24.05.1993

„Der Mann kennt alle Kniffe“

Detroit, die Auto-Stadt, hat Figuren wie Henry Ford II. und Lee Iacocca überlebt. Doch keiner hat die Geister derart geschieden wie der Baske Jose Ignacio Lopez de Arriortua, der entflohene Einkaufschef von General Motors.
Der Mann, heißt es in der General-Motors-Gemeinde, entziehe sich menschlichem Maß. Er könne nur vergöttert oder gehaßt werden. Denn anders als der bullige Henry und der eitle Iacocca verströmt Lopez die Besessenheit des Sektenführers, der eine Weltreligion will.
Sein holpriges, mit baskischem Akzent versetztes Englisch verschafft ihm Distanz zum Fußvolk. Die oberen Ränge der Gesellschaft dagegen erliegen, wie bei dem Österreicher Arnold Schwarzenegger, dem Aphrodisiakum des fremdländischen Akzents. In seinen Heilslehren für Einkäufer und Kostendrücker des Konzerns gelingen dem Spanier einprägsame Simplifizierungen, wie Gläubige und Unternehmensführer sie lieben.
Im General-Motors-Imperium, das sich schwertut mit romanischen Sprachen, hieß der talentierte Ignacio Lopez rasch "Inaki" - ein Kürzel, das europäische, fernöstliche und indianische Exotik vereint. Schon bald gab es den Inaki-Kult.
Um sich herum scharte er eine Kerntruppe Gläubiger, die er nach Samurai-Art "meine Krieger" nannte. Die wurden darauf gedrillt, mit den Zulieferern umzuspringen wie Staatsanwälte mit kleinen Ganoven. Die Preise, spornte Inaki seine Jünger an, hätten um zweistellige Prozentsätze und immer wieder zu sinken, zu sinken, zu sinken.
Wer Inaki in der wöchentlichen Rapport-Runde ein angemessenes Ergebnis vorzeigen konnte, wurde durch kollektives Knöchelklopfen am Tisch geehrt. Wer unter den Vorgaben lag, sah sich durch Schweigen bestraft.
"Der Mann kennt alle Kniffe", so ein einstiger Mitarbeiter des Einkaufszaren, "er weiß, wann er Emotionen, kleine Zoten, Ironie, große Drohungen, offene Ruchlosigkeit und klare Lügen einzusetzen hat." Und auch Symbole. Erbarmungslos zwang der Meister seine Jünger, die Armbanduhren rechts zu tragen, denn das ist - zumindest für Rechtshänder - unbequem. Es solle stets daran erinnern, daß die gemeinsamen Ziele noch nicht erreicht seien.
Ignacio Lopez de Arriortua wurde 1941 in einem baskischen Arbeiternest bei Bilbao geboren und bezieht nach eigenen Worten seine innere Robustheit immer noch von dort. Als baskische Tugenden nämlich gelten Unabhängigkeit, Loyalität, Clan-Bewußtsein und Lokalpatriotismus - Eigenschaften, die Ignacio gelegentlich nach Gutdünken auslegt.
1966 verließ Lopez mit einem Ingenieursdiplom die Universität Bilbao und war damit der erste studierte Techniker seines Dorfes. Es dauerte gleichwohl 14 Jahre, bis er aus dem geographischen Weichbild seines Geburtsortes heraustrat.
Der erste größere Job, bei einer Westinghouse-Niederlassung, lag 23 Kilometer entfernt. 1969 wechselte Lopez für elf Jahre in eine Niederlassung des US-Reifenherstellers Firestone, nur 10 Kilometer von der Scholle entfernt.
Die Wende kam am 23. Februar 1979: General Motors bot dem Heimatbesessenen einen Führungsjob beim Aufbau des neuen Opel-Werkes in Saragossa an - 300 Kilometer vom Geburtsort. Vom 1. Juni 1980 an hieß die Heimat General Motors, und Ignacio hieß Inaki.
In Saragossa wurde aus dem Provinz-Techniker der Kreuzzügler des industriellen Kosten-Managements. Von dort stammt der harte, der Spanisch sprechende Kern seiner Jünger, der unverdrossen mit ihm zog, wo immer es hinging. Von Saragossa nach Rüsselsheim, nach Zürich und Detroit, schließlich nach Wolfsburg.
