03.08.1992

„Er hielt sich für den Größten“

Als SPD-Vize Johannes Rau zur Leipziger Frühjahrsmesse 1989 bei Erich Honecker Aufwartung machte, eröffnete der Sozi aus dem Westen das Gespräch mit der forschen Frage: "Herr Staatsratsvorsitzender, warum ist eigentlich die Stimmung in Ihrem Land so mies?"
Der SED-Generalsekretär zuckte keineswegs zusammen, er lehnte sich mit verklärtem Gesicht zurück und entgegnete: "Herr Rau, Sie irren sich. Die Einheit der Massen mit der Partei war noch nie so stark wie heute. Das Volk steht hinter der Partei." Sieben Monate später zeigte das Volk den Einheitssozialisten, wo es wirklich stand.
Die Szene ist ein Schlüssel zum Verständnis des Mannes, der den ersten und vermutlich letzten sozialistischen deutschen Staat ins Chaos regiert hat. Wie immer die (west-)deutsche Justiz mit dem heimgeführten Untersuchungshäftling Honecker zu Rande kommt (oder auch nicht) - daß der Genosse Erich die politische wie moralische Hauptverantwortung für das Scheitern der Deutschen Demokratischen Republik trägt, steht außer Zweifel.
Als Erich Honecker am 18. Oktober 1989 aus seinen Ämtern stürzte, hatte der erste Mann der Sozialistischen Einheitspartei den Bezug zur politischen Realität, zu Land und Leuten, längst verloren. Da regierte er, umgeben von gleich ihm ideologisch verkalkten Vasallen im SED-Politbüro, schon jahrelang seine DDR nach Art eines feudalistischen Duodezfürsten - aus dem mit Mauer und Stacheldraht verbarrikadierten Olymp in Wandlitz, unfähig, den Wandel in den sozialistischen Bruderländern um sich herum und in der eigenen Gesellschaft zu begreifen.
Wie die eigenen Genossen in Moskau und Ost-Berlin den Staatsratsvorsitzenden wirklich gesehen haben, ergibt sich aus bisher unveröffentlichten Dokumenten der SED und der früheren DDR-Generalstaatsanwaltschaft.
Honecker, so urteilte Michail Gorbatschow bei einem Gespräch mit dem SED-Generalsekretär Egon Krenz am 1. November 1989 über dessen Vorgänger, habe "sich offensichtlich für die Nummer eins im Sozialismus, wenn nicht sogar in der Welt" gehalten. Der Mann habe "nicht mehr real gesehen, was wirklich vorgeht".
"Er hielt sich offenbar für den größten lebenden Führer des internationalen Sozialismus", gab Werner Krolikowski, in der SED-Spitze zuletzt zuständig für Landwirtschaft, Anfang 1990 bei einer Vernehmung zu Protokoll, "für einen der Größten von Weltgeltung überhaupt, so groß war seine Eitelkeit."
Selbst Honeckers Kanzleichef Frank-Joachim Herrmann, der bis heute seinem früheren Oberen öffentlich kein böses Wort nachruft, räumte vor der Justiz ein, daß Honecker in den letzten Jahren seiner Herrschaft "die Wirklichkeit nicht mehr so sah, wie sie war".
Was der Genosse Erich für einer war, hatte Krolikowski schon lange zuvor erkannt. 1980, neun Jahre vor der Wende, bescheinigte er dem SED-Generalsekretär, mit dem er im Bonzen-Ghetto Wandlitz Tür an Tür wohnte, in seinem privaten Tagebuch "schlechten Ehrgeiz", "Eitelkeit" und "Größenwahn". Der Mann, so der Honecker-Gefährte nach der Wende, "hatte nicht die Fähigkeit zu einer wahren geistigen Führung von Partei und Volk".
Doch zum Aufstand gegen Honecker fand sich unter den Genossen 18 Jahre lang keiner. Die Parteidisziplin und die Angst um die eigene Existenz waren bis zum Wendeherbst 1989 stärker.
"Fraktionsbildung" galt seit Lenin unter Kommunisten als eines der größten Vergehen, das zumindest die Karriere und jahrelangen Knast kostete. "Ich habe Furcht gehabt", begründete Werner Jarowinsky, bis zum bitteren Ende Mitglied in Honeckers Politbüro, sein Kuschen gegenüber dem Generalsekretär, "als Parteifeind, als Zerstörer der Einheit oder als Fraktionär dazustehen."
Wie Jarowinsky ließen sich auch die Politbüromitglieder Alfred Neumann und Erich Mückenberger ein, als die SED-PDS sie Anfang 1990 hinauswarf.
Honecker regierte spätestens seit 1976 mit absolutistischer Attitüde, als er zu den Posten des SED-Generalsekretärs und des Vorsitzenden im Nationalen Verteidigungsrat auch das Amt des Staatsratsvorsitzenden an sich brachte und damit die drei wichtigsten Funktionen des Regimes auf sich vereinigte.
Das Politbüro wurde systematisch ausgeschaltet. Honecker, berichtet der Büroleiter des Politbüros, Edwin Schwertner, "betrachtete sich offensichtlich als unfehlbarer Alleinherrscher". Beraten ließ er sich nur von drei Genossen: vom Zentralkomitee-Sekretär für Wirtschaft Günter Mittag, vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke und vom Journalisten Joachim Herrmann, der für die Agitation der Partei verantwortlich war.
Wie das autoritäre Entscheidungssystem funktionierte, beschrieb die Sekretärin und langjährige Honecker-Vertraute Elli Kelm vor der Staatsanwaltschaft: Die Abteilungen des SED-Zentralkomitees und die Ministerien schickten ihre Vorschläge zu den vielfältigsten Sachthemen per Dienstpost an den Generalsekretär-Staatsratsvorsitzenden-Chef des Verteidigungsrates. Die Vorlagen waren so aufbereitet, daß Honecker nur noch sein "Einverstanden" oder "Nicht einverstanden" draufmalte. Die Paraphe des SED-Fürsten hatte quasi Gesetzeskraft.
Die eigene Herrscherwürde hatte der Kommunist Honecker in den letzten Jahren seiner Ära so sehr verinnerlicht, daß er seine Angestellten wie Leibeigene behandelte.
Einen seiner Leibwächter, Adelhard Winkler, etwa benutzte der begeisterte Jäger Honecker jahrelang als Gewehrstütze. "Wenn Wild auftauchte", berichtet Winkler, "legte Erich Honecker den Lauf seiner Waffe auf meine linke Schulter und schoß." Winkler erlitt deshalb einen Hörsturz und wurde auf dem linken Ohr schwerhörig. Damit er seinen Dienst beim Generalsekretär weiter schieben konnte, ließ Honecker 1987 im Westen ein Hörgerät besorgen.
Besonders katastrophal wirkte sich der barocke Regierungsstil auf die DDR-Ökonomie aus. "Anstelle von Beschlüssen des Politbüros", stellte ein Bericht der PDS fest, "traten in nicht wenigen Fällen Briefe von Mittag an Honecker. Wenn sie mit ,Einverstanden'' versehen waren, wurden sie als Weisung in Gang gesetzt."
Verheerend für die Entwicklung der DDR waren diese einsamen Entscheidungen vor allem, weil Honecker von Wirtschaft wenig verstand und sein willfähriger Hiwi Mittag stets bestrebt war, Honeckers Forderung nachzukommen, den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen - koste es, was es wolle.
Ministerpräsident Willi Stoph hat nach Aussagen Krolikowskis wiederholt vor versammeltem Politbüro von Honecker "einschneidende Maßnahmen" gegen die wachsende Westverschuldung und zur Einhaltung der "ökonomischen Gesetze" verlangt. Honecker, notierte Krolikowski, habe nur "wütend reagiert" und Stoph "beschimpft".
Ähnlich erging es dem großen Bruder Michail. Er habe einmal versucht, erzählte Gorbatschow dem Genossen Egon Krenz, mit Honecker über die gefährliche Verschuldung der DDR zu reden, die in Moskau sehr wohl bekannt _(* Im Oktober 1989 in Ost-Berlin. ) gewesen sei. Doch Honecker habe dieses Ansinnen "schroff zurückgewiesen", solche Probleme gebe es nicht. Zur Einsicht in die Realität und ihre Erfordernisse war der Generalsekretär, als Gorbatschow 1985 in Moskau die Macht übernahm, längst nicht mehr fähig.
Die selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit ist ein Phänomen in allen sozialistischen Systemen. Doch unter Erich Honecker hat die SED das von Vorgänger Walter Ulbricht erprobte System zur Meisterschaft entwickelt. Der Apparat der SED und sein verlängerter Arm, die Stasi, schirmten den Generalsekretär nicht nur im Lauf der Jahre immer perfekter von der Realität ab, sie schufen für Honecker darüber hinaus ein Potemkinsches Volk aus Jublern und Ja-Sagern, hinter dem die wirklichen Menschen und Probleme völlig verschwanden.
Ein von Jahr zu Jahr mit höheren Erfolgszahlen jonglierender Wirtschaftsplan, dessen Daten auf dem Weg von unten nach oben immer schöner wurden, garantierte, daß Erich Honecker fest daran glaubte, die DDR gehöre zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Jubelperser, zum Applaus aus allen Ecken der Ostrepublik herangekarrte Jugendliche und Genossen, gaukelten dem Staatsratsvorsitzenden bei Paraden, Fackelzügen und Aufmärschen Liebe und Achtung der Massen vor - zuletzt beim 40. Jubiläum der DDR kaum zwei Wochen vor Honeckers Sturz.
Die Inszenierungen klappten perfekt. Als Honecker 1983 die Wartburg besuchte, ließ die örtliche SED am Prozessionsweg des Parteichefs zum Abbruch bestimmte Häuser weißeln. Hinter den Fenstern standen frische Blumen, hingen saubere Gardinen. Der Fußboden darunter war längst durchgefault.
Beim Defilee der Werktätigen am 1. Mai 1989 auf der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee reihten sich immer dann aus dem Kino "International" Genossen mit Luftballons und hudlerischen Transparenten in die Parade, wenn es plötzlich an Beifall und Farben mangelte. Hinter der Tribüne klinkten sich die Plakatträger rasch wieder aus und eilten im Laufschritt ins Kino zurück, bereit, in die nächste Begeisterungslücke zu springen.
Wann Erich Honecker begonnen hat, dem schönen Schein zu glauben, ist nicht bekannt. Der Politbürokrat Erich Mückenberger datiert den Beginn des Realitätsverlustes auf das Jahr 1976, als Honecker den Gipfel seiner Macht erklomm. Seither, so Mückenberger, sei der Mann "immer ichbezogener" geworden und habe sich dem Personenkult ergeben, der um ihn getrieben wurde.
Begriffen hat Honecker diesen Kardinalfehler seiner Regentschaft bis zum Schluß nicht. Bis zum 18. Oktober 1989, dem Tag seines Abgangs, war die DDR in bester Ordnung, beteuerte er Anfang 1990 vor der Ost-Berliner Justiz. Erst danach habe der Zusammenbruch begonnen. "Mein Sturz als Partei- und Staatschef", verkündete er wenig später, "war das Ergebnis eines großangelegten Manövers, deren Drahtzieher sich noch im Hintergrund halten."
An der Theorie einer großen Verschwörung zwischen den Amerikanern und Michail Gorbatschow, der ihn und seine DDR aus machtpolitischen Interessen geopfert habe, hält Honecker bis heute eisern fest. Die Dolchstoßlegende erspart ihm weitere Auseinandersetzungen mit sich selbst.
Als der Bergarbeitersohn aus dem saarländischen Neunkirchen am 3. Mai 1971 vom Zentralkomitee der SED einstimmig zum Nachfolger Ulbrichts gewählt wurde und damit zum Herrscher über die Partei aufrückte, war er noch dichter am Boden. Die SED, so formulierte er damals, müsse nach dem Leninschen Grundsatz handeln, "daß sich die Partei niemals scheuen darf, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist".
Das bedeutete für den frischgebackenen Ersten Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei vor allem einen neuen realistischen Wirtschaftskurs. Honecker konzipierte die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik", die Zeit seiner Herrschaft die ökonomische Leitlinie der SED blieb. Mit dieser Formel ersetzte er Walter Ulbrichts Utopie, die Bundesrepublik zu überholen, durch die simple Erkenntnis, daß auch der Sozialismus an seine Bürger nicht mehr Wohlstand verteilen kann, als die Werktätigen erarbeitet haben.
Doch unter dem Zwang, die immer stärker außer Landes drängenden Ostbürger bei der Stange zu halten, vergaß er die Maxime schnell wieder. Honecker bescherte zwar den DDR-Bürgern den höchsten Lebensstandard im Ostblock, doch nach der Wende kam heraus, um welchen Preis: Die ostdeutsche Wirtschaft war in Wahrheit längst bankrott, sie lebte nur noch dank einer horrenden Verschuldung von 27,3 Milliarden D-Mark im Westen.
Daß er Fehler gemacht hat, dämmerte dem Genossen erst, als es zu spät war. In einer "Stellungnahme" vom 1. Dezember 1989 bekannte der Geschaßte, ** "Erich Honecker zu dramatischen Ereignis- _(sen". W. Runge Verlag, Hamburg; 96 ) _(Seiten; 16,80 Mark. * Im September 1987 ) _(in Bonn. ) "daß ich das reale Leben im Lande in der letzten Zeit nicht unmittelbar wahrnahm. Ich täuschte mir etwas vor und ließ mir oft etwas vortäuschen bei Besuchen im Lande".
Das war''s aber schon. Daß sein Regime auch - und vor allem - zugrunde gegangen ist an der Verweigerung elementarer Menschenrechte für die eigenen Bürger, an der Einsperrung der Bevölkerung in den engen Käfig DDR und an verordneter politischer Unmündigkeit, vermag Erich Honecker bis heute offenbar nicht zu begreifen. "Die Rederei über das entmündigte Volk im Sozialismus", so der ehemalige SED-Chef in einer vor einigen Wochen erschienenen Rechtfertigungsschrift lapidar, "entbehrt jeder Grundlage."**
Der 79jährige Greis lebt unbeirrt von jenem Prinzip Hoffnung, dem er sein ganzes Leben lang hinterhergelaufen ist. "Trotz der jetzigen Niederlage", verkündet er froh, "bin ich wie viele Gleichgesinnte von der Gewißheit erfüllt, daß die Ablösung der kapitalistischen Gesellschaft durch eine wie auch immer konkret ausgestaltete sozialistische Gesellschaft unvermeidlich ist . . . Der Sozialismus ist nicht von der Weltbühne verschwunden, und er wird von ihr nicht abtreten."
Die geballte Faust, die Honecker beim Verlassen der chilenischen Botschaft in Moskau ins Fernsehen reckte, war ernst gemeint.
* Im Oktober 1989 in Ost-Berlin. ** "Erich Honecker zu dramatischen Ereignissen". W. Runge Verlag, Hamburg; 96 Seiten; 16,80 Mark. * Im September 1987 in Bonn.

DER SPIEGEL 32/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Er hielt sich für den Größten“

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze