05.07.1993

PopMagischer Moment

Mit nostalgischem Gitarrenrock und einer alten Platte hat die New Yorker Band Spin Doctors einen Überraschungserfolg gelandet.
Chris Barron ist ein Mann, der auf seine Gesundheit achtet. Er meidet Alkohol und Nikotin, spielt Basketball und trinkt vor dem Zubettgehen schlammfarbene Gemüsecocktails. Alles vergeblich: Barron, der Sänger der amerikanischen Rockband The Spin Doctors, ist 24 Jahre alt, sieht aber aus wie Mitte 40.
Das liegt nicht nur an diesem Ziegenbart, der wie schmutziges Stroh von seinem Kinn hängt. Der Hauptgrund für sein verlebtes Äußeres ist sein aufreibender Alltag: Chris Barron ist mit seiner Band gut zehn Monate pro Jahr unterwegs, in einem unbequemen Bus, der Abend für Abend vor drittklassigen Etablissements hält, oft Strip-Bars oder alten Turnhallen irgendwo in den USA, und das seit fünf Jahren.
Wahrscheinlich würde der Bus schon längst eine andere Band durchs Land schaukeln, und Chris Barron könnte endlich zu Hause töpfern oder Kinder und Gemüse großziehen - wenn nicht der kleine Radiosender WEQX-FM aus Manchester im amerikanischen Bundesstaat Vermont vor zwei Jahren einen Song der Gruppe für eine Werbemelodie zerschnipselt hätte. Danach standen die Telefone nicht mehr still. Die Hörer hatten nur noch einen Wunsch: die Spin Doctors.
Der überraschende Erfolg beförderte die bis dahin kaum beachteten Werke der Gruppe in die Programme der amerikanischen Radiostationen. Ihre CD "Pocket full of Kryptonite", die schon im Sommer 1991 erschienen war, entwickelte sich nach gut eineinhalb Jahren langsam zum Hit. Mehr als eine Million Platten der Spätentwickler wurden verkauft, das Magazin Rolling Stone berichtete über "eine der unwahrscheinlichsten Erfolgsgeschichten der neunziger Jahre". Die deutsche Underground-Zeitschrift Spex feiert die Gruppe als "die Zukunft des Endes des Rock'n' Roll".
In Wirklichkeit erinnert die Legende ihres Aufstiegs vor allem an die guten alten Tage des Rock'n'Roll, als Bands noch ohne ausgefeilte Werbestrategien und hochgezüchtete Studiotechnik, sondern allein mit ein paar Gitarren und einer eingängigen Melodie die Welt eroberten. Mit haus- und handgemachtem Rock, in dem gelegentlich Funkrhythmen mit Countryklängen verschmelzen, tritt das New Yorker Quartett ironisch und ausgelassen das Erbe legendärer amerikanischer Gitarrengruppen wie Allman Brothers, Steve Miller Band oder Lynyrd Skynyrd an. "Rock'n'Roll ist elektrisch verstärkte Volksmusik", sagt Chris Barron. "Wer die Sache zu wichtig nimmt, macht sich lächerlich."
Ähnlich den altgedienten Hippieveteranen geben die Spin Doctors, zusammen mit anderen Neo-Blumenkindern wie den Blues Travelers oder Widespread Panic, Mammutkonzerte, die bis zu zwölf Stunden dauern. Auf deren Höhepunkt erklimmen die Mitglieder aller Bands die Bühne und versuchen, mit endlosen Gitarrenimprovisationen die Stücke und das Bewußtsein der Zuhörer zu erweitern. "Es geht immer um den magischen Moment in einem Song", sagt Schlagzeuger Aaron Comess. "An diesem Punkt entscheidet sich, ob das Ganze großartig wird oder eine Katastrophe."
Diese Bereitschaft zum totalen Delirium schätzen die Fans der Spin Doctors. Wie die Anhänger der Grateful Dead, die sogenannten Deadheads, reisen sie der Band hinterher, um keinen dieser magischen Augenblicke zu verpassen. Und damit die Stimmung auch für den Rest des Lebens verfügbar ist, schneiden die Fans die Konzerte der Band mit und bieten sie zum Tausch oder Verkauf an. "Wir haben nichts dagegen", sagt Sänger Chris Barron über den Schwarzmarkt, "schließlich sind wir eine große Familie."
Wie es sich für Menschen, die ihre Natürlichkeit betonen, gehört, wollen die Spin Doctors nicht in ein Image gepreßt werden. "Image is Schmimage" lautet das Motto der Gruppe, was soviel heißt wie: "Ein Image ist Blödsinn." Als echte Nonkonformisten wollen sie sich, ganz alten Hippietugenden folgend, nicht festlegen lassen und tun, was ihnen angeblich Spaß macht. Also tragen sie peruanische Wollmützen und Birkenstock-Sandalen, sie rauchen Marihuana, lesen in esoterischen Büchern und ernähren sich vegetarisch.
Damit verkörpern die Spin Doctors einen Lebensstil, der in den USA wie in der Bundesrepublik wieder Konjunktur hat. Nach den üppigen achtziger Jahren hat der wirtschaftliche Abstieg eine neue Drop-out-Stimmung entstehen lassen. Die Angehörigen der Rezessions"Generation X" (SPIEGEL 34/1992) versuchen, sich in den Nischen der Gesellschaft eine gute Zeit zu machen und träumen von den großen, einfachen Dingen. Der Job dient dem Lebensunterhalt, die große Politik interessiert sie nicht. Der Sinn des Lebens kann längst wieder alles sein: Ein Computer, ein Auto oder Nacktbaden, ohne von der Polizei erwischt zu werden.
Für die Spin Doctors und ihre Fans ist es der Rock'n'Roll. "Was wir hier machen, ist im Grunde dasselbe wie die von Homer beschriebenen Griechen", sagt Chris Barron, "die sind herumgezogen, haben andere Städte erobert, sie besetzt und all den Scheiß. Die Spin Doctors kommen und spielen Rock'n' Roll für sie. Das ist zumindest friedlicher."

DER SPIEGEL 27/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Video aus Großbritannien: Panne bei Kühlturmsprengung" Video 01:13
    Video aus Großbritannien: Panne bei Kühlturmsprengung
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Herren-Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad" Video 00:58
    Herren-Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad
  • Video "Video vonOpen Arms-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord" Video 02:55
    Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht