24.05.1993

„Dann herrscht Wildwest“

Die exklusive Runde traf sich am Sonntag, dem 18. April. Im Bad Homburger Privathaus von Erika Emmerich, der Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, diskutierten die Chefs von Mercedes-Benz, BMW, Opel, VW und Bosch-Verweser Hans Merkle über eine beispiellose Aktion: VW hatte neben Ignacio Lopez sieben weitere GM-Manager abgeworben und insgesamt 40 Führungskräften des Konkurrenten ein Übernahmeangebot vorgelegt.
Solche Methoden waren bis dahin nur im amerikanischen Eishockey üblich, wo ganze Mannschaften von der Konkurrenz aufgekauft werden. Entsprechend heftig waren die Reaktionen der versammelten Automobilvorstände.
Mercedes-Chef Werner Niefer sagte, mit dem doppelten Gehalt könne man fast jeden Manager locken. Doch die deutschen Hersteller würden sich mit solchen Methoden nur "gegenseitig kaputtmachen". Wenn sich dieses Verhalten durchsetze, "herrscht hier Wildwest".
BMW-Lenker Eberhard von Kuenheim formulierte seine Kritik etwas feiner. VW habe mit der Abwerbeaktion "den Comment" gebrochen, der unter den Wettbewerbern bislang galt. Für Kuenheims Verhältnisse ist dies schon ein strenger Verweis. Es gibt wenig, das mehr Verachtung bei ihm hervorruft als ein Verstoß gegen die Spielregeln.
VW-Chef Ferdinand Piech hielt den Vorwürfen, wie stets mit langen Pausen zwischen den Sätzen, nur wenig entgegen. Das sei eben "Marktwirtschaft", sagte Piech.
Es ist ein seltsames Verständnis von Marktwirtschaft, das der Volkswagen-Vorstand pflegt. Selbstverständlich warb in der Industrie jeder bei jedem schon mal Manager ab. Doch es handelte sich stets um Einzelfälle und nicht um den Versuch, beim Wettbewerber ganze Führungsetagen zu entvölkern.
Das hat wenig mit Marktwirtschaft und wenig mit geltendem Recht zu tun. Das Landgericht Frankfurt untersagte Volkswagen inzwischen, in Zukunft planmäßig Führungskräfte des Konkurrenten abzuwerben. Opel-Chef David Herman will die sieben bereits zu VW gewechselten Manager nun sogar ein Jahr lang für jede Tätigkeit bei Volkswagen sperren lassen. Begründung: Konkurrenzausschluß.
Gerichtsentscheidungen werden VW-Chef Piech möglicherweise mehr beeindrucken als die Kritik der Kollegen. Als die versammelten Automobilchefs in Bad Homburg auseinandergingen, nahmen einige den Eindruck mit: "Der Piech will nicht kapieren, um was es geht."

DER SPIEGEL 21/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Dann herrscht Wildwest“

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte