28.06.1993

Chaos in den Seelen

Während der ganzen "Strahlenopferkonferenz" scheint in Berlin die Sonne. Petra Kelly hält Vorträge, gibt TV-Interviews und sieht Freundinnen und Freunde. An ihrer Seite Gert Bastian. Sie wohnen im Kempinski. In der letzten Nacht geht sie, wie meist, erst gegen vier, fünf Uhr früh ins Bett. Es ist der 30. September 1992, der Tag vor ihrem Tod. Für ihren Lebensgefährten hinterläßt sie einen Zettel, schräg bis in alle Ecken bekritzelt mit folgenden Worten:
"Mein Gertilein! 1) Bitte rufe Blumen Domberg an (früh) in Bonn (1 Schale für 1. Okt. - 50 DM. Omis Geburtstag. Früh soll Schale dort sein. Mit Karte: Gert - Petra umarmen Dich fest zum 87. Geburtstag. Gottes Segen für Dich. 2) Bahnkarte 3) Wo liegt Sachsenhausen? 4) Frühstück bis . . .? (wenn bis 10.30 mich um 10.00 wecken. Ich liebe Dich."
Gert Bastian, der Frühaufsteher, ist es gewohnt, am Morgen solche Zeichen vorzufinden, abgerissen von Hotelblocks, oder kleine gelbe und grüne Aufkleber, oft übers ganze Haus verteilt. Er erledigt alles, noch bevor sie wach wird: die Blumen für Omi; die Senioren-Bahnkarte für sich, die ihm für die nächsten zwölf Monate das verbilligte Fahren garantiert; und die Rückfahrt via Sachsenhausen.
Gegen Mittag fahren die beiden Richtung Köln. Sie halten an in dem ehemaligen Konzentrationslager, sehen sich die jüngst von Neonazis niedergebrannten Gedenkbaracken an und legen Blumen nieder. Am nächsten Tag wird Bastian an seine Frau schreiben: "Ich fühlte mich wahnsinnig schlecht auf diesem Gelände, wo jeder Stein, jedes Blatt, jeder Grashalm noch vom Leid der Menschen durchdrungen zu sein scheint, die dort gequält und umgebracht worden sind."
In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1992 kommen die beiden erst sehr spät an in Petras Reihenhaus in der Bonner Swinemünder Straße 6.
Am nächsten Morgen steht Bastian, wie immer, als erster auf. Draußen regnet es. Er brüht sich stehend einen Kaffee in der kleinen Küche im Erdgeschoß - setzen kann er sich nicht, alle Stühle, Tische, ja sogar die Herdplatten sind bedeckt mit Petras Papieren: Sie arbeitet am liebsten hier am Küchentisch. Später zieht er sich am Geländer wieder hoch zum ersten Stock. Seit seinem schweren Unfall im März geht der Ex-General an Krücken. In dem kleinen Arbeitszimmer neben dem gemeinsamen Schlafzimmer setzt Bastian sich an die Schreibmaschine und tippt einen Brief: an seine Frau Lotte in München, mit der er seit 47 Jahren verheiratet ist und von der er sich "um keinen Preis" scheiden lassen will.
"Liebstes Weibilein!" beginnt er und plaudert über anderthalb Blatt, daß er sich "dummerweise eine blöde Erkältung eingefangen" habe und aus "Angst, Dich anzustecken" nun nicht mehr vor ihrem Urlaub am 4. Oktober nach München kommen könne. Er erzählt ihr die Erlebnisse der letzten Tage: "Der Strahlenopferkongreß war interessant, vor allem trafen wir viele gute Freunde aus langen Jahren des gemeinsamen Anti-Atom-Kampfes wieder, das war sehr schön. Wie vorher ja auch in Salzburg beim World Uranium Hearing." Sodann rät er ihr, doch Geld vom gemeinsamen Sparkonto in den Urlaub mitzunehmen. Zum Schluß läßt er die Tochter grüßen und verabschiedet sich mit den Worten: "So viel für heute. Alles Liebe und viele innige Grüße. Es umarmt Dich Dein Gert." Er steckt den Brief in einen Umschlag, klebt ihn zu, frankiert ihn aber nicht. Wenig später, so gegen zehn, erreicht Gert Bastian seine Frau am Telefon. Petra schläft noch, er hätte sonst seine Frau nicht von zu Hause, sondern wie üblich von der Post aus angerufen. Seine Stimme klingt freundlich und entspannt. Er wünscht Lotte "eine gute Fahrt" und fragt sie nach ihrer Ferienadresse.
Das wahrscheinlich letzte Telefonat seines Lebens führt er am Mittag des 1. Oktober mit dem Grünen Lukas Beckmann, der ihn per Fax gebeten hatte: "Bitte Rückruf. Eilt." Während des Gesprächs redet Petra laut im Hintergrund - der gemeinsame Freund Beckmann erinnert sich ganz genau. Es geht um die Einsicht in die Gauck-Akten, die vor Monaten von einigen westlichen und östlichen Friedensbewegten gemeinsam beantragt wurde, sich aber immer wieder verzögert; im Fall Kelly/Bastian mit Grund: Beim Antrag der beiden fehlte die Identitätsbescheinigung. Beckmann drängt: "Die Akteneinsicht muß beschleunigt werden."
Petra Kelly schaut inzwischen die Post durch, macht sich Notizen und schreibt zwei Briefe, darunter einen an Ken Emerson vom New York Newsday, dem sie einen Text von Bastian zum Abdruck empfiehlt, "written by my close political and personal ally and friend Gert Bastian". Und sie korrigiert eine am 25. September per Fax eingegangene Kelly-Kurzbiographie, verfaßt von einer amerikanischen Autorin. Sie notiert auf dem Begleitbrief: "Page ten and page one missing. Eilt. Abends anrufen aus Büro. Donnerstag" (sie meint damit den Abend des 1. Oktober und das Büro der Grünen, wo sie für gewöhnlich ihre Anrufe erledigt). Die Korrekturen werden die Adressatin nie erreichen, die Faxe werden nicht mehr abgeschickt.
Irgendwann legt Petra Kelly, die permanent erschöpft ist, weil sie meist nur vier, fünf Stunden schläft, sich wieder hin, im Hausanzug. Ihre Kontaktlinsen legt sie säuberlich in den passenden Behälter auf dem Nachttisch, ihre Ringe und ihre Uhr daneben. Unten neben dem Bett liegt aufgeklappt ihre letzte Lektüre: Goethes Briefe an Frau von Stein.
