06.06.1994

Literatur„EIN LUMPIGES LEBEN“

Nach mehr als 40 Jahren lüftet der Schriftsteller Ernst Jünger ein Geheimnis: Hinter seinem Tagebuchporträt eines antisemitischen Franzosen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verbirgt sich der Autor Louis-Ferdinand Celine. Geniale Romane - und rassistische Tiraden hatten den zweifelhaften Ruhm Celines begründet.
Am Nachmittag des 7. Dezember 1941 traf Ernst Jünger im Deutschen Institut in Paris auf einen Franzosen, den er als "groß, knochig, stark, ein wenig plump" empfand.
Der Mann mit dem "in sich gekehrten Blick der Manischen" versetzte den Besatzungsoffizier mit wüsten antisemitischen Reden in Erstaunen: Warum die deutschen Soldaten die Juden nicht erschießen oder aufhängen würden? "Wenn die Bolschewiken in Paris wären", so belehrte der Franzose den Deutschen, "sie würden Ihnen das vormachen, Ihnen zeigen, wie man Quartier für Quartier und Haus für Haus die Einwohnerschaft durchkämmt." Und: "Wenn ich Bajonette hätte, ich würde wissen, was ich zu tun hätte."
Jünger notierte später in seinem Tagebuch: "Es war mir lehrreich, ihn derart zwei Stunden wüten zu hören, weil die ungeheure Stärke des Nihilismus durchleuchtete." Er gab den Namen des üblen Burschen mit Merline an und tat seine Abscheu vor "solchen Menschen" kund: "Ihre Sehnsucht treibt sie Bastionen zu, von denen aus sich das Feuer auf große Menschenmengen eröffnen und der Schrecken verbreiten läßt."
Wer verbarg sich hinter diesem Merline? War es der französische Romancier Louis-Ferdinand Celine, der schon zuvor mit antisemitischen Hetzschriften aufgefallen war? Die beiden Schriftsteller, Jahrgang 1894 (Celine) und 1895 (Jünger), waren sich damals tatsächlich in Paris begegnet - und die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.
Die Frage, ob Celine mit Merline identisch ist, wird seit mehr als vier Jahrzehnten diskutiert. Sie beschäftigte Anfang der fünfziger Jahre sogar französische Gerichte. Und kürzlich war sie Gegenstand diverser Gedenkartikel aus Anlaß von Celines 100. Geburtstag am 27. Mai: Während die Frankfurter Rundschau und andere Blätter Merline für Celine hielten, nannte Die Woche diese Gleichung ein bloßes Gerücht: "Merline", so notierte der Celine-Kenner Manfred Ruppel, sei "Philippe Merlen, ein Ultrafaschist, der auch als Journalist unter diesem Namen tätig war".
Nur einer weiß es genau. Und der meldete sich nun aus seinem Altersruhesitz im schwäbischen Wilflingen zu Wort. Ernst Jünger, 99, erklärt: "Ich habe Celine als ,Merline' kaschiert."
Abgelegt hat Jünger dieses Bekenntnis in einem Brief an den Münchner Schriftsteller Helmut Krausser, 29. Der hatte den greisen Autor kürzlich zum bevorstehenden Celine-Centenarium befragt - und, mit Datum vom 20. Mai, die überraschend offene Antwort erhalten (siehe Kasten). Er habe in Paris viele französische Schriftsteller getroffen, berichtet Jünger, wie Jean Cocteau, Henry de Montherlant, Jean Paulhan - und eben auch Celine, auf den er neugierig gewesen sei. Jedoch: "Die Bekanntschaft hat mich enttäuscht."
Jüngers nachgereichte Erklärung ist ein Detail von literaturhistorischer Bedeutung: An der Figur des französischen Schriftstellers Louis-Ferdinand Celine, bürgerlich Louis-Ferdinand Destouches, hat sich heftiger als bei jedem anderen Dichter dieses Jahrhunderts die Debatte über Kunst und Moral entzündet. Nicht zuletzt deutsche Kritiker läßt das Problem nicht los: Kann einer, der als politischer Kopf dermaßen versagt, ein großer Künstler sein?
Der Ärger mit Celine begann schon in den dreißiger Jahren. Gleich der erste Roman des Arztes, seine "Reise ans Ende der Nacht", 1932 in Paris erschienen, wurde beides: ein Riesenerfolg und ein Riesenskandal. Nie zuvor war der Slang der Straße so ungefiltert in die heiligen Hallen der Literatur eingebrochen. Sogar der deutsche Lyriker Gottfried Benn, nicht gerade zimperlich in der Wortwahl bei seinen Gedichten, hielt den Franzosen für einen "primären Spucker u. Kotzer".
Dennoch - oder auch deswegen - wurde Celine schnell zum gefeierten Romancier. Noch konnten sie alle etwas in seiner wunderbar unzivilisierten und ungestüm-genialen Romanwelt für sich entdecken: die Linken ebenso wie die Rechten, die Pazifisten nicht minder als die Künstler. Der Dichter selbst, armer Leute Kind, als Arzt in der Welt weit herumgekommen, genoß es, ein Star zu sein.
Doch zwischen 1937 und 1941 veröffentlichte Celine eine Reihe von finsteren Pamphleten, die sein Bild bis heute prägen und verdüstern - die freilich nirgendwo mehr zugänglich sind: verboten und sekretiert wegen der in ihnen enthaltenen unsäglichen antisemitischen Schmähungen.
Von der ersten dieser Schriften, "Bagatelles pour un massacre", wurden in Celines Heimat immerhin mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft, in Deutschland erschien schon bald eine Übersetzung, aus der Der Stürmer Auszüge brachte.
"Wir entledigen uns der Juden, oder wir verrecken durch die Juden, durch Krieg, durch burleske Kreuzung, durch tödliche Vernegerung", heißt es 1938 bei Celine. "Das Rassenproblem beherrscht, entwertet, löscht alle anderen Probleme aus." Oder zuvor: "Ich will keinen Krieg für Hitler führen, das sag' ich euch, aber ich will auch keinen gegen ihn führen, für die Juden . . . Auch wenn man mich vollquatscht, es sind die Juden und nur sie, die uns an die Maschinengewehre drängen . . ."
Die Opfer in der Täterrolle: ein altes Rezept, aufgetischt von einem literarischen Amokläufer. Vergeblich jeder Versuch, Celine nachträglich zu entschuldigen, das Desaster abzumildern - auch wenn Celine-Anhänger es bis heute immer wieder versuchen.
Celine floh 1944, unmittelbar nach der Invasion, aus Frankreich. Als Jünger davon hörte, notierte er über "Merline" ins Tagebuch: "Es bleibt doch merkwürdig, wie sehr Menschen, die kaltblütig die Köpfe von Millionen fordern, für ihr eigenes lumpiges Leben in Sorge sind." Und er fügte noch hinzu: "Es muß da ein Zusammenhang bestehen."
Celine setzte sich - via Deutschland - nach Dänemark ab. Erst 1951 kehrte der Autor nach Frankreich zurück, nachdem er aufgrund seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg amnestiert worden war. Bis zum Ende seines Lebens - er starb 1961 - trauerte Celine seinem verlorenen Ruhm nach, ohne freilich je ein Wort der Reue oder der Scham über seine antisemitischen Schriften zu verlieren.
Kurz vor seiner Rückkehr war Jüngers 1949 in Deutschland publiziertes Tagebuch "Strahlungen" in französischer Übersetzung erschienen. Das Journal aus den Jahren 1941 bis 1945 enthielt auch die Eintragungen über "Merline" - doch auf wundersame Weise tauchte in der französischen Ausgabe nun plötzlich statt dessen der Name Celine auf.
Verantwortlich dafür, so sagt Jünger heute, sei eine französische Freundin namens Banine gewesen. Celine zog damals vor Gericht. Und Jünger beteuerte damals, 1951, an der ganzen Sache unschuldig zu sein. Er schrieb Celine sogar einen Brief, in dem er anbot, im Zweifelsfall die "Merline"-Deckung zu bestätigen: _____" Sehr geehrter Monsieur Celine, ein peinlicher Vorfall " _____" zwingt mich, Ihnen zu schreiben. Bei Durchsicht der " _____" Übersetzung meines Tagebuchs, das soeben in Paris " _____" veröffentlicht wurde, stoße ich auf Ihren Namen - in " _____" einer Passage, wo in der deutschen Originalfassung der " _____" Name "Merline" auftaucht. Diese Änderung, die ich " _____" zutiefst bedaure und deren Gründe mir verborgen sind, " _____" geschah ohne mein Wissen. Ich lehne Ihre Ansichten ab, " _____" aber nichts steht mir ferner, als Ihnen schaden zu " _____" wollen. Sollten Sie aufgrund jener Passage angegriffen " _____" werden, bitte ich Sie darum, sich auf mich zu berufen. " _____" Ich werde dann abstreiten, daß es sich um Sie handelt. " _____" Mit besten Wünschen Ernst Jünger "
Jüngers Hilfsbereitschaft läßt bei allen Differenzen auch auf eine gewisse Nähe schließen: Der deutsche Autor, vielfach dekorierter Teilnehmer zweier Weltkriege und erklärter Gegner der Weimarer Republik, war den Nazis mit einer merkwürdigen Mischung aus Abscheu und Faszination begegnet.
Celine zog denn auch seine Klage zurück, um der Angelegenheit nicht noch mehr Publizität zu verschaffen. Doch seither war der Verdacht in der Welt, niemand anderes als er habe damals, 1941, so menschenverachtend über Bajonette schwadroniert - ein Verdacht, den Jünger nun mehr als 50 Jahre später bestätigt.
Noch 1988 hatte Celines Biograph Frederic Vitoux eine höchst verwegene Ausrede verbreitet. Demnach habe Celine Jünger nicht leiden können und ihn mit seinen Ausfällen nur provozieren wollen. Für ihn müsse der deutsche Dichter ein Mann gewesen sein, der "all das repräsentierte, was Celine haßte": "aristokratischen Militarismus, verfeinerten Ästhetizismus" - ein Mann, "der an Mineralogie und Botanik interessiert war, der verzückt über Rosen reden konnte und im nächsten Moment das Schicksal der Juden beklagte, die in Massen deportiert wurden". Vitoux weiter: _____" Es bereitete Celine Vergnügen (ähnlich ging er nach " _____" dem Krieg oft mit Journalisten um), sich in Jüngers " _____" Gegenwart die Hände künstlich mit Kohle zu schwärzen, als " _____" wollte er ihm ausdrücklich sagen: "Sie haben erwartet, " _____" ein Monster zu sehen, einen blutrünstigen Kollaborateur, " _____" bitte sehr, ich gebe Ihnen eine Vorstellung!" Und er traf " _____" ihn ins Mark. "
Doch der Biograph Celines übersieht hier ein wesentliches Faktum: die antisemitischen Schriften des französischen Dichters. Deren Existenz macht es schwer, ja unmöglich, den Auftritt Celines, wie Jünger ihn in seinem Tagebuch beschrieben hat, für pure Camouflage oder Provokation zu halten.
Celine fristete seine letzten Jahre einsam und verbittert. Nicht einmal in Interviews gab er sich Mühe, einen guten Eindruck zu machen. "Hätte ich mich ganz und gar der Medizin gewidmet, dann hätte ich nicht so viel Ärger gehabt", sagte er 1955 in einem Rundfunkgespräch. Und: "Der Mensch ist mir gleichgültig."
Der Unbelehrbare hatte mittlerweile einen neuen Weltfeind ausgemacht: nicht mehr die Sowjets, nicht mehr die Juden - nun waren es die Chinesen, die zur Bedrohung wurden: "Der Gelbe hat alle Voraussetzungen, um König der Erde zu werden." Für die "weiße Rasse", so Celine 1957, gebe es keine rosigen Zukunftsaussichten mehr. Immerhin sah er das dieser Spezies dräuende Los nicht als völlig unverdient an: "Sie hat zu viele Schweinereien mit der Welt gemacht, jetzt macht es die Welt umgekehrt!"
Seine großen Werke werden die finsteren Verlautbarungen überleben. Selbst in Israel ist nun ein Celine-Roman in hebräischer Übersetzung erschienen (begleitet freilich von großen Debatten): jene "Reise ans Ende der Nacht", die den Ruhm einst begründete.
Auch Thomas Mann las das Buch vor 60 Jahren mit Faszination: "Ein wildes Produkt" nannte er das Werk in seinem Tagebuch. Zehn Jahre später, im Mai 1944, notierte er im amerikanischen Exil eine treffende Ferndiagnose über dessen Verfasser. Celine sei ein "wilder, kranker, schäumender Mann", und er setzte hinzu: "heute wohl ausgesprochen verrückt". Y
Kein Wort der Scham über seine antisemitischen Schriften
"Der Gelbe hat alles, um König der Erde zu werden"

DER SPIEGEL 23/1994
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