05.07.1993

„Billy the Kid“ gegen Saddam

Keine Errungenschaft des Friedens ist so groß wie die höchsten Triumphe des Krieges.
Sicher war es reiner Zufall, daß der Flugzeugträger, der in den Golf beordert wurde, den Namen "Theodore Roosevelt" trug (wie es auch sicher Zufall ist, daß die Firma Steiff ihre Bären nach dem von 1901 bis 1909 amtierenden Präsidenten der USA "Teddy"-Bären nannte).
Es war dieser Präsident, Umdie-Ecke-Vetter des für die Europäer bedeutendsten Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, der die Kanonenbootpolitik der USA systematisch betrieb. In ihm, der noch selbst Grizzlybären gejagt hat, erkennen viele Amerikaner sich selbst. Sie haben ihm mit einer der vier Gebirgsplastiken großer Präsidenten in den Rocky Mountains ein Denkmal gesetzt.
Wie später FDR, so begann auch Teddy Roosevelt als Unterstaatssekretär der Marine der Vereinigten Staaten. Es war um die Jahrhundertwende, genau die Zeit, als William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer mit neuen Druckmethoden die sogenannte Yellow Press ins Leben riefen. Nicht er allein, nur im Bündnis mit ihr konnte der starke Teddy seinen aggressiven Kurs durchsetzen.
Zwar lag Krieg in der Luft. Aber ohne ausdrückliche Genehmigung seines Präsidenten McKinley und seines direkten Vorgesetzten, des Marineministers John D. Long, erklärte er: _____" Die Vereinigten Staaten sind nicht in einer Position, " _____" die es ihnen zur Pflicht machen würde, Japan oder " _____" irgendein anderes Land zu fragen, welche Gebiete sie " _____" annektieren dürfen oder nicht. "
Imperialismus war Trumpf. Es ging Roosevelt damals um die Annexion von Hawaii, wo immerhin 25 000 Japaner lebten. Krieg mit den Japanern und mit dem deutschen Kaiserreich befürchtete auch Präsident McKinley. Den schwachen Spaniern Kuba und die Philippinen wegzunehmen - insgesamt keine gute Investition - war populär. Roosevelts journalistische Verbündete, die Yellow-Zeitungen, berichteten über den spanischen Gouverneur von Kuba, General Valeriano Weyler, etwa so wie im Golfkrieg die amerikanische Presse über Saddam Hussein und die Babybrutkästen.
In Kuba war Bürgerkrieg, den Roosevelt für die USA und für sich ausbeuten wollte. Sein Verbündeter Hearst ließ die Schlagzeile "Does our flag protect women?" über seine Blätter setzen. Er ließ eine Zeichnung anfertigen, auf der Frauen sich unter den lüsternen Blicken spanischer Zollbeamter entkleiden mußten. Tatsächlich waren drei kubanische Frauen von einer Polizistenmatrone in einer Einzelkabine nach Dokumenten durchsucht worden.
Die Spanier, die alles andere als Krieg mit den USA wollten, beriefen ihren Gouverneur Weyler ab. Bei Hearst figurierte er nur noch als "the butcher", "der Schlächter".
Washington schickte auf Roosevelts Betreiben das Kriegsschiff "Maine" nach Havanna. Es flog aus bisher ungeklärten Gründen in die Luft, 266 von 354 Männern waren tot. 1976 schrieb US-Admiral Hyman Rickover, das sei aus technischen Unzulänglichkeiten geschehen, wie sie damals nicht ungewöhnlich waren.
Während Präsident McKinley und Marineminister Long den Krieg immer noch vermeiden wollten, hatte ihr Untergebener Roosevelt die Weichen schon gestellt. De facto setzte er den Krieg in Gang ohne seinen Präsidenten, ohne seinen direkten Vorgesetzten und ohne den Kongreß.
Heute steht Krieg nicht auf der Agenda des Weißen Hauses, jedenfalls kein Landkrieg auf dem Balkan. Aber sehr wohl ist jeder Präsident versucht, wie in früheren Zeiten mit den Muskeln zu spielen, um sich Popularität zu verschaffen.
Präsident Bill Clinton scheint diesem Konzept, weil er kein anderes hat, gefolgt zu sein, als er Gebäude der irakischen Kriegsmaschinerie bombardieren ließ. Kein früherer Präsident hatte diesen kriegerischen Schlag so nötig wie er, schrieb die International Herald Tribune.
Was die Popularität betrifft, so ging die Rechnung auf. Ein eigenes Konzept aber ist bei Bill Clinton sowenig zu erkennen wie früher bei George Bush, es sei denn das, nach Popularität zu haschen. Kleinlaut geben die Leute im Weißen Haus schon jetzt zu verstehen, daß sie mit dem Angriff auf das Hauptquartier des irakischen Geheimdienstes nichts Nennenswertes erreicht haben.
Den Fidel Castro zu ermorden, waren die USA ja stets bereit, aber nicht fähig. Daß ihr früherer Präsident George Bush ermordet worden wäre, hätten sie kaum hinnehmen können. Aber er ist ja nicht ermordet worden; die Beweise, die CIA und FBI vorlegten, sind wie im Fall Kennedy dubios. Bruder Bobby verdächtigte die CIA.
Man kann Bill Clinton nicht vorwerfen, daß er ohne eine üble Erbschaft gehandelt hat, wohl aber, daß es aus purer Schwäche geschah. Die Folgen werden sein, daß die Verbündeten ihn nur lauwarm als Führer anerkennen und daß die Araber, die er ja schließlich auch braucht, zu ihm auf Distanz gehen.
Jene Malerin, Layla Attar, die als eines der zivilen Opfer gestorben ist - der Irak gibt nur acht zivile Opfer an -, befand sie sich nicht unter dem Schutz der neuen Weltpolizei?
Es stimmt, daß die Vereinigten Staaten nicht an jedem Punkt des Erdballs tätig werden können. Aus Schwäche aber sollten sie nirgendwo tätig werden.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 27/1993
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