19.07.1993

Schwarzgeld gegen Falschgeld

Die skurrilste Variante der Falschgeldkriminalität bedient sich einer Währung, die gar keine ist: Die Täter operieren mit Falsifikaten, die ausdrücklich als Falsifikate gekennzeichnet sind.
Imitierte 100- und 500-Mark-Scheine, die den Aufdruck "Facsimile" tragen und für den Einsatz als Spielgeld in italienischen Spielklubs hergestellt werden, finden immer häufiger bei Betrugsmanövern Verwendung. Auf die Zockerwährung, deren Produktion in Italien als legal gilt, fallen vor allem deutsche Geschäftsleute herein, die in München oder Mailand hohe Summen ausländischen Schwarzgeldes waschen und dabei auch noch satte Gewinne einstreichen wollen.
Zunächst erhalten die Deutschen gewöhnlich Offerten von Holdings mit Phantasienamen. Die bieten den Umtausch von Geld an: "Kurs 60 % v. Tageskurs. Cash-Cash", steht beispielsweise in Geschäftsunterlagen, die Geldwäschespezialisten des Bundeskriminalamts ausgewertet haben. Sogar Beträge von über 300 Millionen Mark sollen bei solchen Tauschaktionen schon den Besitzer gewechselt haben.
Kenner der Szene ist der Nürnberger Finanzjongleur Peter W. Bachmann, der sich auf dem Briefkopf Professor nennt. "Ich bin ein echter Philosoph", sagt er und erklärt gleich, daß der "Sinn des Lebens darin besteht, Sinn im Sinnlosen zu empfinden".
Auf Angeboten für Tauschgeschäfte ("Abwicklung über Depot") findet sich zwar gelegentlich sein Name, aber das seien nur "Lockangebote" gewesen, behauptet der Finanzphilosoph - er habe halt mal "sehen wollen, was passiert".
Welche Rolle Bachmann auch immer spielt - was in der Szene passiert, weiß der Gute ganz genau. "Derjenige, der einen ganz günstigen Tausch anbietet, zeigt dir erst das Geld und dann ein Echtheitszertifikat. Damit kannst du dir eigentlich den Arsch abwischen."
Daraufhin müsse der gierige Kunde sein echtes Geld vorweisen. Beide Geldstöße kommen dann in Schließfächer. Später werden die Schlüssel getauscht - und der Kunde staunt: "Wenn der das andere Depot aufmacht", weiß Bachmann, "sind nur Blüten drin."
Echtes Schwarzgeld gegen schlechtes Falschgeld - so werden Betrüger von Betrügern betrogen. Die Täter müssen nur selten polizeiliche Nachstellungen fürchten. Denn die Opfer, die den Fiskus leimen wollen, haben selber allen Anlaß, der Polizei aus dem Wege zu gehen.
Bisweilen hauen Ganoven ihre Opfer schlicht mit Geldbündeln übers Ohr, die geschickt zusammengestellt sind - außen echte Noten, innen Faksimiles. Wo es notwendig scheint, wird bei Tauschaktionen auch erstklassiges Falschgeld eingesetzt - wie unlängst in Frankfurt. Dort ermittelt die Polizei wegen einer ganz großen Money-change-Runde.
Im Gebäude der Bank für Gemeinwirtschaft sollte getauscht werden: 3,9 Millionen Mark gegen Dollar, ein gutes Stück unter Tageskurs. Am Ende wären 5 Millionen Mark rausgekommen.
Die Teilnehmer - eine Gruppe Italiener und einige deutsche Kaufleute - trafen sich in den Bankräumen und zeigten sich gegenseitig das Geld. Ein Mann, durch Zeichen am Revers als Bankangestellter ausgewiesen, nahm das Geld der Deutschen in Empfang und verschwand mit einem italienischen Begleiter.
Pardon, zunächst müßten die Millionen geprüft werden, sagten sie - sicher ist sicher. Es endete, wie solche Geschichten immer enden: Der vermeintliche Kassenbote war gar nicht vom Fach, sondern Komplize der Täter, die Falsifikate präsentiert hatten. Nur die Italiener, die rasch in Richtung Flughafen davonzogen, waren echt - sie hatten gutes schwarzes Geld kassiert.
Humor hatten sie auch. Während die deutsche Gruppe samt Notar noch ungeduldig auf die Rückkehr der Geschäftspartner wartete, klingelte in der Bank das Telefon. Ein "Conte" war am Apparat und forderte die Betrogenen auf, bloß ganz schnell abzuhauen: "Die Polizei und die Steuerfahndung sind im Haus."

DER SPIEGEL 29/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schwarzgeld gegen Falschgeld

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott