18.04.1994

LiteraturGiftiges Insekt

Löffler, 51, Mitglied des "Literarischen Quartetts", lebt als Kritikerin in Wien.
Es ist sehr schwierig, diesen Schmetterling zu fangen. Er schwebt über die Schneisen der Amazonas-Urwälder - fast nie tiefer als sechs Meter Höhe. Er ist sehr rar, sehr schön und größer als eine gespreizte Hand. Das Männchen ist von leuchtendem Satinweiß, das Weibchen lavendelblau. Der Name des Falters: Morpho Eugenia.
Es ist sehr schwierig, diese junge Dame einzufangen. Sie heißt Eugenia und ist die älteste Tochter von Sir Harald Alabaster, dem Herrn von Bredely Hall in der Grafschaft Surrey. Gesellschaftlich schwebt sie hoch über ihrem Bewunderer, dem Insektenforscher William Adamson, Sohn eines Metzgers - ein weiß-goldenes Prunkgeschöpf, immer in leuchtende, pastellfarbene Seiden gehüllt und so begehrenswert, flüchtig und unerreichbar wie "die herrlichen seidengleichen Schmetterlinge" Amazoniens.
Zehn Jahre lang hat Adamson im brasilianischen Dschungel die "sozialen Insekten" erforscht, vor allem Bienen und Ameisen, aber auf der Rückfahrt ging fast sein ganzes wissenschaftliches Material verloren - bis auf zwei schöne Exemplare von Morpho Eugenia. Die schenkt er der angebeteten Eugenia.
Auf Bredely Hall hat sich Adamson nun, 1859, als Archivar verdingt: Er soll die Kunterbunt-Kollektionen des Hobby-Sammlers Alabaster in irgendeine Ordnung bringen. Außerdem hofft er, gegen jede soziale Vernunft, des raren Edelfalters Eugenia doch noch habhaft zu werden.
Man sieht schon: "Morpho Eugenia", der neue Roman von Antonia S. Byatt*, ist eine historisch plazierte Geschichte, die mit gelehrsamen Analogien zwischen Liebe und Schmetterlingskunde ihr extravagantes Spiel treibt. Das Vergnügen an erlesenen (auf- und angelesenen) Raritäten und der Spaß an epochenverschiebenden philosophischen, theologischen und literarischen Anspielungen haben es der britischen Schriftstellerin, Kritikerin und Literatur-Professorin angetan, wie dies bei Erfolgsautoren der Postmoderne die Regel ist.
Als Antonia S. Byatt, Jahrgang 1936, noch hauptberuflich am Londoner University College lehrte, war die englische Literatur des 19. Jahrhunderts ihre Domäne. Zwischen Wordsworth, Browning und George Eliot fühlt sie sich auch heute, als freie Autorin, heimisch. Das viktorianische England ist ihr geistiger Tummelplatz, ihr Imaginarium. Die literarischen Tonfälle der viktorianischen Ära kann sie täuschend imitieren, den Sprach- und Denkgestus der Epoche meisterhaft simulieren - eine begnadete literarische Bauchrednerin.
Mimikry ist ihre besondere Kunstfertigkeit (böse Zungen meinen: ihre einzige). Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie am liebsten als männlicher Viktorianer wiedergeboren werden, sagt die Byatt: "Ich wäre gern ein viktorianischer Polyhistor, ein Rundum-Gelehrter. Aber keinesfalls eine viktorianische Frau. Als Frau kann man eigentlich nur heute leben wollen." _(* Antonia S. Byatt: "Morpho Eugenia". ) _(Aus dem Englischen von Melanie Walz. ) _(Insel Verlag, Frankfurt am Main; 240 ) _(Seiten; 38 Mark. ) Kaum verwunderlich daher, daß Byatts neuer Roman, eigentlich eine Novelle, die nur für den deutschen Markt zum Roman aufgeplustert wurde, zur Zeit Queen Victorias spielt - wie schon ihr vorletzter, "Possession", der ihr den literarischen Durchbruch in Bestseller-Höhen bescherte.
Unter seinem deutschen Titel "Besessen" war der Roman einer der Überraschungs-Hits des Vorjahres: ein anspruchsvoller literarischer Detektivroman rund um ein (erfundenes) englisches Dichterpaar des 19. Jahrhunderts, der zugleich als Love-Story, als Wissenschafts- und Universitätssatire sowie als viktorianisches Palimpsest gelesen werden konnte - als drübergeschriebene historische Imitation, die das Original immer täuschend durchschimmern ließ.
Beide Bücher spazieren so selbstverständlich durch den viktorianischen Ideenpark zwischen Darwin und Dickens, Ruskin und Rossetti, als wäre er unser aller intellektuelles Hausgärtchen. Und beide spielen, auf der Ebene des Plot, ganz durchtrieben mit der Spannungs- und Enthüllungstechnik des "Gothic Horror", des wohlig-sinistren Grusel-Schauers.
Denn die Familie Alabaster, namentlich die schöne Motte Eugenia, umgibt ein Geheimnis, das der Entomologe Adamson nur schrittweise lüften kann. Anfangs ganz eingesponnen in den Kummer um ihren toten Verlobten - einen Captain Hunt, der kurz vor der Hochzeit Selbstmord begangen hat -, entpuppt sich Eugenia allmählich als ein giftiges Insekt, von dem man lieber die Finger lassen sollte. Den liebesverblendeten Insektenkundler kostet dieser Erkenntnisprozeß etliche Jahre - und den Umweg über eine Schmetterlingswolke und eine unglückliche Ehe.
Erst das Studium von Bienenvölkern und Ameisenstaaten öffnet Adamson die Augen für die unheimlichen Analogien in seiner nächsten Umgebung. Er entwickelt einen doppelten Blick auf seine Welt - eine Parallel-Perspektive, die in England auch Amazonien mitsieht und in der Raupe auch die Kehrseite des Schmetterlings. Mehr noch: Die Insektenwelt, gebannt wie sie ist in den Kreislauf ihrer Metamorphosen, in den Zyklus ihres Gestaltwandels dünkt ihn als geheimnisvolles Beispiel fürs menschliche Treiben.
Zu Beginn erscheint dem jungen Archivar von Sir Haralds Chaos-Kollektion die Welt von Bredely Hall noch wie ein Paradies. Mit dem Hausherrn erörtert er die brisanteste Streitfrage der Epoche, den Darwinismus als Verdränger eines gütigen Schöpfer-Gottes, und disputiert sich als milder Agnostiker gekonnt durch alle Gottesbeweise und Glaubenszweifel.
Er huldigt Eugenia, indem er im Wintergarten, einem künstlichen Garten Eden, eine Schmetterlingswolke für sie inszeniert - mit durchaus zweideutigen symbolischen Folgen. Am Tage umgaukeln die Falter die Riesenmotte Eugenia aufs delikateste, aber in der Nacht wandelt sich das heitere Spektakel sofort ins Dämonische - wenn die Mottenmännchen dem Weibchen besessen nachstellen. Kein gutes Omen für die Hochzeit mit Adamson, in die Eugenia überraschend einwilligt.
Während Eugenia Baby auf Baby produziert - lauter exakte Replikas der Alabasterschen Familienmerkmale -, beginnt ihr Gatte die Welt von Bredely Hall als einen dämonischen Bienenstock zu begreifen: den Herrensitz als abgeschlossenes und komplex geordnetes Sozialgefüge mit akkurat verteilten Rollen - Königin, Domestiken, Drohnen. Wie''s den Drohnen letztlich ergeht, weiß Adamson nur allzu genau.
Verständlich, daß sich der Insektenforscher in der Drohnen-Rolle zunehmend unbehaglicher fühlt. Wäre da nicht ein zweiter Misfit im Stock - Matty Crompton, die Gouvernante. Mit ihr gemeinsam gelingt Adamson schließlich der Ausbruch - weg aus der engen, dumpfen Mottenwelt, zurück in die schöne Schreckenswildnis Amazoniens.
Ehe Antonia Byatt leicht und elegant in "Possession" von einer literarischen Schnitzeljagd und in "Morpho Eugenia" von Motten und Menschen zu erzählen begann, galt sie den Briten nur als die gelehrte, ältere Schwester der Erfolgsautorin Margaret Drabble. Maggie war der strahlende Darling der Bücherwelt, Antonia, eingehüllt in die akademische Aura von Cambridge, stand im Schatten und litt Eifersuchtsqualen.
Die Rivalität hat sie sich von der Seele geschrieben: Ihr Roman "The Game" (1967) erzählt, quasi-autobiographisch, das komplexe Verhältnis zweier Schwestern, einer Oxford-Professorin und einer populären Romanschriftstellerin.
Doch für Düsternis hatte die Byatt bald weiteren Grund. 1972 verlor sie ihren einzigen Sohn Charles, der drei Tage nach seinem elften Geburtstag unter ein Auto geriet. Der Mutter kam für viele Jahre die Welt abhanden - die Lust am Leben und Schreiben versiegte. "Wenn das nicht geschehen wäre, hätte ich mehr geschrieben - und anders." Erst als die jüngste ihrer drei Töchter das magische Datum überschritt, löste sich der Bann. "Die Wolke hob sich", sagt Byatt, "als Miranda älter wurde als Charles. Ich war in Panik vor ihrem elften Geburtstag. Als sie zwölf wurde, begann ich mich zu erholen."
So kam''s, daß die Byatt erst jenseits der 50 zu Ruhm und Reichtum gefunden hat. Erst jetzt verfügt sie über die nötige Souveränität, um mit dem gelehrten Tiefsinn postmodern spielen zu können. "Ich habe die Komödie erlernt. Wie Iris Murdoch glaube ich heute, daß der Roman im wesentlichen eine komische Form ist. Wäre mein Sohn nicht gestorben, hätte ich das früher begriffen." Y
Spiel mit viktorianischem Grusel-Schauer
Die Welt als dämonischer Bienenstock
* Antonia S. Byatt: "Morpho Eugenia". Aus dem Englischen von Melanie Walz. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 240 Seiten; 38 Mark.
Von Sigrid Löffler

DER SPIEGEL 16/1994
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