Gert Bastian sitzt im Raum nebenan und schreibt seinen letzten Brief, an den Münchner Anwalt Hartmut Wächtler. Oben rechts tippt er das Datum: 1.10.1992. Es geht um die Interessen von Petras bester Freundin Erika Heinz, die Ärger mit ihrem Chef hat und der Bastians Anwalt nun helfen soll. Am Beginn der zehnten Zeile bricht der Brief abrupt ab. "Wir müs . . ." steht da. Das Wort "müssen" schreibt Gert Bastian, der fließend Maschine schreibt, nicht mehr zu Ende.
Greift er sofort zur Pistole?
Als Bastian noch Bundestagsabgeordneter war, verwahrte er die Derringer immer in der rechten Schublade seines Schreibtisches im Abgeordnetenhaus. Hier, in der Swinemünder Straße, hatte er sie in seinen alten Generalshandschuh aus Wildleder mit den Initialen "GB" gelegt. Handschuh und Pistole tat er in eine Schachtel, und die wiederum versteckte er im Büro im ersten Stock, in einem Schrank hinter den Büchern.
An diesem Tag (oder ist es schon wieder Nacht?) holt Bastian die Pistole so hastig hervor, daß er sich noch nicht einmal mehr die Zeit nimmt, die Bücher wieder zurückzustellen, sie bleiben verstreut auf dem Boden liegen. Er fingert die Pistole im Gehen raus, der Handschuh fällt zu Boden.
Er betritt das Schlafzimmer. Sie liegt schlafend auf dem Bett, auf den Bauch gedreht. Die Derringer 38 hat zwei Kugeln: eine im unteren Lauf und eine im oberen. Er setzt die Pistole an ihre Schläfe und drückt ab. Es trifft sie die Kugel aus dem Oberlauf. Sie ist sofort tot.
Gert Bastian bleibt noch eine Weile im Schlafzimmer, setzt sich auf das Bett neben die Tote.
In welcher Verfassung ist er? Was tut er? Ist er verzweifelt? Erleichtert? Verwirrt? Deprimiert? Wütend? Alles auf einmal? Bleibt er oben, oder geht er noch einmal ins Erdgeschoß? Geht er ein letztes Mal raus in das Gärtchen, in dem er acht Jahre lang Blumen gepflanzt und Büsche beschnitten hat? Ist er es, der die Terrassentür beim Zurückkommen nur angelehnt läßt? Denkt er daran, einen Brief für seine Frau, seine Kinder zurückzulassen? Aber wie soll er das erklären? Was soll er schreiben - danach?
Irgendwann lehnt Gert Bastian sich im Flur der ersten Etage gegen die Flurwand, dreht den Kopf Richtung Schlafzimmer, richtet seinen Blick durch die offene Tür auf die tote Petra Kelly, drückt die Derringer mit beiden Händen von oben auf seinen Schädel - und erschießt sich. Stehend. Wie bei einer Hinrichtung. Die zweite Kugel aus dem unteren Lauf tötet ihn sofort. Im Fall reißt er ein Bücherregal um. Direkt neben ihm, auf Kopfhöhe, ist einer der vielen Knöpfe der Alarmanlage. Sie schweigt.
Die handliche Derringer ist eine Nahschußwaffe. Sie ist vor allem geeignet für Exekutionen und Selbstmord und nur eine von den fünf zugelassenen Pistolen Bastians, der als Waffennarr bekannt ist. Seit Jahren hat er drei Waffen in München und zwei in Bonn.
Ob die glühende Pazifistin Kelly ("Frieden schaffen ohne Waffen") davon wußte? "Ganz sicher", weiß Ex-Freund Lukas, er selbst habe in Petras Gegenwart einmal eine Waffe im Handschuhfach von Gerts Auto entdeckt. Außerdem habe Petra ihm in der Bonner Wohnung eines Tages kichernd die von Gert hinter den Büchern versteckte Pistole gezeigt. Ob sie das nicht störte? Keineswegs, im Gegenteil: "Gert würde sich das nie verzeihen, wenn er mich nicht verteidigen könnte."
Daß Bastian auch privat bewaffnet war, muß Kelly spätestens seit März 1982 gewußt haben. Damals, er hatte bereits ein Verhältnis mit ihr, antwortete er auf die Frage "Haben Sie privat Waffen in ihrer Wohnung?" dem Playboy: "Ich habe Pistolen und einen schweren amerikanischen Revolver. Ich habe früher damit gern und gut auf Scheiben geschossen." Und im gleichen Atemzug sagt der (Ex-)General: "Petra Kelly und ich haben allerdings völlig gegensätzliche Auffassungen über den Nutzen von Waffen. Ich halte Waffen für nützlich zur Abwehr von Gewalt und Unrecht. Petra Kelly schaudert schon, wenn sie eine Pistole sieht." - Es ist übrigens dasselbe Gespräch, in dem Bastian, damals schon Galionsfigur der Friedensbewegung, betont: "Ich bin sehr, sehr gern Soldat gewesen."
Kellys Reihenhaus in dem kleinbürgerlichen Bonner Vorort Tannenbusch gleicht einer Festung - nach außen. An allen Fenstern und Türen hängen von innen Zettel: "Bitte nicht öffnen. Warnanlage ist scharf." Und noch im Frühjahr 1992 läßt sie eine zusätzliche Lichtschranke zum Garten installieren. Angst ist das beherrschende Moment in ihrem Leben. Nur ahnt Petra Kelly nicht, daß der Mörder nicht von draußen kommen wird.
Nach den zwei Schüssen vergehen 18 Tage, bis Lotte Bastian, zurückgekehrt von ihrem Kreta-Urlaub, beunruhigt die mit Kelly/Bastian seit 1986 befreundeten Ex-Nachbarn Lötters alarmiert (deren Telefonnummer ihr Mann ihr, ganz gegen seine Gewohnheiten, erst vier Wochen zuvor gegeben hatte: "Falls mal was passiert"). Die Lötters haben immer einen Schlüssel und kümmern sich bei den vielen Reisen der beiden aufopfernd um Post, Fax, Haus und Garten ("Sie waren immer so dankbar").
Als Rosemarie Lötters am Abend des 19. Oktober 1992 gegen zehn Uhr zusammen mit ihren beiden Söhnen in der Swinemünder Straße ankommt, liegt das Haus im Dunkeln. Der Briefkasten quillt über, trotz Postfach. Die Alarmanlage ist nicht eingeschaltet, das Haustürschloß nur einmal gedreht. Frau Lötters zögert. Dann schließt sie auf und betritt den Hausflur.
Lötters durchqueren das Wohnzimmer, gehen an Petras Klavier und dem offenen Kamin vorbei und steuern auf die Treppe nach oben zu. Auf halbem Absatz bleiben sie stehen. Ein penetranter Geruch schlägt ihnen entgegen. Auf den Stufen liegt ein Handschuh, Bücher sind von oben heruntergekippt. Und da sehen sie auch schon den Körper Bastians im Flur liegen . . .
Wie hatte es soweit kommen können? Was war passiert? Was hatte sich ereignet zwischen Bastians Telefonat mit Beckmann und dem Tod der beiden? Hatte es wieder mal Streit gegeben, wie so häufig in den letzten Monaten? War der an Arterienverkalkung und Herzschwäche leidende Bastian von plötzlichen Ängsten überfallen worden? Hatte der aus Protest gegen die atomare "Nachrüstung" des Westens ausgestiegene (und von Konservativen der Kommunisten-Kumpanei beschuldigte) Ex-Bundeswehr-General Enthüllungen durch die Gauck-Akten zu befürchten? Hat er gar einen allerletzten Anruf bekommen, der ihn glauben ließ, daß sehr bald unangenehme Wahrheiten über ihn aus den Stasi-Akten an den Tag kommen könnten? Oder hat der geübte Stratege mit dem abgebrochenen Brief und dem fehlenden Abschiedsbrief ganz einfach bewußt falsche Spuren gelegt, um einige Fragen für immer offenzulassen?
An diesem Abend des 19. Oktober ist die Presse schneller da als die Kriminalpolizei. Die Särge werden vor laufenden _(* Pfarrer Jörg Zink, Großmutter ) _(Kunigunde Birle, Lew Kopelew, Mutter ) _(Marianne Kelly, Halbbruder John Lee, ) _(Freundin Erika Heinz. ) Kameras aus dem Haus getragen. Keine Stunde ist vergangen seit der Entdeckung, da geht die Meldung schon über den Ticker: "In Bonn-Tannenbusch wurde ein prominentes Politikerpaar tot aufgefunden."
In dieser Nacht und in den Tagen darauf schlagen die Spekulationen hohe Wellen. Es sind die Tage, in denen ganz Deutschland bewegt ist von den sich kraftmeiernd zusammenrottenden Männerhorden und den rassistischen Attacken auf Ausländer. Die Lötters stehen nicht allein mit dem Verdacht, daß die beiden Opfer fremder Meuchelmörder wurden. Neonazis? Die Stasi? Die Atommafia?
Zwei Tage nach dem Fund der Leichen geht die Polizei an die Öffentlichkeit mit der Mitteilung: Er hat sie im Schlaf erschossen und dann sich selbst. Die Faktenlage ist klar, die Zeugenaussagen unterstützen sie. Die wenigen irritierenden Fragen (die offene Terrassentür etc.) sind erklärbar. Dennoch klammert eine Minderheit sich weiter an die Verschwörungstheorie von den bösen Dritten: Sie können es einfach nicht fassen, daß "ein so netter Mann" wie Gert Bastian gleichzeitig ein Mörder sein kann. Die Mehrheit akzeptiert Bastian als Täter, ist jedoch ratlos. Er hat sie erschossen. Nur: Warum? Wollte sie sterben? War der gemeinsame Tod verabredet? Oder hat er ihr einen Gefallen getan, ihr sozusagen den Gnadenschuß versetzt? Ja, das scheint den meisten die Erklärung: Die beiden haben sozusagen Doppelselbstmord gemacht!
Zwar ist bewiesen, daß Petra Kelly schlief, und es gibt nicht einen einzigen Hinweis darauf, daß sie sterben wollte, im Gegenteil: Sie hatte einen vollen Terminkalender bis 1993. Zwar wissen alle, die ihr nahestehen, um ihren starken Lebenswillen trotz aller psychischen Probleme - und ganz sicher wäre sie niemals ohne ein Wort für den geliebtesten Menschen aus dem Leben gegangen: für die 86jährige "Omi Birle" in Nürnberg, die sie großzog und bis zuletzt die zentrale Person in ihrem Leben blieb. Nein, Petra Kelly wollte ganz gewiß nicht sterben! Genau darum hat Bastian sie auch nicht geweckt und gefragt - sie hätte nein geschrien.
Am 4. März 1993 gibt die ermittelnde Staatsanwaltschaft folgende Presseerklärung heraus: "Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Bonn steht fest, daß die tödlichen Schüsse von Gert Bastian abgegeben worden sind. Mit seiner Pistole Derringer, die er seit 1963 besaß, tötete er die im Bett liegende Petra Kelly mit einem aufgesetzten Schuß in die Schläfe. Anschließend nahm er sich selbst mit einem am Scheitel aufgesetzten Kopfschuß das Leben. Dies wird durch die Untersuchungen, insbesondere die bei Gert Bastian an beiden Händen festgestellten Schmauchspuren, das Fehlen entsprechender Spuren an den Händen von Petra Kelly sowie einer gerichtsmedizinischen Untersuchung der Blutspuren am Tatort und einer Rekonstruktion der Tat belegt."
Soweit die Fakten. Daraus zieht Oberstaatsanwalt Peter Iwand im selben Kommunique und fünf Monate nach der Tat den Schluß, es handele sich hier um einen Doppelsuizid, denn: "Auch das Fehlen eines Abschiedsbriefs gibt keinen Anlaß, an dem Selbstmord der beiden ehemaligen Bundestagsabgeordneten zu zweifeln." Selbstmord? Die Bonner Staatsanwaltschaft: "Wie mehrere Zeugen aus der engeren Umgebung der ehemaligen Bundestagsabgeordneten erklärt haben, sind sowohl von Gert Bastian als auch von Petra Kelly Suizidgedanken in der Vergangenheit geäußert worden. Einem Freund gegenüber hat Gert Bastian bereits im Jahre 1991 geäußert, ,er sehe phasenweise keine Perspektive mehr für Petra und denke manchmal daran, Petra im Schlaf zu erschießen und dann sich selbst''." - Aber Petra, was sagte die dazu?
Das interessiert die Staatsanwaltschaft nicht. Sie hat keinen einzigen Menschen aus dem engeren Umkreis von Petra Kelly vernommen bis auf die in den USA lebende Mutter und den Ex-Geliebten Tawo, der von Kelly seit Mitte 1991 getrennt war. Die angeblichen "Suizidgedanken beider" wurden ausschließlich den vagen Äußerungen der Familie Bastian entnommen, eine verständliche (Selbst-)Schutzbehauptung, die die Familie selbst bei genauerer Befragung schon anders sieht. Für die Staatsanwaltschaft scheint der von Kelly vielfach geäußerte Satz "Ich kann ohne Gert nicht mehr leben" zwingend identisch mit dem Verlangen: "Bitte bring mich um."
Justiz und Polizei behandeln den Mord an Petra Kelly wie ein Kavaliersdelikt, was durchaus Volkesmeinung entspricht. Als Tochter und Sohn Bastian am Tag nach der Entdeckung der Leichen fassungslos in dem Haus in der Swinemünder Straße 6 stehen, erzählt ihnen die Polizei von einem einige Zeit davor aufgenommenen Tonband für "Omi Birle". Während Petra das Tonband bespricht, schaltet Gert das Fernsehen ein. Daraufhin macht sie ihm eine heftige Szene: Was ihm einfiele, einfach so laut fernzusehen, während sie hier etc. etc. Lakonischer Kommentar der ermittelnden Polizei gegenüber der Familie des Täters: "Erstaunlich, daß der die nicht schon früher umgebracht hat."
Auch einer der Zeugen, der Tibeter Che Wang, sieht das so: "Selbst wenn die Tat ohne Wissen Petras stattgefunden haben sollte, hätte Gert in Petras Sinn gehandelt." Und die Polizei hält diese Aussage ohne Rückfrage und ohne Relativierung in den inzwischen geschlossenen Ermittlungsakten fest. Übrigens: Che Wang kannte weder Petra Kelly noch Gert Bastian persönlich, er hatte nur ein paarmal mit ihnen telefoniert. Doch er wurde vernommen. Ebenso wie die gesamte Bastian-Familie.
Quasi überhaupt nicht gehört wurde der Kreis um Kelly: weder Erika Heinz, die engste Vertraute Petras, die immerhin das letzte persönliche Gespräch mit ihr führte und der Bastians letzter Brief galt; noch Lukas Beckmann, der vermutlich der letzte war, der am Tattag mit beiden sprach, und das nicht über irgend etwas, sondern über die bevorstehende Einsicht in die Stasi-Akten. Nachdem dritte Täter auszuschließen waren, scheint für Polizei und Justiz sehr rasch die Aufklärung der Tat überflüssig geworden zu sein.
Auch Medien und Öffentlichkeit, ja sogar Freundinnen und Freunde übernehmen widerspruchslos die akrobatischen Schlußfolgerungen der Bonner Staatsanwaltschaft vom "Doppelselbstmord". Selbst die, die es eigentlich besser wissen müßten, schweigen oder tragen sogar noch zur Legende bei.
Tage danach, als längst klar ist, daß er sie im Schlaf erschossen hat, legt der Deutsche Bundestag offiziell ein gemeinsames "Kondolenzbuch für Petra Kelly und Gert Bastian" aus, geschmückt mit einem liebevollen Foto der beiden.
Die Grünen bereiten eine gemeinsame Gedenkfeier vor, für Täter und Opfer zusammen. Und Pfarrer Jörg Zink wird an ihrem offenen Grab fragen: "Petra, warum hast du uns so früh verlassen?"
Verlassen? Die 44jährige Trägerin des "Alternativen Friedensnobelpreises" hatte tausend Pläne und wollte 1994 ins Europa-Parlament. Sie ist nie gefragt worden, ob sie sterben will. Sie ist gegen ihren Willen getötet worden.
Hätte die Polizei sich ein wenig länger mit Lotte Bastian unterhalten, dann hätte auch sie vermutlich die Worte zu hören bekommen, die die Ehefrau von Gert Bastian zu mir nicht einmal, sondern zweimal gesagt hat. Nämlich: "Noch mehr als sein Tod bedrückt mich, daß er das getan hat."
Doch die Tat vom 1. Oktober ist nur der Schlußpunkt. Das lange Sterben beginnt ein halbes Jahr zuvor, genau gesagt am 22. März 1992.
Sie kamen von Genschers 65. Geburtstag, groß gefeiert in Halle (der Außenminister hatte "eine Schwäche" für den Ex-General). Am Tag darauf, dem bewußten 22. März 1992, fahren sie verhältnismäßig früh los, Bastian wie immer am Steuer (Kelly hatte keinen Führerschein). Er ist um zwei Uhr nachmittags mit seiner Frau in München verabredet, sein 69. Geburtstag steht ins Haus.
Wie immer fährt Petra Kelly mit nach München. Wenn ihr Lebensgefährte seine Familie besucht, pflegt sie im Hotel zu warten. Sie kann seit 1983 nur schwer allein sein, leidet unter sogenannten Panikattacken, heftigen Angstzuständen, verbunden mit Platzangst und Verfolgungsängsten. Der lebenstüchtige und fürsorgliche Bastian ist seit langem nicht nur ihr stolzer Begleiter bei Kongressen, Empfängen und Essen etwa mit Vaclav Havel oder Jane Fonda, er gleitet auch mehr und mehr in die Rolle ihres Beschützers, Managers und Hausdieners. Er betreut und bedient sie rund um die Uhr, wie wir es sonst nur umgekehrt von einer Frau für einen Mann gewohnt sind.
Beide sind erschöpft. Ihre letzten Kräfte werden von der Anstrengung aufgezehrt, ihre Probleme und Verzweiflungen zu kaschieren: vor sich und den anderen. Es gibt nur eine Handvoll Vertrauter, die Bescheid wissen. Allen anderen spielen sie erfolgreich das glückliche Paar vor: in Politik und Liebe vereint, gemeinsam gegen den Rest der Welt. Die wahren Kämpfe dieser Monate aber spielen sich für Petra Kelly und Gert Bastian nicht nach außen ab, sondern nach innen. Im Vergleich zu ihrer privaten Zerfleischung auf Leben und Tod wirken die Auseinandersetzungen in Politik und Medien wie Scheingefechte, die vom Eigentlichen ablenken sollen - die anderen und vor allem sie selbst.
Nach außen läßt sich das Paar nichts anmerken, es erledigt weiter alle Pflichten. Auch an diesem Tag machen beide einen Abstecher nach Nürnberg, um die von Petra über alles geliebte "Omi Birle" zu besuchen. Kunigunde Birle hat Petra von klein an großgezogen, bis zu deren elftem Lebensjahr mit ihr zusammen gelebt, sie beschützt und geprägt. "Ich lasse dich nie allein!" schwört Petra immer wieder, und sie hält es auch.
Die ihr Leben lang selbständige, energische und tatkräftige 86jährige fängt an, gebrechlich zu werden. Also wird die alte Dame regelmäßig von Petra und Gert besucht und versorgt. Auch diesmal füllen die beiden Omis Eisschrank, hören sich Omis Sorgen an, die Augen, die Zähne und überhaupt, verbringen ein paar Stunden mit ihr und machen sich dann wieder auf den Weg.
Gegen acht Uhr abends kommen sie endlich im Münchner Eden Hotel an. Gert Bastian ist nervös. Seit sechs Stunden wartet seine Frau auf ihn. Er begleitet Petra auf ihr Zimmer, packt mit ihr aus, holt die zahlreichen Plastiktüten und Stofftaschen, in denen sie ihre Post und Unterlagen auf Reisen mitzunehmen pflegt, nach oben. Inzwischen ist es neun Uhr. Er will sich auf den Weg machen:
Das ist der Moment, vor dem Petra seit zehn Jahren zittert und den sie immer wieder und mit allen Mitteln hinauszuzögern versucht. Angst vor dem Alleinsein. Angst vor dem Verlust. Angst vor den anderen. Seit 1983 bekommt sie vor jeder seiner drohenden Abreisen regelmäßig Ohnmachts- oder Herzanfälle. Am Anfang ist das alle zwei Wochen fällig, später einmal im Monat, zuletzt immer seltener. Er fährt kaum noch weg.
Diesmal hat Petra Hunger, "Heißhunger auf Obst". Bananen und Äpfel will sie haben. Gert Bastian schlägt ihr vor, im Hotel etwas zu bestellen. Sie weigert sich. Sie will, daß er für sie Obst im gegenüberliegenden Bahnhof holt. Sie kämpft um Minuten. Inzwischen ist Bastian sieben Stunden über die Zeit. Er hat seiner Frau noch nicht einmal Bescheid gesagt. Dennoch geht er - Obst holen für Petra.
Er hastet nach unten, will die Straße überqueren, kommt hinter einem parkenden Bus hervor und läuft direkt in ein fahrendes Taxi. Trotz des zertrümmerten Schienbeins schleppt sich der alte Soldat zurück in die Hotelhalle und ruft seine Frau an: "Lotte, es ist etwas passiert. Komm mich bitte holen." Dann informiert er Petra.
Ehefrau und Tochter schaffen Bastian in die Universitätsklinik. Petra Kelly ruft noch in derselben Nacht ihre innigste Freundin an, Erika Heinz in Calw: "Du mußt mir helfen. Du mußt sofort kommen. Noch heute nacht!" Das ist selbst der guten Erika, deren von ihr bis zuletzt gepflegte Mutter vor zwei Wochen gestorben ist, zuviel. Die Freundin steht am nächsten Tag ab 12 Uhr zur Verfügung, hat drei Wochen Urlaub genommen. An seinem Geburtstag, dem 26. März 1992, wird Gert Bastian operiert. Sechs Stunden dauert der komplizierte Eingriff. Ob er je wieder ohne Krücken wird gehen können, ist zweifelhaft. Während der Operation sitzen in seinem mit Blumen und Faxen übersäten Krankenzimmer (Petra hat rundum informiert) drei Frauen: Lotte Bastian, Petra Kelly und Erika Heinz; später kommt Eva Bastian hinzu. Noch während der Vielgeliebte auf der Intensivstation liegt, stoßen seine beiden bisher so sorgfältig auseinandergehaltenen Welten zusammen: hie Ehefrau mit Tochter, da Geliebte mit Freundin.
Der Charmeur Bastian hatte sein Leben lang Verhältnisse, der Stratege Bastian hatte es immer verstanden, alles gleichzeitig zu leben und auseinanderzuhalten. Was auf Kosten der anderen ging und nicht zuletzt dank seiner Ehefrau Lotte möglich war. Ihr war die Rolle der zeternden Ehefrau zu unwürdig, sie verdrängte und schien für sich eine Methode gefunden zu haben, damit zu leben: "Ich wußte ja, daß ich ihm wichtiger war und daß er immer wieder zurückkommen würde." Und so war es auch. Bisher. Nur diesmal ist es anders. Jetzt ist die Dritte keine stillhaltende, auch ihrerseits betrügende Ehefrau, sondern eine erfahrene Fighterin, deren meist verheiratete Liebhaber sich letztendlich immer von ihren Ehefrauen getrennt haben. Petra Kelly kämpft um Gert Bastian mit allen Mitteln - bis hin zu ihrem am Ende so teuer bezahlten Satz: "Ich kann ohne dich nicht mehr leben."
Auf diesem Schlachtfeld wird mit Waffen gefochten, an denen General Bastian nicht ausgebildet wurde. Nach zehn Jahren Gezerre scheint Kelly als Siegerin auf dem Feld zu bleiben, die Entfremdung zwischen Bastian und seiner Familie ist nicht länger zu überspielen. Weihnachten 1991 flippt Vatertochter Eva aus, als er noch nicht einmal seinem Liebling ein kleines Geschenk mitbringt. "Ich hatte keine Zeit, ich mußte mich um Petra kümmern." Sohn Till, solidarisch mit der Mutter, hatte schon länger mit ihm gebrochen und schickt ihm im Februar 1992 seine definitive Abrechnung schriftlich. (Verletzte Reaktion des Vaters: "Er hat mich vernichtet.") Und selbst die geduldige, zu geduldige Ehefrau Lotte entfernt sich: "Er muß gemerkt haben, daß wir uns fremd geworden waren. Er hörte gar nicht mehr zu, sein Blick schweifte in die Ferne. Und wenn er erzählte, dann sprach er immer nur noch von ,wir'', also von sich und Petra."
"Ich will mit Lotte alt werden", das sagt Gert Bastian seit Jahren immer wieder. Langsam aber wird klar: Der 69jährige kann nicht mehr mit Lotte alt werden. Er ist schon alt, denn er ist fertig. Er hat keine Zukunft mehr. Nicht mit Lotte und nicht mit Petra. Mit niemandem.
Als der 69jährige nach sieben Stunden aus der Narkose aufwacht, ist das Drama in vollem Gange. Lotte Bastian: "Ich bin morgens um acht Uhr ins Krankenhaus gegangen. Petra war schon da und nicht von der Stelle zu bewegen. Sie hatte eine Freundin mitgebracht. Um ein Uhr sollte die Operation sein. Als dann der Professor kam und sagte, die Operation sei gut verlaufen, da hat sie mich dem Professor vorgestellt, hat die Rolle der Ehefrau gespielt. Wir haben sehr lange gewartet, und ich bin dann mal runter in die Intensivstation gegangen. Das hat sie gar nicht gern gesehen. Ich sah ihn kurz, er war noch ganz weggetreten. Ich ging wieder rauf und sagte der Petra, ich würde jetzt nach Hause gehen, denn wenn der Gert aufwacht, und es sind derart viele Frauen an seinem Bett, der Arme müßte jetzt seine Ruhe haben. Sie ist dann sofort runtergelaufen in die Intensivstation, und man hat ihr so eine Art Hilfsfunktion zugeteilt: Sie sollte seine Atmung überwachen. Dann kam Eva, und dann hat es den Krach gegeben."
Der Krach war längst überfällig. Von beiden Seiten. Und der Moment war der denkbar unglücklichste, aber kein Zufall. Lieblingstochter und Geliebte - beide im gleichen Alter - prallen in München, dem Terrain der Familie, aufeinander. Von dem Zusammenstoß gibt es zwei Versionen, wie könnte es anders sein.
Die Tochter: "Die Petra wollte mich nicht zu meinem Vater ans Krankenbett lassen. Die Schwester sagte zu mir: ,Frau Kelly möchte nicht, daß jemand zu Herrn Bastian kommt.'' Da hat''s dann Krach gegeben." In der Reaktion der Ehefrau spiegelt sich Petras übersteigerte Version: "Gert war ziemlich verwirrt nach der Operation. Am Tag drauf erzählte er mir, Eva wäre mit Petra in den Keller gefahren und hätte sie dort geschlagen. Da habe ich ihm geantwortet: Gert, wenn du das glaubst, dann hast du dich jetzt von dem Verfolgungswahn der Petra anstecken lassen." In der Tat lebten die beiden in den letzten Jahren zunehmend isoliert, was auch mit den Ängsten von Petra Kelly zu tun hatte, die zu guter Letzt auf ihn übergegriffen zu haben schienen.
In München zieht Kelly in der Zeit, in der Bastian in der Klinik ist, mit ihrer Freundin Erika in ein Appartement im Arabella Hotel.
Erika Heinz ist von Beruf Kartographin, 14 Jahre älter als Petra Kelly und eine knabenhaft wirkende Frau, fürsorglich bis zur Selbstaufgabe. Die beiden haben sich 1977 bei der von Petra gegründeten Kinderkrebshilfe kennengelernt und sind seither beste Freundinnen. Wenn Petra duch die Welt jettet, gibt es keinen Ort, von dem aus sie nicht eine Karte an ihre "liebe, gute Erika" schickt. Erika Heinz gestaltet für die Freundin von Anfang an fast alle Flugblätter und Plakate und ist immer da, wenn sie gebraucht wird. So auch jetzt. Sie ist gern an der Seite von Petra, auch wenn sie in der letzten Zeit überfordert ist: "Petra war so gradlinig und glaubwürdig - von ihrer Überdrehtheit war ich nie betroffen."
In der Münchner Zeit fahren die beiden Frauen immer nachmittags zu Bastian ins Krankenhaus, meist per Taxi, U-Bahnen machen Kelly Angst. In seinem Krankenzimmer schlägt sie zusammen mit der Freundin sozusagen ihr Büro auf. Sie beantwortet Post, schreibt Texte und bereitet ihre Moderation für Sat 1 vor, wo sie seit dem 28. Januar 1992 jeden Dienstagabend das Umweltmagazin "Fünf vor zwölf" moderiert.
Meist bleiben die beiden Frauen bis zum späten Abend, gehen manchmal sogar noch nach dem Essen wieder zurück - für Petra gilt es ja auch, die Bastion zu halten gegen die um die Ecke wohnenden Bastians.
Bisher fuhr Kelly zur Aufzeichnung der Sendung alle paar Wochen nach Bremen, immer in Begleitung von Bastian. Jetzt kommt das Team für sie nach München, da sie sich weigert, von Bastians Krankenbett zu weichen. In der Nacht vom 27. März eskaliert die eh schon schwierige Zusammenarbeit ins Unerträgliche, für alle Beteiligten. Die Politikerin tut sich schwer mit dem journalistischen Alltag, redaktionelle Verbesserungsvorschläge in bezug auf Formulierungen oder Kleidung sind für sie schon "Zensur" oder gar "Vergewaltigungsversuche". Die Redaktion scheint überfordert mit Kellys kämpferischem Eigensinn.
Nachts um halb eins kommt es im Münchner Studio zum Eklat und abrupten Abgang der Moderatorin, die Freundin im Schlepptau. Beide fahren noch mitten in der Nacht zu Bastian ins Krankenhaus: Kelly will ihm sofort ihr ganzes Leid klagen.
Gert Bastian bleibt bis Ende April in der Münchner Universitätsklinik. Er verläßt sie im Rollstuhl. Ein Krankenwagen bringt die beiden zur Bühler Höhe, einer Rehabilitationsklinik im Schwarzwald. Petra, die sich inzwischen eine Kur verschreiben ließ, zieht nun mit Gert zusammen in die Klinik ein. Die beiden haben ein gemeinsames Zimmer mit Telefon, das Fax steht auf dem Flur. Von hier aus fightet Kelly, das heißt, vor allem Bastian für sie gegen Sat 1 und andere Feinde und organisiert die Solidarität.
Sei ne vielen Briefe an die "lieben Freundinnen und Freunde von Petra Kelly" schreibt Bastian liegend und per Hand. Sie alle sollen bei Sat-1-Direktor Klatten gegen die Absetzung der Moderatorin Kelly protestieren. Etliche tun es. Prompt bedankt Bastian sich bei "den Unterzeichner/innen des Protestbriefes vom 29.5.92" (den er persönlich formuliert hatte) für die "solidarische Unterstützung", die zwar nichts nutzte, aber doch "ein großer Trost für Petra war".
Kelly nimmt jede Kritik persönlich. Und Bastian tut es mit ihr. Unermüdlich und unkritisch wird er Schutz und Gefahr zugleich für sie: Er blockiert jegliche nötige (Selbst-) Kritik vollends ab.
Auch für diese bedingungslose Unterstützung liebt Petra ihren Gert. Und sie (ge)braucht ihn. Eine ihrer typischen Botschaften verwahrt er in dem Aktenkoffer, der bei seinem Tod neben seinem Schreibtisch steht. Da kritzelt sie, während er schon schläft, am 25. Mai im gemeinsamen Zimmer auf einen Zettel: "Leider erst um 4.55 zu Bett. Mich erst um 10.25 wecken. Ich muß schlafen. 5 Stunden reichen einfach nicht. Danke meine Sonne! Petra". Daneben strahlt eine dicke, kindlich gezeichnete Sonne.
Doch auch die rituellen Liebeserklärungen können die tote Beziehung nicht mehr zum Leben erwecken. Die Anspannungen zwischen den beiden schlagen immer häufiger in offene Aggressionen um, meist sind Petras Probleme in der Politik oder der Arbeit der Anlaß. Gert Bastian wirkt, bemerken Besucher, zunehmend apathisch. Er ist noch krank, er steht noch unter dem Schock der schweren Narkose, er sitzt noch im Rollstuhl. Als Petra Kelly und Erika Heinz ihn gemeinsam durch den Park schieben, sagt er resigniert: "Ein General im Rollstuhl, geschoben von zwei Frauen . . ." Seine Lieblingsbeschäftigung in der Zeit: Patiencen legen.
Bastian hält Kellys Arbeitstempo schon lange nicht mehr durch. Doch zum ersten Mal in all den Jahren gehen jetzt Texte von ihr raus, die er noch nicht einmal mehr gegenliest. Er ist einfach überfordert, hat keine Lust mehr. Und dann gibt es da noch ein Problem mit der Lust: Die sexuelle Beziehung zwischen den beiden ist seit Mitte der achtziger Jahre tot. Das sagt Bastian seinem Sohn Till: "Zwischen uns ist nichts mehr."
Der große Frauenheld scheint ans Ende seiner Möglichkeiten gekommen zu sein. Zumindest mit ihr will oder kann er nicht mehr. Und von anderen Frauen ist seit langem nicht mehr die Rede. Der Don Juan hat seine Meisterin gefunden und kommt nicht mehr von ihr los.
Die Szenen zwischen den beiden werden immer lauter. Selbst die loyale Erika Heinz klagt: "Auf der Bühler Höhe war es ganz schlimm. Ich habe das manchmal einfach nicht mehr ausgehalten." Worüber gestritten wurde? "Es ging immer nur um Sachverhalte oder Personen, also Fragen, in denen Gert nicht der gleichen Auffassung war wie Petra und sie sich im Stich gelassen fühlte. Das machte ihn zunehmend aggressiv!"
Wenn Kelly telefonierte, meist wegen Sat 1, konnte es passieren, daß er die Geduld verlor und sie anherrschte: "Hör doch endlich auf mit diesem Quatsch!" Heinz: "Manchmal hat er sie so haßerfüllt angeschaut, daß ich richtig Angst bekommen habe."
Und sie? Sie verbrämt die triste Realität mit Liebes-Kitsch. Typisch dafür ist das kleine rosarote Büchlein mit dem Titel "Love", das sie ihm ausgerechnet in diesem bedrückenden Mai schenkt. Damen und Herren der Weltkultur äußern sich darin zu dem reichlich strapazierten Thema. Der erste Spruch ist von Percy Shelley: "Alle Liebe ist süß, gegeben oder genommen." Und Petra fügt für ihr "Gertilein" hinzu: "Durch dich habe ich gelernt, was Liebe heißt und bedeutet. Danke. In tiefster Liebe und Dankbarkeit. Deine kleine Petra". Sie wird noch vier Monate zu leben haben.
Will Petra Kelly die Drachen vom Grund der Gefühle mit diesen süßen Melodeien in Schach halten? Will sie die eigenen, steigenden Ängste übertönen? Will sie ihn entschädigen für alles, womit sie ihn belastet und kränkt? Will sie seine Quasi-Kastration mildern durch emotionale Auslieferung? Regrediert sie ins Kindliche? Demonstriert sie Schwäche, um Stärke zu kaschieren? Sind ihre Liebeserklärungen Beschwörungen gegen die eigene Angst?
Am 26. April schickt Bastian Petras Freundin Erika eine Postkarte. An den Rand, wo kaum noch Platz ist, kritzelt sie: "Für eine gewaltfreie Zukunft". Für wessen gewaltfreie Zukunft? Vor welcher Gewalt hat sie Angst? Vor der der Supermächte? Oder vor der ihres Lebensgefährten?
Neben den zarten Tönen schlägt sie auch härtere an, und sie redet seit 1984 darüber, daß "zwischen uns nichts mehr ist". Nicht nur ihrer besten Freundin erzählt sie von ihrem sexuellen Frust.
Auch in Interviews weist sie mehrfach darauf hin: "Wir sind geistig verliebt ineinander. Ich gehe um fünf ins Bett, und Gert steht um fünf auf. Wie sollen wir uns da überhaupt lieben? Am Tag haben wir auch keine Zeit, da machen wir Politik." Sie entmannt ihn sozusagen öffentlich. Gert Bastian, der große Verführer, entwaffnet.
Von der Bühler Höhe aus fahren die beiden direkt in eines der Lieblingshotels von Petra Kelly, ins "Lederer" am Tegernsee. Dort geht es so hoch her, daß eine Zimmernachbarin sich umquartieren läßt, sie erträgt "die ständigen Szenen und das Geschrei" nicht mehr. Die beiden bleiben bis Mitte Juli und hinterlassen, wie zuvor in dem Schwarzwald-Sanatorium auf der Bühler Höhe, eine Telefon- und Fax-Rechnung von mehreren tausend Mark.
Das Paar, das Ende Juli Lötters, die befreundeten Ex-Nachbarn, besucht, scheint ein anderes zu sein. Die beiden tauchen überraschend an einem Sonntagnachmittag auf und wollen gar nicht mehr gehen. Für die Lötters bringen sie wie gewohnt kleine Präsente mit: Kräuterschaumbad aus Bad Wiessee und Mozartkugeln aus Salzburg.
Es ist "ein lustiger Nachmittag" bei Lötters, selbst wenn alles andere nicht so erheiternd zu sein scheint. "Ihr seid die einzigen, die uns in Bonn geblieben sind!" Auch über Politik wird diskutiert, die bedrückende Entwicklung im Osten und die Krux mit der Stasi. "Wir sind schon gespannt auf unsere Gauck-Akten", sagt Petra Kelly. Etwa einen Monat später besucht Gert Bastian die Lötters noch einmal, diesmal alleine. Er bringt ihnen eine Holzente für ihren Gartenteich.
Am 21. August sieht Bastian zum letzten Mal Tochter und Ehefrau. Anlaß: Evas Geburtstag. Er wirkt "irgendwie unpersönlich und gehetzt", kommt morgens an und fährt nachmittags weiter. Petra wartet in der Stadt auf ihn. "Er war ganz und gar von ihr okkupiert", erinnert sich Lotte Bastian. "Er sagte zu mir: ,Wenn ich nicht wäre, würde sie im Bett liegen und verhungern.''"
Von München aus geht''s für ein paar Tage zu Omi Birle, die an den Augen operiert wird. Ab Ende August sind sie in Bonn, für knapp zwei Wochen. In der Zeit schreibt Bastian einen Text mit dem Titel "Der Lack ist ab". Darin heißt es unter anderem:
"Der Lack ist ab vom Gesicht der Bundesrepublik. Weggewischt ist die Schminke der demokratischen Wohlanständigkeit; abgelegt die Maske aus Gewaltverzicht, Toleranz und Solidarität mit Schwächeren!
Da ist sie wieder, die Fratze des häßlichen Deutschlands, das nur sich für wichtig und lebenswert hält, alles ,Artfremde'' aber mit Haß verfolgt und erbarmungslos ausmerzt, wenn es das Bild vom ,reinen'' Vaterland stört. Kaum ist die Bundesrepublik größer und mächtiger geworden nach dem holterdiepolter vollzogenen Anschluß des zweiten deutschen Staates, hat sich der organisierte, früher penetrant verharmloste Neofaschismus wie ein Flächenbrand übers Land gedehnt. Seit Wochen brennen Nacht für Nacht die Wohnheime der bei uns Schutz Suchenden, werden Mitmenschen, die das Pech haben, durch Hautfarbe und Aussehen als Nichtdeutsche kenntlich zu sein, mit Haß verfolgt, durch brutale Gewalt in Angst und Schrecken versetzt, gleich ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt, mit Füßen getreten, geschlagen und nicht selten umgebracht.
Böse Erinnerungen an meine Jugend in den dreißiger Jahren werden da wach. Ausgeblieben ist der empörte, zornige Aufschrei eines ganzen zur Parteinahme aufgerufenen Volkes."
In diesen Septembertagen des Jahres 1992 startet Gert Bastian, wenige Wochen vor dem Ende, eine neue Kelly-Kampagne. _(y 1993 Kiepenheuer & Witsch, Köln. ) Diesmal bittet er die "lieben Freundinnen und Freunde", Petras Nominierung für den "Sacharow-Preis der in Los Angeles beheimateten ,Gleitsman Foundation''" zu fördern: "Für den Fall, daß ihr Petra unterstützen wollt/ könnt und damit auch Petras rastlose, kontinuierliche Arbeit auf den Gebieten Menschenrechte, Ökologie und Frieden, schreibt bitte an . . ."
Petra Kelly selbst konzipiert inzwischen ein neues TV-Projekt. Sie möchte eine "ökologische Interview-Reihe" machen, Titel: "Wege aus der Gefahr". Darin will sie "Persönlichkeiten und Vordenker aus dem Ausland" vorstellen, die nicht nur "das neue Denken verkörpern, sondern auch über ihr eigenes, beispielhaftes, konkretes und mutiges Handeln andere Menschen ermutigen, selbst positive Veränderungen zu wagen". Zu ihren Wunsch-PartnerInnen gehören der Dalai Lama und Gorbatschow ebenso wie Bella Abzug und Vaclav Havel. Sie glaubt an diese ganze Welt der tönenden Namen. Und sie glaubt an Helden.
Petras Ex-Freund Lukas Beckmann, einer der wenigen, der ihnen in Bonn verblieben ist, trifft die beiden in diesen letzten Tagen zweimal. Einmal zufällig am 3. September spät abends im Büro der Grünen im Haus am Tulpenfeld, wo Bastian und Kelly, die einen Schlüssel haben, ihre Arbeiten abwickeln.
Beide, erinnert sich Beckmann, wirkten besorgt. "Er machte sich Sorgen um sie, und sie machte sich Sorgen um ihn." Petra: "Ich mache mir solche Vorwürfe, daß ich Gerts Leben kaputtmache. Was soll nur werden? Er kann nicht mehr . . . Aber ich kann auch nicht ohne ihn." Und sie sagt auch: "Wenn Gert nicht mehr ist, dann will ich auch nicht mehr." In Bastians Gegenwart. Doch sie erzählt im gleichen Atemzug, voller Entsetzen und Unverständnis, von dem Selbstmord eines Freundes.
Am 7. September treffen sie sich noch einmal in Beckmanns Wohnung. Anlaß: ein von Grünen West und Ost gemeinsam geplantes Seminar und die Beschleunigung der Einsicht in die Stasi-Akten bei der Gauck-Behörde. Petras Terminkalender ist so voll, daß sie das nächste Treffen erst für den 6. Dezember vereinbaren können. 1994, das ist beschlossene Sache, wird Petra Kelly fürs Europa-Parlament kandidieren. Ludger Volmer, der Sprecher der Grünen, hat ihr Unterstützung zugesagt, und die Grünen haben in der Tat keine, die gerade dafür geeigneter wäre. Noch lieber aber möchte Kelly wieder in den Bundestag, da aber stehen die Chancen schlecht.
Bis zuletzt informiert Petra ihre Freundin Erika fast täglich über alles, was sie bewegt. Am 23. und 26. September schickt sie ihr die letzten Postkarten und schreibt: "Ich suche neue berufliche Wege. Ich habe Angebote aus London. Aber das geht nicht wegen Omi. Alles Liebe. Deine Petra". Das letzte Telefonat mit Erika Heinz führt Petra Kelly am 29. September. Sie erzählt der Freundin begeistert von einer Umweltsendung, die sie bei BBC-London moderieren soll, und von einer für Ende Oktober geplanten Reise in die USA. Universitäten auf Hawaii und in Washington bieten ihr Professuren an.
Zwei Tage später lebt Petra Kelly nicht mehr.
Im nächsten Heft Bei einer Podiumsdiskussion über "Frauen und Militär" trifft Petra Kelly 1980 Ex-General Bastian - Im Clinch mit den Grünen - Je hilfreicher er ist, um so hilfloser wird sie - Schwindelerregender Polittourismus - "Ich bin zu jung zum Sterben" - Ein vielsagender Weihnachtsbrief zu Beginn des Todesjahres 1992
Von Alice Schwarzer

DER SPIEGEL 26/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Chaos in den Seelen

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze
  • Japan: Kaiser Naruhito verkündet seine Regentschaft
  • Kletterweltcup in Xiamen: "Spiderwoman" bricht Rekord im Speed-Climbing