05.07.1993

MODERNES LEBENTönende Massaker

In der Wohnung des Vaters soffen die verkannten Genies des Free Jazz einander unter den Tisch, im Keller hockte der Sohn und quälte seine E-Gitarre. Das ging zwar gegen die Familienehre, aber Jimi Hendrix und die Folgen lagen Caspar Brötzmann mehr als das, was sich Papa Peter auf dem Saxophon aus dem Leib schrie. Nach einer Tischlerlehre floh Caspar Brötzmann mit 20 von Wuppertal nach Berlin, baute Fußböden in besetzte Häuser und machte Punk. Seit sechs Jahren führt er die Band Massaker an, deren Musik weit weniger brutal ist, als es der Name vermuten läßt. Spätestens mit der neuen, mittlerweile vierten Platte des Trios, "Koksofen", offenbart sich der 30jährige Caspar Brötzmann, der in diesen Tagen auch seine Deutschland-Tournee beginnt, als der Anselm Kiefer des Pop. Die Platte enthält fünf düster schimmernde Soundgemälde. Im Unwetter dröhnender Trommeln und pochender Bässe singt Brötzmann auf seiner Gitarre wunderbare Rückkoppelungsarien. Die im Sprechgesang vorgetragenen Texte machen weniger froh. Von Brötzmanns Pennäler-Expressionismus zum unfreiwillig Komischen ist's oft nur ein Schritt.

DER SPIEGEL 27/1993
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