05.07.1993

Chaos in den Seelen

Als die Pazifistin und der Ex-General sich am 1. November 1980 zum ersten Mal begegnen, da treffen nur scheinbar zwei Welten aufeinander. In Wahrheit ist Soldatentochter Petra Kelly ein Leben lang an Männer gewöhnt, die ein eher gelassenes Verhältnis zu Waffen haben; und hat Ex-General Gert Bastian vorwiegend mit Frauen zu tun gehabt, denen wie den meisten Frauen Waffen so fremd sind, daß sie sie noch nicht einmal bedienen können. Diese Frau und dieser Mann sind es also gewohnt, ihrem Gegenüber nah und fremd zugleich zu sein.
So ist es nicht weiter verwunderlich, daß sie sich zwar mit Worten fetzen, mit Blicken jedoch begehren. Lotte Bastian, die dabei ist, ohne ganz zu begreifen, erinnert sich gut: "Die Petra hat sich wahnsinnig stark gegeben und den Gert ziemlich niedergemacht, ,du alter Militarist'' und so. Das hat ihn _(y 1993 Kiepenheuer & Witsch, Köln. Der ) _(vollständige Text erscheint unter dem ) _(Titel "Eine tödliche Liebe. Petra Kelly ) _(und Gert Bastian" am 6. Juli 1993 im ) _(Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln (188 ) _(Seiten; 26 Mark). ) vermutlich angezogen: dieses Risikofreudige, Herausfordernde, fast Kühne, das sie gehabt hat." Und Petra Kelly? Die wird auf den ersten Blick interessiert gewesen sein, denn er entspricht exakt ihrem Männerbild: stattlich, in sich ruhend, umstritten, zugleich anerkannt und offensiv.
Das Thema des Abends heißt "Frauen und Militär". Die beiden sind sich einig: Frauen sollen nicht zum Militär und auf keinen Fall zur Waffe greifen. Kelly vertritt diese Position, weil sie, zumindest theoretisch, etwas gegen jede Art von Militär hat. Bastian vertritt sie, weil er Frauen ganz schlicht für "von Natur aus wehrungeeignet" hält. Halt, so hat Kelly das nicht gemeint! "Phallokraten-Meinung!" faucht sie. Und nun geht es erst richtig los zwischen den beiden.
Schon zwei Wochen später folgt Petra Kelly der Einladung Bastians nach Krefeld ins Seidenweberhaus. Sie gehört dort mit zu den Erstunterzeichnern des vom "Friedensgeneral" entworfenen "Krefelder Appells" gegen Nachrüstung und Atomwaffen. Beide sind in einer guten Phase ihres Lebens. Der 57jährige General hat seine Uniform ausgezogen und ist in die Rolle des Stars der aufbrechenden Friedensbewegung geschlüpft. Die 32jährige Spitzenkandidatin der Grünen hat zwar gerade die Bundestagswahl 1980 verloren, ist aber dennoch guten Mutes.
Anzunehmen, daß Weiberheld Bastian und Heldenverehrerin Kelly keine Zeit verlieren. Am Anfang ist ihre Affäre noch heimlich, er ist verheiratet und sie fest liiert. Noch 1982 spricht sie in einem Interview von ihrem "Lebensgefährten John Carroll". Der irische Gewerkschaftsführer hat sich von seiner Frau getrennt, in der Hoffnung, daß Kelly zu ihm nach Irland zieht. Gleichzeitig beginnt sie eine Beziehung mit dem grünen Weggefährten Lukas Beckmann, die bis Sommer 1983 geht. Der Gleichaltrige ist seit 1979 ein Vertrauter, kennt ihre Probleme mit der Überforderung und den Zusammenbrüchen und scheint gelassener damit umzugehen als seine Vorgänger und Nachfolger: "Man konnte Petra durchaus sagen: Nein, wir reisen nicht mit fünf Koffern, zwei genügen."
Ab 1981 sitzen der "Friedensgeneral" und der "Friedensengel" mindestens einmal in der Woche zusammen auf einem Podium, und sie fangen an, zusammen zu reisen. Noch ist der Anlaß immer ein politischer. Kellys Freundin Erika: "Gert war für sie der große Mann, der freie Mann, der Weltmann." Bastian ist in dieser Zeit so in, daß der Playboy ihn Anfang 1982 zum Interview bittet (was unter Männern als Ehre gilt). Der Ex-General zeigt bei diesem Interview Flagge und haut seine Ex-Kumpel ohne Skrupel in die Pfanne: "Die größte Gefahr sind Reagan, Haig und diese ganze Garnitur da drüben, die für mich unbegreiflich dummes Zeug daherreden."
Petra Kelly ist seit den 80er Wahlen im Bundesvorstand der Grünen (zusammen mit Otto Schily und Marieluise Beck-Oberdorf) und Spitzenkandidatin bei den bayerischen Landtagswahlen am 10. Oktober 1982. Dieser Wahlkampf macht sie bekannt. Die Grünen sind im Kommen, und Petra Kelly ist nicht länger zu übersehen. Im Juni 1982 ist sie reif für ein SPIEGEL-Gespräch (eine für den weiblichen Menschen gemeinhin unerreichbare Weihe). In diesem Gespräch klagt sie über ihren durch das Rotationsprinzip erzwungenen Rücktritt aus dem Grünen-Vorstand:
"Ich will nicht verschweigen, daß da eine massive Angst unserer Männer mitspielt. Die fühlen sich durch eine Frau mit Kompetenz bedroht. Ich bin das erste Jahr richtig umworben worden: Petra, unsere Petra. Im zweiten Jahr spürte ich, daß ich immer bedrohlicher werde für gewisse machtlüsterne Herren, daß sie mich bekämpfen, aber auch besänftigen. Ich sollte mich für ein paar Monate zurückziehen, es schade meiner Gesundheit. Das ist immer das Argument gegen eine willensstarke Frau, wenn sie nichts anderes finden können."
Noch ist ihre Beziehung mit dem 25 Jahre älteren Bastian geheim, aber längst ist er mehr als ein flüchtiger Liebhaber. Kellys Vorstandsarbeit bei den aufstrebenden Grünen ist arbeitsaufwendig, aber ehrenamtlich, für den Bayern-Wahlkampf muß sie sich unbezahlten Urlaub nehmen. Schaut man sich nur ihren Wahlkampfmonat September an, wird einem schier schwindelig. Da rast die Kandidatin an jedem Tag an einen anderen Ort: von Bayreuth nach München, nach Düsseldorf, nach Nijmwegen, nach Kalkar, nach Nürnberg, nach Heidenheim, zum Kaiserstuhl . . . An 30 Tagen hat sie nur einen einzigen Tag frei, den 25. September. "FREI!" schreibt sie neben dieses Datum. Das kann ja nicht gutgehen.
Schon im Februar 1982 klagt Kelly ihren "lieben grünen Freundinnen und Freunden" in einer "persönlichen Erklärung" ihr Leid und bittet um Hilfe. Mit einer Minderheit von Unzufriedenen vertritt Kelly offen die Auffassung, daß diese Art von "Feierabendpolitik" so nicht weitergehen kann. Die hochqualifizierte EG-Beamtin bittet für die Wahlkampfzeit von April bis Oktober 1982 um ein Existenzminimum von 2000 Mark monatlich, schließlich habe sie noch die Omi und ihr tibetisches Pflegekind zu versorgen: "Basisdemokratie kann nicht heißen, daran kaputtzugehen."
Der Oberfundi und Ditfurth-Gefährte Manfred Zierhan höhnt prompt etwas von einer "persönlichen Sekretärin", die der Star jetzt wohl beanspruche. Doch das Almosen wird gewährt, Kelly kann in den Wahlkampf ziehen - doch unter welchen Umständen. Ihrer "lieben Erika" teilt sie auf einer hastigen Postkarte ihre Wahrheit mit: "Nach einer Hölle von Bundesvorstandssitzung bin ich jetzt am Ende meiner Seele. Zwei Tage voller Mißtrauen und Haß und brutales Unterstellen - ich gehe so innerlich kaputt ("kaputt" viermal unterstrichen)! Deine traurige Petra."
Petra Kelly, die Symbolfigur der deutschen Grünen, ist zwar nach außen der Star der Bewegung, wird aber nach innen zunehmend zermürbt. Das ist das Jahr, in dem zum ersten Mal ihre Ängste auftauchen, die sie später schier überwältigen werden. Bereits in einem Brief vom 9. Juli 1982 an Petras Freundin Erika erwähnt Gert Bastian die Flugangst: "Sie ist auf dem Weg nach Hamburg, hatte aber wieder Schwierigkeiten während des Fluges. Ich bin überzeugt, daß auch das nur eine Folge ihrer totalen Erschöpfung ist."
Totale Erschöpfung. Eine Formulierung, die im Zusammenhang mit Petra Kelly immer häufiger auftauchen wird. Schon bald erhält die diffuse Angst von Petra Kelly, die viele Gründe hat, einen Namen und einen für sie plausiblen, handfesten Grund: die EAP, Europäische Arbeiterpartei. Die Aktivisten dieser Polit-Sekte verfolgen Kelly, wo sie geht und steht. Sie wird terrorisiert - und läßt sich terrorisieren. Auf Versammlungen antwortet sie den Fanatikern sogar noch auf die niedersten persönlichen Anwürfe, so lange, bis Omi oder Gert sie energisch wegziehen. Redet Petra in Zukunft von Angst, wird sie als Grund immer ganz einfach und ganz einleuchtend die sichtbar beklemmende Verfolgung durch die EAP angeben.
Petra Kelly kann nur schwer Distanz halten. Das geht ihr in Beziehungen so, in der Partei und beim Elend dieser Welt. Sie weigert sich, das Leid, das sie überall um sich herum sieht, zu verdrängen. Gleichzeitig aber ist sie eine Meisterin im Verdrängen ihrer eigenen Probleme.
Doch noch scheint alles möglich, wenn Petra Kelly auch längst zwischen allen Stühlen sitzt. Sie ist eine nicht immer einfache Persönlichkeit in einer basisorientierten Partei, die Wert darauf legt, daß alle so tun, als seien sie gleich. Sie redet von Emanzipation, aber kämpft mit "den Waffen einer Frau" (Stern). Sie setzt auf die Frauen, aber wird auch von ihnen kritisiert. Sie ist eine Frau, die sich auf starke Männer stützt, aber sie schwach machen will.
Auf dem Höhepunkt des Feminismus findet auch Kelly, die Zeit sei reif für den "Hausmann". So erklärt sie 1982 in einem Emma-Interview: "Ich meine, daß wir Frauen das Recht haben, unglaublich viel nachzuholen. Und daß das auf Kosten der Männer gehen wird. Der Unterdrücker muß lernen, zurückzustecken, und er wird es nur tun können, wenn wir dramatisieren, wenn wir vieles übertreiben und uns auch wirklich verweigern. Ich gehe bis zum Liebesstreik." Doch wie so manches in ihrem Leben ist auch das eher Programm, aber nicht das Leben. Einige Monate nach dem überwältigenden Wahlerfolg der Grünen am 6. März 1983 - sie kommen erstmals in den Bundestag - zieht Gert Bastian zu Petra Kelly in ihr Haus in der Swinemünder Straße 6. Noch mietet er gleichzeitig eine Wohnung in Bonn, anderthalb Jahre später wird er auch die aufgeben.
Unter den 28 Grünen im Bundestag sind zehn Frauen. Als Petra Kelly sich für ihre Jungfernrede im Parlament zu Wort meldet, bemerken alle, wie schmal und blaß sie ist. Sie redet über Vergewaltigung in der Ehe und fordert deren Bestrafung: "Die Würde von Ehefrauen ist antastbar. Und das ist sogar noch gesetzlich verankert!" Ein Jahr später putschen die grünen Frauen, und der Grünen-Vorstand besteht nur noch aus Frauen, sechs an der Zahl. Petra Kelly ist nicht dabei.
Trotz Friedensbewegung und Grünen ist das Gesamtklima in dieser Zeit eher rückschrittlich. Die achtziger Jahre stehen in der Bundesrepublik im Zeichen der Stagnation. Es ist die Zeit der "neuen Innerlichkeit" und der schicken Äußerlichkeit. Der Aufbruch der späten sechziger und der siebziger Jahre erstarrt in Attitüden, wird verwaltet und abgewirtschaftet.
Das Jahr 1983 ist hart für Petra Kelly, und die folgenden Jahre sind es nicht minder. "Es tut so weh." Das ist der Satz, der immer öfter in ihren Briefen auftauchen wird. Sie kann einfach keinen Abstand halten. Auch nicht von Bastian.
Ina Fuchs, Bastians Bundestagsassistentin, erinnert sich nur zu gut an die erste Zeit in Bonn: "Immer wenn Bastian freitags nach München fliegen wollte, gab es eine Krise. Es brach ihr der Schweiß aus, sie hatte es am Herzen, mit dem Kreislauf, fiel in Ohnmacht . . . Unmöglich, sich dem zu entziehen. Man hatte wirklich physische Angst um sie."
Auch eine Kelly-Mitarbeiterin erinnert sich: "Wir waren alle ein bißchen hysterisch in der Zeit und arbeiteten wie die Wahnsinnigen, 12 bis 16 Stunden am Tag war normal, auch am Wochenende. Petra war sehr anspruchsvoll, sie belegte uns Mitarbeiter ganz mit Beschlag. Sie kannte einfach keine Grenzen. Man hatte ihr und ihrer Sache ganz zur Verfügung zu stehen."
Einer steht ihr rund um die Uhr zur Verfügung und wird von ihr auch mit jedem Atemzug in Beschlag genommen: Gert Bastian.
Dennoch scheint es nie genug. Es gibt einen Hunger bei Kelly nach Vereinnahmung der anderen, der nie gestillt zu werden scheint und den man in dieser Form und Hemmungslosigkeit sonst nur von Männern oder Kindern kennt. Draußen ist Kelly die coole, souveräne Politikerin, drinnen ist sie oft ein klammerndes Kind. Bekommt sie ihren Willen nicht, schreit sie, knallt die Türen und schließt sich aus Wut ein. Bastian scheint diese kindliche Seite durch seine väterliche Fürsorge zu verstärken. Da sie weder allein reisen noch eine Nacht allein verbringen kann, ist er ständig an ihrer Seite. Für die Zeit seiner Abwesenheit organisiert er "Ersatz", eine Freundin oder einen Freund Petras. Die gibt es damals noch. In dieser Zeit gibt es auch noch Vertraute, die Bastian empfehlen, nach München zurückzugehen.
Warum geht Bastian da nicht? Hat er sich zu sehr gewöhnt an das vielbeachtete Leben neben seiner berühmten Gefährtin? 1982 bekommt Petra Kelly den "Alternativen Friedensnobelpreis", 1983 zieht sie in den Bundestag (und bleibt da bis 1990). Aber ihr Stern sinkt ab 1984 unaufhaltsam, zumindest in der Bundesrepublik.
Längst sind auch die Journalisten genervt von dieser hektischen, auch sie mit absolutem Beschlag belegenden Frau. Im Sprecherrat der Grünen rückt Kelly in den zweiten Rang. Jetzt ist für die Medien der Anwalt Otto Schily der Star, Anfragen richten sich meist direkt an ihn.
Die internationale Berühmtheit der "green queen" aber ist ungebrochen. Und wo auch immer sie eingeladen wird, besteht sie darauf, daß Bastian mitkommt. Nicht nur, weil sie einen Begleiter braucht. Auch, weil sie ihre Überlegenheit vertuschen will. Denn so ein Mann, der ist es nicht gewöhnt, daß die Frau an seiner Seite mehr Beachtung findet als er. Kelly spürt das und versucht ihn aufzuwerten. Vergebens.
1984 tritt Bastian aus der Grünen-Fraktion aus, "aus Protest gegen die Diktatur der Inkompetenz". Er bleibt aber als fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag. Abgesehen vom permanenten Ärger des "General Zackzack" mit der antiautoritären Basis stecken noch andere Gründe hinter seinem Rücktritt. Grund eins: Kellys Position als Abgeordnete wird dadurch innerhalb der Grünen verstärkt, denn wenn auch sie noch gehen würde, verlören die Grünen ihren Fraktionsstatus. Grund zwei: Bastian will zurück nach München.
Kellys Arbeitswut steigt. Selbst aus einem zweiwöchigen Griechenlandurlaub im Sommer 1985 läßt sie Freundin Erika wissen: "Ich arbeite immer bis morgens um fünf." Es gibt in all den Jahren übrigens nicht eine Postkarte an Erika - und es gibt viele Postkarten an Erika -, auf der Petra nicht notiert: "Ich bin soooo müde . . . Ich bin total erschöpft . . . Wieder bis 5 Uhr morgens gearbeitet . . ."
Wovor flieht Petra Kelly mit dieser Arbeitswut? Warum gibt sie sich keine Chance, zur Besinnung zu kommen? Was will sie nicht wissen? Bastian hat sich, trotz der Symbiose, nie wirklich für sie entschieden. Er wollte sich nie scheiden lassen und sagte bis (fast) zuletzt: "Ich will mit Lotte alt werden." Das muß für die neue Lebensgefährtin sehr kränkend gewesen sein und erklärt ihr Bedürfnis, ihre Beziehung mit Bastian bei jeder Gelegenheit zu demonstrieren.
Weihnachten feiert Bastian bis zum Schluß stets bei seiner Familie, Kelly mit Omi Birle. So auch 1985. Kunigunde Birle ist es, die ihm zum Jahresende ein Buch nach München schickt mit der Widmung: "Wünsche Dir, lieber Gert, ein fröhliches Weihnachten, ein gesundes Neujahr 1986. Meinen ganz herzlichen Dank für alles, was Du uns gibst! Was Du für Petra tust, ist ganz einmalig. Wenn Du nicht wärst, Petra würde gar nicht mehr leben. Herzlichst Omilein. Weihnachten 1985."
Alle finden das ganz großartig, was Bastian tut. Und sie sind erleichtert, Petra in so guten Händen zu wissen. Denn es wird immer klarer, daß Petra krank ist und dringend in Therapie müßte. Ihre Phobien und Ängste fangen an, sie zu überwuchern. Die so Beredte ist ihnen sprachlos ausgeliefert.
Im November 1990 schickt sie ihrer Freundin Erika einen Artikel aus Emma über "Angst - die neue Frauenkrankheit". In diesem Text werden die Gründe für die sogenannten Panikattacken analysiert, die vielfältig sind und genau die Formen annehmen, unter denen Petra Kelly leidet: "Das ist die Krankheit, die ich seit 1983 habe! Genau das ist mein Symptom: Diese Angst, daß einem keiner hilft!" schreibt Petra ihrer Freundin und unterstreicht: "Herzrasen, Schweißausbrüche, Kälteschauer, Atemnot, Beklemmungs- und Erstickungsgefühle, plötzliche starke Schwäche und das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen. Hinzukommen können Wahrnehmungsstörungen, Kopf- oder Bauchschmerzen."
Öffentlich handelt sie: Sie stellt eine "kleine Anfrage" beim Deutschen Bundestag zu der neuen Frauenkrankheit: Was weiß man darüber? Antwort: Wenig. Was tut man dagegen? Antwort: Bisher nichts.
Doch für sich persönlich handelt sie nicht. Zwar streicht sie an, daß die Verhaltenstherapie ein besonders erfolgreiches Gegenmittel wäre - aber sie macht keine. Hat sie Angst vor der Wahrheit hinter ihren Ängsten? Ist die Kluft zwischen der äußeren Darstellung von Petra Kelly und ihrer inneren Wahrheit zu groß geworden? Wagen beide es nicht mehr, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen? Auf den dringenden Rat, Petra solle sich einer Therapie unterziehen, antwortet Bastian hilflos: "Aber das geht doch nicht. Dann käme ja raus, daß zwischen uns überhaupt nichts mehr ist."
Im März 1986 schließt sich Bastian noch einmal für ein paar Monate der Grünen-Fraktion im Bundestag an. Querelen über Geldfragen zermürben den Karrieremann. Er sagt zu Beckmann: "Ich bin froh, daß die Legislaturperiode bald vorbei ist. Dann gehe ich zurück nach München."
Kelly bleibt im Bundestag. Und Bastian bleibt in Bonn. Frauen in ihrer engeren Umgebung - ihrer besten Freundin und ihrer Mutter - fällt auf, daß er zunehmend schroff mit ihr wird: "So ein harscher Ton." Petras Mutter hat überhaupt kein gutes Verhältnis zu "Herrn Bastian", von Anfang an nicht. "Er war sehr arrogant", sagt sie. Und Ehemann John fügt hinzu: "Er war eben immer der General und ich nur der Oberstleutnant." Rückblickend fragt Mutter Kelly sich verzweifelt: "Ich kann nicht begreifen, daß sie nichts gemerkt hat."
"Die Petra tat sich sehr schwer, Menschen in ihrer Komplexität wahrzunehmen", sagt Beckmann. "Sie hatte eine regelrecht verklärte Wahrnehmung von der Wirklichkeit."
Die Angst der Petra Kelly vor der Wirklichkeit steigt. Und das Bedürfnis, irgendwo Halt zu finden ebenso. Sie klammert sich an Helden, an den Buddhismus und an Übersinnliches. In London begegnet sie einer Hellseherin, die ihr Grüße von ihrer Schwester ausrichtet. In Moskau besucht sie regelmäßig die berühmte Wunderheilerin Dschuna. Und bei ihrem Engagement für die von den Chinesen bedrängten Tibeter entdeckt sie nicht nur ihre Neigung zum Buddhismus, sondern einen neuen Helden gleich dazu: "Seine Heiligkeit der Dalai Lama" (wie Kelly zu schreiben pflegt).
Kellys Hauptstütze bleibt Bastian. Doch je hilfreicher Bastian ist, um so hilfloser wird Kelly. Ist sie ohne ihn oder mit anderen zusammen, sieht das anders aus. "Dann konnte sie mit mir sogar Aufzug fahren und alleine im Wald joggen" (Erika Heinz). "Dann war sie durchaus in der Lage, selbst ihre Angelegenheiten zu regeln" (Lukas Beckmann). Doch wenn er da ist, regrediert sie zum Kind. "Sie hat genau gewußt, wie sie ihn nehmen muß: von der Seite des Kümmerers" (Lotte Bastian).
Die Verbindung, die am Anfang so glamourös und so spannend für beide war, gleitet mehr und mehr in die Isolation, den Kampf und die Neurose. Bedrückend ist dabei nicht nur, daß die zwei ihren Realitätsverschiebungen innerhalb ihrer Beziehungen und in bezug auf die Außenwelt so hilflos ausgeliefert sind. Bedrückend ist auch, daß niemand eingreift. "Privatsachen" sind eben tabu.
Das ist doch deren Sache, da halt'' ich mich raus . . . So und ähnlich müssen die hinter dem Rücken von Kelly und Bastian getuschelten Kommentare ihrer engeren Umgebung gelautet haben. Denn da waren ja durchaus einige, die durchblickten, die ziemlich genau wußten, wie sich die beiden quälten. Fast ein Jahrhundert nach Freud scheinen trotz aller Popularität der Vulgärpsychologie die wirklichen Seelenprobleme wieder vollends tabu zu sein. Privat wird als privat begriffen und keineswegs als politisch, also gesellschaftlich bedingt, gesehen.
Bastian versteht von der Frau an seiner Seite wenig. Der Kavalier der alten Schule ist Kellys Ängsten und ihrem Appell an sein Mitleid und seine Fürsorge - du mußt mich lieben, ich bin so arm und so hilflos! - ganz ausgeliefert. Ihre Hilflosigkeit belastet ihn. Aber sie schmeichelt ihm auch. Er beginnt, selbst zu glauben, daß sie ohne ihn nicht mehr existieren kann.
Kellys Mischung aus Bedürftigkeit und Tyrannei fällt übrigens gerade bei Bastian auf fruchtbaren Boden. Seine 1981 gestorbene Mutter fesselte ihn mit genau dem gleichen Wechselbad der Gefühle an sich. Er ist es gewöhnt, herrisch geliebt zu werden, ohne aufzumucken. Petra Kelly kommt, als Mutter Bastian geht. Lotte Bastian: "Ja, das habe ich auch schon gedacht. Da kann es durchaus Zusammenhänge geben. Er war mit seiner Mutter ja ganz unterwürfig. Die hat ihn noch im hohen Alter angeherrscht: Hast du auch lange Unterhosen an?! Und auch mit der Petra war er ganz willenlos."
Und da gibt es noch etwas. Gute Beobachter glauben, daß der alte Weiberheld bei Petra auch seine Schuld für das abdient, was er anderen Frauen angetan hatte. Ehefrau Lotte: "Die Petra hat den Gert anscheinend so eine Art Generalbeichte ablegen lassen. Die hatte total den Daumen drauf." Und das freut selbst die Konkurrentin, die zu lange zuviel hingenommen hat, noch heute.
"Ich glaube, er hat die Frage, ob er zu einem Menschen ganz steht, bis dahin in seinem Leben vernachlässigt. Er war noch nie wirklich gefordert worden", sinniert Lukas Beckmann. "Und jetzt hatte er eine Aufgabe. Gert war davon überzeugt: Ohne mich kann die gar nicht mehr."
Obwohl er das immer wieder und immer öfter ankündigt, vor allem nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag Ende 1986, geht Gert Bastian nicht zu seiner Frau nach München zurück. Das hat wohl mehrere Gründe. Bastian kann nicht gehen, weil das unter dem Druck von Petras allumfassender Liebe total tabu ist. Bastian kann auch nicht gehen, weil er sich an den Rummel gewöhnt hat und sich vermutlich restlos abgewertet fühlen würde als Pensionär in seiner Wohnung in Schwabing. Flüge rund um die Welt, Pressekonferenzen, große Auftritte - Bastian genießt das weiterhin. Und Kelly weiß das. Sie weiß auch, daß er gehen will, verwirft Pläne, ins Ausland zu gehen, von vornherein, denn: "Ich glaube, da käme der Gert nicht mit." Doch sie hat weder den Stolz noch die Kraft, ihn gehen zu lassen. Statt die Freiheit zu wagen, setzt sie auf Abhängigkeit. Sie entwickelt immer fieberhaftere Aktivitäten für sich und für ihn.
Das Jahr 1987, in dem der Ex-Soldat inzwischen nur noch zur besonderen Verwendung seiner grünen Bundestagsabgeordneten da ist, kann als Beispiel stehen für den schwindelerregenden Polit-Tourismus der beiden:
Im Februar sind Bastian und Kelly auf einem "Friedensforum" in Moskau. Die beiden genießen den auch in den Medien vielbeachteten Besuch, aber sie sind nicht zu kaufen: Dem etwas erstaunt aus seinen blauen Augen blickenden Gorbatschow trägt Kelly energisch die Menschenrechtsverstöße gegen die BürgerrechtlerInnen in der Sowjetunion vor.
Im März organisieren sie die vierte Kunstauktion zugunsten der von ihr 1973 gegründeten "Grace-Kelly-Vereinigung zur Unterstützung der Krebsforschung für Kinder e.V.".
Im April nehmen beide an der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag von Guernica teil, der von Nazi-Bombern zerstörten baskischen Stadt. Im Juni tritt der dekorierte Ex-Leutnant des Zweiten Weltkriegs als "Zeitzeuge" in dem spektakulären Prozeß gegen den Gestapo-Mann Barbie auf.
Im Juni 1987 Evangelischer Kirchentag in Frankfurt. Dann noch einmal Moskau. "Internationaler Frauentag". Mitte Juli trifft sich dann wieder die Friedensbewegung in Washington. Die beiden sind immer mit von der Partie. Im August 1987 fahren Kelly und Bastian auf Einladung von Erich Honecker zur 750-Jahr-Feier Berlins in den Osten. Danach ein Abstecher zum "Internationalen grünen Kongreß" in Stockholm. Im September trifft Kelly Erich Honecker in Bonn wieder: Staatsbesuch und roter Läufer. Sie hält dem in allen Ehren in der Bundeshauptstadt empfangenen Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik die Repressionen vor, "denen meine Freundinnen und Freunde in der DDR regelmäßig ausgesetzt sind". Es nutzt nichts, aber immerhin hält sie nicht den Mund - im Gegensatz zu denen in Bonn.
Im gleichen Monat treffen die beiden in Bonn erstmals den Dalai Lama, geistliches und weltliches Oberhaupt des von den Chinesen annektierten Tibet. Ein neuer Held in Petras Galerie. Es gibt Fotos, auf denen Bastian im Hintergrund steht, während Kelly "seine Heiligkeit" unverhüllt anhimmelt - Bastians Blick ist dunkel.
Ende September dann Los Angeles: Auf Einladung des Goethe-Instituts referiert Kelly zu dem Thema "Amerika und wir". Den Haag, Genf, Helsinki, München sind die nächsten Stationen. Im Dezember besuchen beide die Kinderkrebsstationen von Essen, Datteln und Heidelberg.
Bastian immer im Schlepptau. Genauer: Kelly im Schlepptau. Denn er ist es, der die Reisen organisiert, die Koffer packt, Petra auf Schritt und Tritt begleitet, ihre Probleme vor der Außenwelt verbirgt. Wer Petra Kelly einlädt, weiß, daß zwei Flüge und ein Doppelzimmer gebucht werden müssen. Längst ist der permanente Begleiter der "Jeanne d''Arc der Grünen" zum Gespött der Medien geworden: zum "Hanswurst", zum "Laufburschen", zum "Lakai" der Kelly.
In der Tat: Eigene Interessen hat der Ex-General schon lange nicht mehr, er geht ganz auf in den ihren, wie eine Frau. Manchmal geht es sogar der Freundin Erika zuweit, wie Petra ihren Gert herumscheucht. Doch auf Kritik antwortet die Emanzipierte ironisch: "Was willst du? Eine Frau muß heutzutage einen Hausmann haben!"
Im Jahr 1988 geht es weiter bergab. Bastian ist so erschöpft, daß er immer öfter am Tisch einschläft. Petra Kelly, die ihn am Anfang ihrer Beziehung halb spöttisch, halb bewundernd "mein General" genannt hatte, witzelt jetzt vor Dritten, "Gertilein, du schläfst ja schon wieder . . ."
Die wenigen Tage, in denen sie zu Hause in ihrer Reihenhaus-Idylle mit Gärtchen, gehäkelten Gardinen und Friedenstauben auf den Fensterscheiben sind, reichen nicht zur Regeneration. Im Gegenteil: Die sind fast noch stressiger als die Reisen. Petra Kelly trinkt keinen Alkohol, ißt nicht gern und kocht überhaupt nicht. Der Ex-General natürlich auch nicht, für den hatten bisher immer die Frauen gekocht. Petra Kellys Verweigerung als Frau im Haushalt ist radikal. Als Gipfel des kulinarischen Exzesses gilt bei ihr bereits eine Unox-Suppe.
Einmal im Jahr kommt Mutter Kelly aus Amerika - sie putzt das ganze Haus und ordnet die Petra-Kelly-Ablage im Keller. Petra scheint ihr Leben lang nicht ins mütterlich-fürsorgliche Fach gewechselt zu haben, sondern immer eine zu versorgende "Tochter" geblieben zu sein. Das ließ ihr so viel Zeit für die Politik, wie sie gemeinhin nur Männer haben.
Bastian, der bei seiner Familie "nie schlecht über Petra redete", läßt sich inzwischen dazu hinreißen, auf dem Sofa seiner Tochter Eva zu jammern. "Da habe ich ihm gesagt: ,Wenn du es so leid bist, warum gehst du dann nicht?'' Da hat er mir geantwortet: ,Das kann ich gar nicht. Wenn ich gehe, bleibt die Petra im Bett liegen, ißt nichts mehr und verhungert.''" Und dann sagt er noch, fast tonlos: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie das ist mit der Petra. Es ist die Hölle."
