16.05.1994

LiteraturDie ewige Leidenschaft

Ihr Ehemann? Der sei ein Arschloch, sagt Josephine Belliard. Daß Monsieur Belliard, der Verfasser billiger Romane, einen Ehebruch von ihr literarisch verarbeitet habe: Das sei seine Sache. Dafür hat sie als Lektorin sogar Verständnis. Aber muß er das auch noch veröffentlichen? Mit allen Details? Und der Hauptfigur ihren Namen geben? Peinlich: Jeder in Paris, der sie kennt, lese das Buch.
"Was soll ich machen?" fragt sie den Amerikaner. "Ich sag'' ihm Lebewohl."
Der Amerikaner in Paris heißt Martin Austin und stammt aus Chicago. Als Papierhändler kommt er gelegentlich nach Europa. Und da trifft er auf einem Pariser Verlagsempfang die "kleine, schmale, dunkelhaarige Französin in den Dreißigern", die ihm von ihrer geplanten Scheidung erzählt. So fängt die Geschichte an.
Ihr Autor, der Amerikaner Richard Ford, 50, kommt schnell zur Sache. Schon nach zwei Seiten ist in seiner neuen Erzählung über die Hauptfiguren scheinbar alles gesagt. Und die Konstellation sieht ebenfalls eindeutig genug aus - schließlich heißt der Titel, der über allem steht: "Der Frauenheld"*.
Indes, ein typischer "womanizer", wie der Originaltitel sagt (was eigentlich eher den Schürzenjäger als den heldenhaften Ladykiller meint), ist der Mann nicht. Auch das wird schnell klar. Austin, kinderlos verheiratet, ist 44 - ein Alter, in dem einer ins Grübeln kommen kann. Zumal in dieser Stadt.
Am nächsten Tag ruft er bei Josephine an, ein "zielloser, tastender Anruf". Vielleicht kann er mit ihr schlafen. Doch so weit wagt er noch gar nicht zu denken: "Es war bloß eine Möglichkeit, eine unvermeidliche Option." Solche Bettgeschichten hat er sich auf Geschäftsreisen ab und zu geleistet. _(* Richard Ford: "Der Frauenheld". Aus ) _(dem Amerikanischen von Martin Hielscher. ) _(S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; ) _(116 Seiten; 29,80 Mark. )
Aber in den wenigen Tagen, die er noch in Paris bleibt, wird nichts draus. Warum? Will Josephine ihn nicht? Wenn es so einfach wäre, dann wäre es eine sehr einfache Geschichte. Die Geschichte, die Ford erzählt, sieht aber nur so aus. Seine Sätze sind auf trügerische Weise klar und verständlich.
Seine Figuren sind weder das eine noch das andere. Was wollen sie eigentlich voneinander? Die beiden treffen sich. Sie gehen zusammen ins Kino, ins Museum, ins Restaurant. Sie verhalten sich wie ein Liebespaar. Austin lernt Josephines vierjährigen Sohn Leo kennen. Doch wenn sie ihn in ihrem kleinen Opel ins Hotel zurückfährt, spürt Austin, daß der Verwirklichung seiner diffusen erotischen Wünsche etwas entgegensteht - vielleicht er selbst.
Da sitzen sie im Auto: am vorerst letzten gemeinsamen Abend in Paris - noch eine Chance für eine kleine Liaison, für die fällige Stunde im Hotel? Mit einem schlichten Satz vermag Ford die Situation zu klären: "Josephine schien darauf zu warten, daß der Sitz neben ihr leer wurde."
Der kluge Erzähler läßt seine Geschichte laufen, wenn sie einmal in Gang gesetzt ist. Richard Ford ist kühn genug, lediglich zuzuschauen, was passiert. Nicht nur beim "Frauenhelden": Scheinbar mühelos treiben fast alle seine Erzählungen und Romane an der Oberfläche dahin - ihre Kunstfertigkeit ist gut verborgen. Hinter der schlanken Erzählform, bei Fords Vorbild Raymond Carver abgeschaut, läßt sich die artistische Anstrengung nur ahnen.
"Was wir von Geschichten erwarten, das ist: die ewige Leidenschaft in einem Herzen zu enthüllen, in dem bereits alles bekannt und entdeckt schien", lautet eine der seltenen poetologischen Verlautbarungen Fords. Er ist kein Theoretiker der Schreibkunst. Aber er weiß, was er will. "Ich möchte nur Charaktere beschreiben, die so unkalkulierbar wie das Leben sind", lautet sein Credo. In der Sparsamkeit seiner Mittel sei er rigoros. Das Ende ("nicht einfach ein Schluß") einer Erzählung wünscht er sich wie eine Supernova, ein Ende, "das einen nach Luft schnappen läßt".
Geboren wurde Ford in Jackson im Staate Mississippi. Seine Eltern reisten viel, sein Vater arbeitete als Vertreter und starb, als der Junge 16 Jahre alt war. Schon vorher lebte er die meiste Zeit bei den Großeltern, zu seiner Mutter hatte er zumeist telefonisch Kontakt. Daß er nicht auf die schiefe Bahn kam, hält er heute noch für ein Wunder - und sein Einfühlungsvermögen für gestrandete und umtriebige Figuren mag damit zusammenhängen. Angeblich hat ihn die Mutter gewarnt: "Ruf mich niemals aus einem Gefängnis an. Denn es würde niemand für dich da sein!"
Ford war ewig auf Achse. In 20 Jahren hatte er ebenso viele Adressen. Seit einiger Zeit besitzt er ein schönes Haus in New Orleans, mitten im Vieux Carre, ein paar Straßen vom Mississippi entfernt: erworben von den Honoraren seiner Bücher, worauf er stolz ist.
Sein Debütroman erschien 1976: "Ein Stück meines Herzens". Doch erst "Verdammtes Glück", das faszinierende Epos über einen Vietnamveteranen, der in Mexiko den Bruder seiner Freundin aus dem Gefängnis holen will, machte ihn fünf Jahre später beim Publikum bekannt. Dieses Buch kam in Deutschland zunächst in einer äußerst unzulänglichen und viel kritisierten Übersetzung heraus - und ist nun gerade, parallel zum "Frauenhelden", in einer völlig neuen Fassung wieder erschienen*.
Vor kurzem erst hat Ford die Fortsetzung seines bisher erfolgreichsten Romans, des 1986 in den USA publizierten "Sportreporter", fertiggestellt: "The Independence Day".
Immer wieder aber reizt den Romancier zwischendurch die Short Story und die längere Erzählung: seine eigentliche Stärke, wie viele Kritiker meinen - und wie der Geschichtenband "Rock Springs" (1987), der kurze Roman "Wildlife" (1990) und jetzt auch "Der Frauenheld" eindrucksvoll demonstrieren. Diese neue Erzählung wurde zunächst in der britischen Zeitschrift Granta veröffentlicht. Bisher ist sie nur in Deutschland und Italien als Buch erschienen.
Sie haben kein Glück, die Amerikaner in Paris. Nicht anders als gut hundert Jahre zuvor Christopher Newman - in Henry James'' Roman "Der Amerikaner" - wird auch Martin Austin in Fords Erzählung am Ende abgewiesen. Freilich hat er es sich selbst zuzuschreiben.
Erst der Umstand, daß Austin die Begegnung nicht in eine handliche Ehebruchsgeschichte umwandeln kann, sorgt für Dynamit. _(* Richard Ford: "Verdammtes Glück". Aus ) _(dem Amerikanischen von Hans Hermann. ) _(Rowohlt Verlag, Reinbek; 320 Seiten; 36 ) _(Mark. )
Der erste Sprengsatz zündet, als der verhinderte Frauenheld nach dem vorläufig letzten Treffen mit Josephine von seinem Hotelzimmer aus frohgemut daheim anruft. Er hat sich schließlich nichts vorzuwerfen. Das Gespräch indes gleitet alptraumhaft aus. Kein Wunder: Frauen hören Niederlagen heraus, zumal Ehefrauen. Und werden gerade skeptisch. Barbara im fernen Chicago spürt bei ihrem Mann eine Unzufriedenheit, die er sich selbst nicht eingesteht.
