exakt aufzeigen, wie er bei den Dopingproben den Urin der Sportlerinnen gegen den Harn seiner Ehefrau austauschen konnte.
Der DLV-Dopingbeauftragte Rüdiger Nickel, dem König die Springstein-Geschichte bereits vor Wochen anvertraute, hält solche Verteidigungsvarianten für abwegig. Ein bloßes Schuldeingeständnis des Trainers sei noch lange kein Freibrief für die Athletinnen: Leicht könne "irgend etwas konstruiert werden", nur um "die Athletinnen zu befreien". Vorsorglich hat Nickel aber schon einmal ein Ermittlungsverfahren gegen Springstein eingeleitet.

DER SPIEGEL 25/1992
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