05.07.1993

Benjamin Ortmeyer,

41, Lehrer an der Frankfurter Holbeinschule und Leiter der "Arbeitsgemeinschaft gegen Antisemitismus", fand sich mit der bundesrepublikanischen Hausmeisterkultur konfrontiert. Ortmeyer und seine Schüler hatten ein Plakat angefertigt, auf dem die Namen von 1300 in Konzentrationslager deportierten Frankfurter Kindern verzeichnet waren. Der Lehrer ließ das grausige Namensverzeichnis (Überschrift: "Nazi-Morde. Wir fordern Gedenktafeln für die von den Nazis ermordeten jüdischen Kinder und für die ermordeten Kinder der Sinti und Roma") an der Wand des Stadtwerkegebäudes in der früheren Judengasse anbringen. Dort hing es nicht lange. Mitarbeiter der Stadtwerke rissen das Plakat von der Wand (Foto) und alarmierten die Polizei. Ortmeyer, Lehrer für Musik, Mathematik und Sozialkunde, zieht aus der fehlgeschlagenen, von Frankfurts Oberbürgermeister Andreas von Schöler als "sehr wichtig" eingeschätzten Aktion dennoch pädagogischen Nutzen. Der schnelle Zugriff der Behörden, meint Ortmeyer, sei "ein Lehrstück über die bundesdeutsche Realität": "Wir haben damit gerechnet, daß vielleicht Nazis in der Nacht das Plakat abreißen, aber an Reinlichkeits- und Ordnungsfanatiker hatten wir nicht gedacht."

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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