Dennoch verläuft die Wiederbegegnung zwischen den beiden in Amerika zunächst problemlos. Sie schlafen sogar miteinander: _____" Es war ein geübter, undramatischer Akt, eine Folge " _____" von Konventionen und Annahmen, liebevoll absolviert wie " _____" eine Liturgie, die zwar noch auf die Mysterien und das " _____" Chaos verweist, die ihn einmal zu einer atemlosen " _____" Notwendigkeit gemacht hatten, aber in Wirklichkeit nicht " _____" mehr viel damit zu tun hat. An der Digitaluhr auf der " _____" Kommode las Austin ab, daß das Ganze neun Minuten " _____" gedauert hatte, von Anfang bis Ende. "
Nach wenigen Tagen ist Austin, was ihn selbst am meisten überrascht, wieder in Paris. Barbara hat ihn - der zweite Sprengsatz - plötzlich "Arschloch" genannt. "Und du bist außerdem ein Frauenheld und ein mieser Typ. Und ich möchte mit alldem nicht mehr verheiratet sein. Basta."
Basta. Von Frankreich aus läßt Austin sich telefonisch unbezahlten Urlaub geben, von seiner Bank 10 000 Dollar schicken - und ruft Josephine zunächst nicht an. Mehrere Tage nicht. Warum mißfällt ihm plötzlich der Gedanke, "daß er bloß wegen Josephine Belliard in Frankreich war, bloß wegen einer Frau, und noch dazu wegen einer, die er in Wirklichkeit kaum kannte"?
Als er am dritten Tag bei Josephine anruft, drängt er, ohne ihr Zeit zu lassen, auf ein rasches Wiedersehen. Sie hat einen Termin? Gut, dann wird er eben so lange auf den kleinen Leo aufpassen. Er will ihm beibringen, wie man "Chicago Cubs" ausspreche. Was das sei, fragt die völlig überrumpelte Josephine. Eine Baseball-Mannschaft, erklärt er verwundert.
Und dann wieder so ein himmelschreiend schlichter Ford-Satz, der die Katastrophe ahnen läßt: "Und er fühlte sich, nur einen unerwarteten Augenblick lang, trostlos."
Die Katastrophe? Eher eine Farce, eine Peinlichkeit, ein unrühmlicher Abgang: ein Finale auf einem Spielplatz im Park. Keine Staatsaffäre, nicht einmal eine verhängnisvolle Affäre - nur ein recht erbärmlicher Frauenheld, der aus seiner Lebensroutine gerutscht ist.
Und gerade das kann Literatur zu Wege bringen, wenn sie sich nur von ihrem Pfad nicht abdrängen läßt: jenes "Private" zu erzählen, das, wie einst Max Frisch sagte, "in der Statistik enthalten ist, aber darin nicht zur Sprache kommt". Ford selbst formuliert es im Gespräch so: "Wir überleben nicht als Rasse, nicht als Kategorie, nicht als Spezies - wir überleben als Einzelwesen."
Das bleibt am Ende: eine kleine Verlorenheit im Jardin du Luxembourg. Und eine lebenskluge, wunderbare Erzählung aus Amerika. Y
Der Akt als Chaos und atemlose Notwendigkeit
Keine verhängnisvolle Affäre - nur ein erbärmlicher Ausrutscher
* Richard Ford: "Der Frauenheld". Aus dem Amerikanischen von Martin Hielscher. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 116 Seiten; 29,80 Mark. * Richard Ford: "Verdammtes Glück". Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann. Rowohlt Verlag, Reinbek; 320 Seiten; 36 Mark.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 20/1994
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