In Saragossa, rühmt sich der Baske, habe er dem Opel-Management beigebracht, wie eine effektive Fabrik gebaut sein müsse: durch Ausmerzen unnötiger Schritte im Fertigungsprozeß. "Die Deutschen", freute sich Lopez, "planten, mit 12 000 Leuten 270 000 Autos zu bauen. Jetzt baut die Fabrik mit 9000 Leuten 370 000."
Sein Sparprinzip übertrug der Baske bald auch auf die Nachbearbeitung von Zulieferteilen und die Bürokratie. Sodann stellte er das Kalkulationssystem der Industrie auf den Kopf. Lopez verkündete, der Preis habe sich nicht nach den Kosten, sondern die Kosten nach dem Preis plus veranschlagtem Gewinn zu richten.
"Der beste Weg, den Gewinn zu erhöhen", verkündete Lopez, "ist die Kostenreduzierung." Lopez stellte sich als Begründer einer neuen Heilslehre dar. Jack Smith, damals Chef von General Motors of Europe, erkannte 1986 das Verführerische der Lopez-Religion. Sie war imstande, sämtliche Verkrustungen im Konzern aufzubrechen.
Smith beorderte den Basken erst als Chefeinkäufer zu Opel, schließlich in die Zürcher Europa-Zentrale des GM-Konzerns. Inaki fiel den Zulieferern von Opel mit Betriebsbesichtigungen auf die Nerven, deren regelmäßiges Ergebnis war: Ihr macht zu viele überflüssige Schritte.
Weihnachten 1990 schrieb der Besessene seine Einkaufsbibel PICOS ("Purchased Input Concept Optimization with Suppliers"). Darin stecke, erzählte Lopez seinem Ziehvater Jack Smith, Produktivitätszuwachs ohne Investitionen. Das wirkte auf Smith wie eine Droge. Als er 1992 durch eine Palastrevolution an die GM-Spitze gehoben wurde, holte er Inaki und seine Krieger nach.
Auf der ersten Lieferantentagung in den USA am 2. Juni erklärte Lopez sämtliche bereits geschlossenen Verträge für wieder offen. Er bäte um neue Preisideen. Um den Wettbewerb anzuheizen, verteilte seine Prätorianergarde gelegentlich vertrauliche Blaupausen von Zulieferern für selbstentwickelte Autoteile an jeweils zehn Konkurrenten: Ob sie das nicht billiger machen könnten?
Mit sochen Kniffen holte der gerissene Spanier für General Motors gleich im ersten Anlauf rund eine Milliarde Dollar herein. Die Zulieferer machten Verluste. Lopez, nörgeln GM-Manager, habe überzogen. "Die guten Lieferanten laufen weg, weil GM vertragsbrüchig geworden ist."
Das System GM begann, Lopez wieder abzustoßen wie fremdes Gewebe. "Jack Smith hat sein Ziel erreicht", so ein Insider, "Lopez hat die Zentrale hübsch durchgeschüttelt. Das reichte." Kultführer Inaki schien den Wandel zu spüren.
Zehn Monate nach Dienstantritt in Detroit veranstaltete er im eleganten Westin Hotel eine Show für Zulieferer und Einkäufer, bei der er selbst als Spitzen-Entertainer auftrat. Ein spanischer Priester wurde eingeflogen, um das Festmahl zu segnen.
Vier Tage später erzählte Inaki seinen Jüngern, daß er gehen werde. Augenzeugen berichten, die Jünger hätten geweint. General Motors behauptet, der Abgang mache nichts aus, weil Inakis Systeme bleiben würden. Wall-Street-Analysten fürchten, der kreative Schwung im Unternehmen werde nun verpuffen. Zudem wisse Inaki über zehn Jahre GM-Planung Bescheid.
General Motors ist verletzt. Jose Ignacio Lopez hatte einen Vertrag mit VW unterschrieben. Bei General Motors besaß er keinen. Wer dort ganz oben sitzt, so das alte Detroiter Kulturgut, werde freiwillig nie gehen.
Nun ging einer, und andere folgten ihm: Inaki, der Baske, hatte die Unabhängigkeit über die Loyalität gesetzt.

DER SPIEGEL 21/1993
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