05.07.1993

„Ich verwirkliche mich“

Das Wirtshaus "Ratsstube" in Wasserburg am Inn durchweht ein Hauch vergangener Epochen. Bei Rauchfleisch und naturtrübem Bier kann sich der Gast um Jahrhunderte zurückversetzt fühlen.
Durch ein gotisches Kirchenportal ist er hereingekommen, nun blickt er in spitzbogige Gewölbe empor. Eichene Täfelung umzieht den Raum, und als prächtigstes Ausstattungsstück hängt ein Hirschgeweih-Kronleuchter mit der geschnitzten Halbfigur eines "Lüsterweibchens" von der Decke - ein Zierat, wie er im späten Mittelalter verbreitet war.
Der Mann, der dieses stimmungsvolle Ambiente "hingezaubert" hat, lehnt sich über den blanken Holztisch und blickt zufrieden in die Runde.
Denn Helmut Karl, 58, der Eigner des Lokals, ist einer, dem vieles an den modernen Zeiten gegen den Strich geht, ganz besonders ihre Kunst. Der Name Beuys entlockt ihm nur eine Grimasse.
Wenn Karl jedoch der Gegenwart den Rücken kehrt, dann überkommt ihn das wohlige Selbstgefühl: "Ich verwirkliche mich."
Diesem Drange folgend, hat sich der wuchtige Oberbayer als Baumeister und Schmied, als Tischler und Bildschnitzer ("Können tu' ich alles") ins Zeug gelegt. Er hat den Raum, einen einstigen Salzspeicher, rekonstruiert und mit Versatzstücken, Ergänzungen, Imitaten diverser Epochen- und Regionalstile zu einer schillernden Nostalgie-Vision aufgeputzt.
So war ihm auch die Mühe nicht zu groß, sein Lüsterweibchen in langwieriger Handarbeit einem flämischen Vorbild täuschend ähnlich nachzuschaffen. Auf einer Auktion, da ist Karl bereit zu wetten, würde das Stück ohne weiteres als Antiquität durchgehen. Mag sein, es brächte seine 40 000 Mark.
Karl muß es wissen. Nicht nur in der Wasserburger "Ratsstube" ("Das Schönste, was ich bisher geschaffen habe") produziert er seine Zaubertricks. Nein, aus seiner Schnitzwerkstatt in Stephanskirchen, 30 Kilometer von Wasserburg entfernt, haben schon so manche Holzskulpturen als vermeintliche Altertümer auch ihren Weg in Versteigerungssäle, in die Auslagen von Kunsthandlungen und die Spalten von Kunstzeitschriften gefunden.
Derart viele waren es, daß dieser an sich sehr schmeichelhafte Erfolg Karl schon einmal ungemütlich wurde und der Virtuose sich in einer Aufwallung ungenau kalkulierter Ehrlichkeit dem SPIEGEL (27/1990) offenbarte.
Das hat er bereut; denn es trug ihm überfallartige Besuche von Steuerfahndern und Kriminalbeamten ein. Aber die zumindest hatten bei ihm nichts zu bestellen.
Schließlich, sagt Karl mit feinem Lächeln, fälscht er ja nicht. Er liefert nur an eingeweihte Kunden, die so wie er den schönen Schein des Altertümlichen lieben. Was später dann mit seinen Madonnen und anderen Heiligen geschieht - wer kann das wissen? Wer will das wissen?
Viel gefruchtet hat Karls Outing von 1990 jedenfalls nicht. Er sieht seine Schnitzereien schon wieder als alte Kunst im Auktionsangebot.

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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