Längst wiegt der Haß schwerer als die Liebe. Auf beiden Seiten. Er haßt sie dafür, daß sie ihm kein selbstbestimmtes Leben erlaubt, er ist am Ende seiner Kräfte. Sie haßt ihn dafür, daß er sich trotz alledem nicht eindeutig für sie entscheidet und daß sie ihn so braucht. Denn wo Abhängigkeit vorherrscht, ist für Liebe kein Platz mehr. Aber weder er noch sie gestehen sich die Aggressionen ein. Sie verkleistern sie mit gegenseitigen Liebesbeteuerungen und Verharmlosungen. Sie ist sein "Pedilein", und er ist ihr "Gertilein".
Dabei muß sie ihn verachten, weil er alles repräsentiert, was sie politisch bekämpft: Er ist ein Soldat durch und durch, sein Beruf war das Töten. Und er muß sie verachten, weil sie alles repräsentiert, was ein Mann wie er nicht ernst nehmen kann: Sie erscheint zwar stark, ist in Wirklichkeit aber schwach und abhängig.
Bastian geht in seiner ganzen Zerrissenheit sogar soweit, aus seinem Zimmer in der Münchner Wohnung einen "regelrechten Petra-Altar" zu machen: "Überall Fotos, Zeitungsausschnitte, jeden Papierschnipsel von ihr hat er aufbewahrt. Eine Devotionalienhandlung", spottet Ehefrau Lotte. "Ich bin da nie reingegangen, habe mich auch geweigert, zu putzen!"
Bastians Bewunderung ist die Kehrseite seiner Verachtung. Er fühlt sich Petra Kelly sowohl unterlegen wie überlegen. Zu seiner Widersprüchlichkeit paßt es auch, daß er zwar stöhnt, es werde ihm alles zuviel mit Petra - er aber gleichzeitig die Kontrolle behalten will und ihr hinterhertelefoniert, sobald sie nicht bei ihm ist. Erreicht er sie nicht sofort, ist er so besorgt, daß er Freunde alarmiert. Dasselbe macht er übrigens mit seiner Ehefrau Lotte, die längst begonnen hat, auch ein eigenes Leben zu führen. Erreicht Bastian seine Frau nicht, ist er erstaunt bis verärgert. Sie haben einfach alle da zu sein unter seiner Obhut, seine Frauen.
Zweifellos verstärkt die paternalistische Fürsorge von Gert Bastian die Hilflosigkeit von Petra Kelly. Das Zusammentreffen der beiden erweist sich als fatal: Sie wird immer ohnmächtiger, er immer mächtiger. Er entwickelt Allmachtsphantasien. Ohne ihn ist sie nichts. Sie wird zu seinem Geschöpf. Ihr Leben ist in seiner Hand.
In der Situation bricht Kelly aus. Beinahe. Im März 1989 organisiert sie die Tibet-Anhörung in Bonn und trifft dabei Palden Tawo. Es ist das gehabte Muster. Der tibetische Arzt berät sie bald auch ganz privat bei ihren seelischen und körperlichen Problemen. Unter den Augen von Gert Bastian und mit seiner Billigung beginnt Petra Kelly eine Liebesbeziehung mit dem Tibeter. Der ist verheiratet und hat drei Kinder.
Tawo ist - neben Freundin Erika, Mutter Margarete und Pflegetochter Nima - der einzige Mensch, der in dieser Zeit noch im Haus in der Swinemünder Straße 6 verkehrt. Manchmal kommt er, wenn die beiden noch nicht da sind. Die Nachbarn Lötters haben Anweisung, ihm dann den Schlüssel auszuhändigen. Palden Tawo übernachtet oft im Tannenbusch. Und wenn er nicht kann, fährt Bastian seine Gefährtin zu dem Liebhaber ins Krankenhaus nach Lüdenscheid - und wartet draußen im Auto.
Bastian scheint erleichtert. Längst redet er zynisch über Petra Kelly: "Ich hoffe, der Palden nimmt sie oder der Beckmann nimmt sie zurück - aber in dem Zustand will sie ja niemand haben", stöhnt er bei seiner Familie in München. Aber er muß auch gedemütigt sein, trotz alledem, denn er hat schon lange nicht mehr die Kraft für Affären.
Jetzt reisen sie zu dritt: Kelly, ihr Lebensgefährte und ihr Liebhaber. Im Juni 1990 nach Tokio. Da gibt es ein Foto von allen dreien: Sie steht blaß und mit hängenden Armen in der Mitte; Bastian rechts von ihr, aufgestützt auf ein Geländer, in der linken Hand eine Jutetasche; links leicht hinter ihr Tawo, dem sie ihre linke Hand aufs Knie gelegt hat; seine Hand liegt auf ihrer Schulter. Im Sommer 1990 fährt Kelly mit Tawo allein nach New York. Bastian verbringt eine Woche mit seiner Familie - der letzte Sommer auf der Tiroler Hütte, wo die Bastians immer so kreuzfidel gewesen waren. Im Dezember fährt er mit Tawo und Kelly nach Washington. Sie stellt ihren neuen Freund ihrer Familie vor.
Ist das die Lösung? Wird die Beziehung zwischen Kelly/Bastian zum Vater-Tochter-Verhältnis, und findet sie einen anderen? Am 29. November 1990 hat Petra Kelly Geburtstag, sie wird 43. Palden Tawo ist in Bonn zu Besuch. An diesem Tag findet ein schicksalschweres Gespräch statt. Gert und Palden, die beiden miteinander befreundeten Männer, gehen zusammen zur Post. Auf dem Rückweg essen sie etwas in einer kleinen Pizzeria im Tannenbusch, wo Bastian sich, von Mann zu Mann, dem Liebhaber seiner Lebensgefährtin anvertraut. Bei der Polizei schildert Tawo nach dem Tod der beiden die Szene so: Bastian habe furchtbar gejammert. Und dann habe er wörtlich gesagt: "Ich kann nicht mehr. Wenn es überhaupt nicht mehr geht, dann gehe ich und nehme Petra mit. Ich erschieße sie im Schlaf und dann mich." Tawo hat das Ganze so ernst genommen, daß er es in sein Tagebuch notierte, aber nicht ernst genug, um Petra zu warnen. Bastian hat sich offen zum Herrn über Leben und Tod von Petra Kelly gemacht. Und niemand widerspricht ihm.
Am 2. Dezember 1990, bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, scheitern die Grünen an der Fünf-Prozent-Klausel. Petra Kelly wäre auf keinen Fall mehr ins Parlament zurückgekommen: Ihre Partei hatte sich geweigert, sie wieder als Kandidatin aufzustellen.
Anfang 1991 sind die Monate des Golfkrieges. Per Knopfdruck tötet die Supermacht USA im Namen der gerechten Sache Hunderttausende von irakischen Kindern, Frauen und Männern. Die Meinungen im Westen sind gespalten. Petra Kelly und Gert Bastian gehören zu den Kritikern. Sie bleibt sich als Pazifistin treu, und der erfahrene Militär durchschaut die Demagogie und die Lügen, mit denen hier mal wieder ein kriegerischer Überfall gerechtfertigt wird.
Palden Tawo, der zwei Jahre lang Kellys Vertrauter war, erklärt nach dem Tod bei seiner Vernehmung durch die Polizei in aller Entschiedenheit: "Es ist unvorstellbar, daß Petra Kelly sterben wollte! Sie hat immer gesagt, daß sie gesund werden will und noch viele Pläne hat." Unvorstellbar. Was die Staatsanwaltschaft nicht hindern wird, in ihrem abschließenden Kommunique von dem "Selbstmord der beiden" zu sprechen.
Im Herbst 1991 trennt Tawo sich überraschend von Kelly. Er tut dies ohne Erklärung. Dahinter steht: Auch ihm wird Petras Hang zu symbiotischen Beziehungen, ihre nächtlichen Anrufe, ihr totaler Zugriff zu eng. Vor allem aber: Seine Ehe ist in Gefahr. Er will Frau und Kinder nicht verlieren. Petra Kelly bricht zusammen.
Sie kommt zum ersten Mal in das Sanatorium auf der Bühler Höhe im Schwarzwald. Bastian begleitet sie. Sie bleiben nur zehn Tage und fliegen dann in die USA, wo Kelly Vorlesungen an drei Universitäten zugesagt hat. Ihr Zustand ist dramatisch. Er macht sich mehr Sorgen um sie denn je. Aber: Sie macht sich auch Sorgen um ihn, vor allem um sein Selbstwertgefühl.
Bei Freundin Erika bestellt sie in diesen Wochen eine "kleine Überraschung für Gert" für die im Dezember anstehende Mitgliederversammlung der Kinderkrebsvereinigung - eine Ehrenurkunde, "schön und liebevoll" gestaltet: "Die Grace-Kelly-Vereinigung ehrt und dankt Gert Bastian für seine so solidarische und aufopfernde ehrenamtliche Arbeit zugunsten krebskranker Kinder und zugunsten der Ziele der Vereinigung. Wir umarmen dich! Danke Gert. Petra K. Kelly, Kunigunde Birle, Erika Heinz."
Doch der gönnerhafte Dank wiegt Bastians Belastung nicht auf. Er ist am Ende. So empfindet das auch seine Familie zu Weihnachten 1991. Tochter Eva: "Seit Weihnachten war er total verändert. Er war nicht mehr er selbst. Er hat sich auch nicht mehr für die Familie interessiert. Ab da haben wir mit einer Katastrophe gerechnet, daß er tot umfällt zum Beispiel - und wir mit der Petra dastehen." Und Ehefrau Lotte: "Ich dachte, er kriegt einen Herzinfarkt oder so was. Er sah so elend aus."
Am zweiten Weihnachtstag 1991 schreibt Gert Bastian in seiner Münchner Wohnung einen Brief an den Ex-Liebhaber von Petra. Da der Brief viel aussagt über die Beziehung des Trios und Bastian eine Zeitlang in Verdacht stand, aus Eifersucht getötet zu haben, hier der ungekürzte Wortlaut: _____" Lieber Palden! Ich möchte ein Jahr, das ich mit so " _____" tiefen, freundschaftlichen Gefühlen für Dich begonnen " _____" habe, nicht so wortlos zu Ende gehen lassen, wie Du das " _____" anscheinend wünschst. Es war schön, Dich im Oktober in " _____" Hamburg zu treffen, und ich danke Dir auch, daß Du auf " _____" meine Bitte hin in der Klinik angerufen hast. Aber warum " _____" danach Dein Schweigen wieder so undurchdringlich geworden " _____" ist, verstehe ich nicht. Ist Petra, bin ich wieder in " _____" Acht und Bann, und hast Du sie und mich nun endgültig aus " _____" Deinem Leben ausgegrenzt? " _____" Petra hat Dir geschrieben und Dich um ein Treffen an " _____" ihrem Geburtstag gebeten. Ein Treffen in besserer " _____" Atmosphäre als bei den letzten Treffen im Krankenhaus. Du " _____" hättest ihr diesen Wunsch als eine Art " _____" Geburtstagsgeschenk erfüllen können! Wäre das wirklich so " _____" schlimm gewesen? Daß Du überhaupt nicht reagiert hast, " _____" hat Petra sehr getroffen, und ich verstehe es nicht. Ihr " _____" Zustand ist schlecht genug, warum ihn noch mehr " _____" verschlimmern, wo es doch sowenig kosten würde, ihr zu " _____" helfen. " _____" Ihr psychischer Zusammenbruch ist ja die Folge Deiner " _____" totalen Ausgrenzung und der Art, wie Du sie vollzogen " _____" hast. Am Jahresbeginn war sie so voller Optimismus und " _____" Hoffnung. War auch bereit, sich einer Therapie zu " _____" unterziehen, bei der sie auf Deinen Rat und Deine Hilfe " _____" vertraute. Als beides ausblieb, ist sie innerlich " _____" zerbrochen und total abgestürzt. " _____" So sind ihre Chancen im Existenzkampf heute ungleich " _____" schlechter als vor 12 Monaten, und das ist sehr traurig. " _____" Vor allem auch deshalb, weil die Notwendigkeit nicht " _____" einzusehen ist und von Dir auch nie verständlich gemacht " _____" worden ist. " _____" Petra weiß bis heute nicht, warum und wodurch sich Deine " _____" Einstellung zu ihr so plötzlich verändert hat, und auch " _____" ich bin da ratlos, weil Du immer gesagt hast, an Deinen " _____" Gefühlen für sie habe sich nichts geändert. " _____" Ich würde Dich so gerne verstehen können, weil Du mir " _____" viel bedeutest, aber ich bin einfach ratlos, zumal ich " _____" auch kein Rezept finde, die Scherben zu kitten, denen ich " _____" mich gegenübersehe. " _____" Es ist sehr tragisch, daß Petra gerade in einem " _____" Lebensabschnitt, wo so vieles schieflief, wo sie so viele " _____" Enttäuschungen zu verkraften hat, so große Probleme " _____" bewältigen muß, wie z. B. die Pflegebedürftigkeit ihrer " _____" Omi und die Sicherung des Existenzminimums, sich auch von " _____" Dir so im Stich gelassen fühlen muß. Das ist mehr, als " _____" sie verkraften kann. " _____" Ich weiß nicht, wie lange ich ihr noch helfen kann, denn " _____" ich spüre, daß meine Zeit ausläuft, worüber ich nicht " _____" klage. Aber Petras Schutzbedürftigkeit macht mir große " _____" Sorge; nach dem Absturz in diesem Jahr mehr als je zuvor. " _____" Gerne würde ich Dich einmal in ruhiger, " _____" freundschaftlicher Weise sprechen. Aber Du bist ja " _____" praktisch unerreichbar. Das ist auch für mich schwer zu " _____" verkraften. " _____" Ich kann mir nicht denken, daß 1991 für Dich besonders " _____" schön gewesen ist. Darum wünsche ich Dir sehr ein " _____" glücklicheres " _____" 1992! Vielleicht bringt es eine Möglichkeit zur Lösung " _____" aller Rätsel, die Du Petra aufgegeben hast und unter " _____" denen sie leidet. Wenn Du noch einen Rest positiver " _____" Gefühle für sie in Dir hast, müßte Dir daran ebenfalls " _____" gelegen sein. Ich hoffe es jedenfalls! Mit allen guten " _____" Wünschen umarme ich Dich, Dein Gert (Petra weiß nichts " _____" von diesem Brief!). "
Palden Tawo reagiert nicht. Sein (Ehe-)Leben steht auf dem Spiel.
Als Kelly und Bastian sich nach Weihnachten wiedertreffen, ist die Lage aussichtsloser denn je zuvor. Sie wird, trotz oder wegen seiner Hilfe, überwältigt von ihren seelischen Problemen, die längst auch körperliche Formen angenommen haben (Schwächeanfälle, Ohnmachten, Zusammenbrüche). Er hat endgültig seine Familie verloren - und sich selbst.
Wie kommt es, daß Petra Kelly nichts merkt? Daß sie nicht spürt, wie ausgebrannt er ist; daß sie seine dunklen Blicke nicht sieht; daß sie noch nicht einmal ahnt, in welcher Gefahr sie sich befindet. Sie scheint so mit sich beschäftigt, mit der Bekämpfung ihrer Ängste und den Leiden der Welt, daß sie andere überhaupt nicht mehr wahrnehmen kann. Sie scheint sich auch daran gewöhnt zu haben, ihre Wünsche für die Realität zu halten. Vor allem aber: Sie ist abhängig von Gert Bastian.
Und Bastian: Warum geht er nicht wenigstens jetzt? Besser gehen als zugrunde gehen! Dieser als beherrscht und rational geltende und beruflich so konfliktfähige Mann versteht nichts von Gefühlen, schon gar nicht von seinen eigenen.
Die nächsten Wochen bis zum 22. März 1992, dem Tag von Bastians schwerem Unfall, vergehen hektisch wie immer. Auf dem Plan steht unter anderem ein USA-Trip. Mit sich herum schleppt Gert Bastian nicht nur Petras Plastiktüten und Jutetaschen, sondern auch seinen schwarzen Aktenkoffer aus Kunstleder. In dieser Aktentasche herrscht ein ähnliches Chaos wie im Haus und in den Seelen der beiden.
Als Tochter Eva den Aktenkoffer Wochen nach dem Tod des Vaters vor meinen Augen zögernd öffnet, fällt uns ein Wust von Papieren entgegen: Briefe, Broschüren, Artikel, meist über Petra Kelly, darunter auch welche aus den Jahren 1984 und 1987. Sogar ein Brief vom 9. August 1983 ist dabei: Bastian beantragt darin die Verlängerung seines Waffenscheins für die Derringer 38, Nr. 1290. Die Todeswaffe.
Zwischen den Papieren Fotos von seinem im Krieg gefallenen Bruder Ruy, seiner 1957 gestorbenen Schwester Ruth und ein gerahmtes Bild von der jungen Petra, der Siegerin. Daneben ein Jahreskalender 1992, den Kelly für Bastian Monat für Monat mit Fotos aus dem vergangenen Jahr beklebt hat: Fotos aller bereisten deutschen und internationalen Schauplätze, Fotos mit Omi, mit Nima, mit Palden. Und eine mit Buntstiften in verschiedenen Farben geschriebene Widmung von Kelly: "Für meinen Geliebten. Deine kleine, arme Petra, die dich soooooooo braucht!"
In das Dezemberblatt klebte Petra für ihren Gert drei Fotos: Da stehen sie vor einer steingewordenen Gruppe "Liebende" im Osloer Stadtpark, mal eine blasse Kelly, mal ein blasser Bastian, jeder allein. Daneben klebt Petra Apercus von Andre Fayol: "Die Liebe ist wie das Leben selbst / kein bequemer und ruhiger Zustand / sondern ein großes, ein wunderbares Abenteuer." Und "Wenn du etwas liebst, laß es frei / wenn es zurückkommt, ist es dein / wenn nicht, ist es niemals dein gewesen." In diesem Dezember 1992 werden die beiden schon nicht mehr leben - getötet von der Liebe, einer besitzergreifenden, symbiotischen Liebe zwischen Fremden.
Ganz auf dem Grund von Bastians Koffer, fast versteckt zwischen dem verschlissenen, beige gemusterten Futter, liegt noch etwas: ein Dolch aus Lappland, in einer Lederscheide, scharf genug, ein Tier oder einen Menschen zu erstechen. Der Gedanke ans Töten muß ihn ein Leben lang begleitet haben.
"Die Unversehrtheit menschlichen Lebens steht für die gewaltfrei Handelnde über jedem anderen Wert", erklärt die Politikerin Kelly immer wieder. Und die Liebende Kelly läßt sich von einem schwerbewaffneten Ex-Soldaten durchs Leben begleiten. Wenige Wochen vor ihrem Tod schreibt Petra Kelly ihren letzten veröffentlichten Text über "Frauenleben. Frauenpolitik". Am Schluß nennt sie drei Wünsche, der dritte lautet: "Ich wünsche mir ein langes, fruchtbares, schöpferisches Zusammenleben und Wirken mit meinem Lebens- und Seelengefährten Gert Bastian."
Am 1. Oktober 1992 nimmt der Gefährte ihr mit dem Todesschuß nicht nur das Leben. Er führt mit diesem Gewaltakt auch ihre gesamte Politik, alles, wofür sie gestanden und gekämpft hat, ad absurdum. Es ist ihre totale Vernichtung.
Von Alice Schwarzer

DER SPIEGEL 27/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Chaos in den Seelen

  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter