19.07.1993

„Das verwirrt mich“

Sellier, 68, ist Professor am Institut für Rechtsmedizin der Bonner Universität. Er ist der bekannteste deutsche Experte für forensische Ballistik und in zahlreichen Kriminalfällen als Gutachter herangezogen worden.
SPIEGEL: Herr Sellier, die ersten von der Schweriner Staatsanwaltschaft bestellten Gutachter zum Tod des mutmaßlichen Terroristen Wolfgang Grams haben offenbar keine Schmauchspurenanalyse an der Leiche vorgenommen. Wie ist das einzuordnen?
Sellier: Für mich ist das Ganze ein Rätsel.
SPIEGEL: Wie schnell läßt sich so etwas analysieren?
Sellier: Das kann man sofort machen.
SPIEGEL: Statt dessen ließen die Gutachter Schweinehaut beschießen, um die mechanische Wirkung eines Nahschusses mit den Spuren auf menschlicher Kopfhaut zu vergleichen.
Sellier: Diese Methode wurde zu Anfang des Jahrhunderts praktiziert, in der Frühzeit der Wundballistik.
SPIEGEL: Welchen Wert haben solche Untersuchungen?
Sellier: Das ist fragwürdig.
SPIEGEL: Wie geht es denn richtig?
Sellier: Zunächst einmal muß man die Zusammensetzung des Schmauchs am Toten untersuchen, bei Nahschüssen auf der Oberfläche, bei aufgesetzten Schüssen an der Unterseite der Haut. Dann wird die Zusammensetzung des Schmauchs in den Patronen bestimmt, die für die Tat in Frage kommen.
SPIEGEL: Was ist Schmauch?
Sellier: Schmauch ist zunächst nichts weiter als Ruß, der Verbrennungsrückstand einer organischen Substanz namens Nitro-Pulver. Darin befinden sich dann die Schmauchelemente, die aus dem Zündsatz stammen, das sind normalerweise Blei, Barium und Antimon. Es gibt aber auch bleifreie Zündsätze. Wenn in einem einfachen Fall mit einem bleifreien und einem bleihaltigen Zündsatz geschossen worden ist, ließe sich nach ein, zwei Stunden sagen, aus welcher Waffe welcher Schuß kam. Auch das Durchschlagsvermögen läßt auf die verwendete Waffe schließen.
SPIEGEL: Grams schoß mit zwei verschiedenen Typen Munition nichtdeutscher Fertigung, die Polizei mit sogenannten Para-Geco-Patronen. Zur Untersuchung standen zwei Waffentypen.
Sellier: Das macht es schon komplizierter.
SPIEGEL: Muß es aber gleich drei Wochen dauern? Nun ist der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich, für seine sorgfältige Arbeit bekannt, am Zug.
Sellier: Mir ist völlig unerklärlich, weshalb das alles so lange dauert. Der Fall Bastian/Kelly war bei uns in vier Stunden untersucht. Morgens um acht wurde seziert, um zwölf Uhr war Pressekonferenz.
SPIEGEL: Wer außer Ihnen hätte in Deutschland noch die nötigen Untersuchungen machen können?
Sellier: Das BKA oder jedes Landeskriminalamt. Aber von der Optik her war es hier vielleicht ganz gut, daß es nach außerhalb gegeben wurde, die Züricher sind durchaus mit an der Spitze.
SPIEGEL: Aber auch langsam.
Sellier: Bei Landeskriminalämtern dauert das auch länger. Bei uns geht es schneller, weil wir notfalls auch nachts arbeiten.
SPIEGEL: Sie gelten als die Kapazität auf Ihrem Gebiet in Deutschland. Warum haben Sie die Untersuchung nicht vorgenommen?
Sellier: Man hat uns nicht gebeten.
SPIEGEL: Die Leiche von Grams wurde erst einen Tag nach der Schießerei in Bad Kleinen obduziert. Die sichergestellten Waffen der GSG-Truppe waren aber beim Bundeskriminalamt schon zuvor für Untersuchungszwecke beschossen worden. Sind da Spuren unwiederbringlich verlorengegangen?
Sellier: Wenn man aus einer Waffe schießt, ist das, was vorher im Lauf war, weg. Ich kann nicht sagen, ob da vorher Spurensicherung gemacht wurde. Es könnten auch außen an den Waffen Spuren sein. Wenn man aus nächster Nähe in einen Kopf schießt, fliegt jede Menge Gewebe entgegen der Schußrichtung und beschmutzt dann die Waffe, meist an der Stirnfläche und außen am Abzugsbügel.
SPIEGEL: Die Grams-Kugel ist allem Anschein nach nicht gefunden oder nicht identifiziert worden.
Sellier: Ach. Das verwirrt auch mich etwas. Aber je nachdem, wie der Kopf lag, kann das Geschoß im ungünstigen Fall noch mehrere hundert Meter geflogen sein. Und dann finden Sie das mal.

DER SPIEGEL 29/1993
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