19.07.1993

Der Rolls im Pool

SPIEGEL: Mr. Townshend, als junger, zorniger Mann haben Sie am Ende Ihrer Konzerte gern Ihre Gitarre zerstört. Tun Sie das heute auch noch?
Townshend: Erst letzte Woche habe ich in der David-Letterman-Show eine 1000-Dollar-Gitarre zerschmettert. Später wurde sie auf einem Wohltätigkeitsball versteigert. Erlös: 4000 Dollar.
SPIEGEL: Weltweit erleben die Rockstars Ihrer Generation, Leute wie Clapton oder die Stones, ihren zweiten Frühling. Freut Sie das?
Townshend: Natürlich nicht. Wenn die Rolling Stones auf Tour gehen, dann hoffe ich, daß sie kein einziges Ticket verkaufen.
SPIEGEL: Warum?
Townshend: Es langweilt mich einfach, wenn ich mit ansehen muß, wie Mick Jagger in seinem Alter immer noch auf diesen Riesenbühnen herumirrt. Er sollte endlich zu Hause bleiben und zusammen mit Jerry Hall sein Geld zählen.
SPIEGEL: Ihr Wunsch wird nicht erhört werden.
Townshend: Es ist, als würden sie aus dem Krieg zurückkommen. Männer wie Keith Richards oder Eric Clapton, ihre Drogenexzesse, ihr Alkoholismus, ihre jahrelangen Depressionen, es ist ein Wunder, daß sie noch am Leben sind. Sie gehörten zu den Todgeweihten, zu Leuten wie Jimi Hendrix oder Keith Moon. Von denen wußte jeder, daß sie früh sterben würden.
SPIEGEL: Keith Moon war nicht nur Ihr Schlagzeuger - er war einer Ihrer besten Freunde. Warum haben Sie nicht versucht, ihn zu retten?
Townshend: Ich habe ihm ein Apartment in London gekauft, weil er bankrott war. Ich habe ihn in die Entziehungskur gefahren, weil er nicht mehr aufstehen konnte. Aber dort hat der Doktor gesagt: "Keith Moon ist okay - Sie sind der Alkoholiker." Und hat mich dabehalten.
SPIEGEL: Gerade haben Sie eine Mini-Rockoper über einen ausgebrannten Popstar fertiggestellt und arbeiten beim Londoner Verlag Faber & Faber als Lektor - haben Sie keine Lust, mit Ihrer Band "The Who" noch einmal auf Tournee zu gehen und satt Geld zu verdienen?
Townshend: Wir haben 1989 in den USA 40 Millionen Dollar in drei Monaten verdient. Wir standen draußen, in riesigen Fußballstadien, völlig isoliert, in irgendwelche Rauchschwaden gehüllt, umgeben von einem Riesenlärm. Ich weiß bis heute nicht, wo wir eigentlich genau waren. Warum soll ich mir das noch einmal antun?
SPIEGEL: Ihrer Mutter zuliebe. Es gibt Gerüchte, daß Ihre Mutter gern bei den Who singen würde . . .
Townshend: Von all den Exzentrikern in meinem Leben - Keith Moon, der seinen Rolls gelegentlich im Swimming-pool parkte, Kit Lambert, der mich zwang, aus dem Union Jack ein Sakko zu machen - war meine Mutter am schlimmsten. Ich danke ihr dafür. Nur die Stadiontour sollte sie sein lassen. Wie jung auch immer sie zu sein glaubt.
SPIEGEL: Der Held Ihrer neuen Rockoper "Psychoderelict" sagt am Ende: "What happened to all that lovely hippie shit" - anscheinend gibt es eine große Sehnsucht danach. Ihre Rockoper Tommy wird am Broadway als Riesenerfolg wiederaufgeführt.
Townshend: Es ist eine weitere Retromode, mehr nicht. Ich habe alle Ideale der sechziger Jahre aus der Inszenierung herausgenommen. Sie haben in der heutigen Zeit überhaupt keinen Platz mehr. Am Ende geht Tommy jetzt nach Hause zu seinen Eltern und nicht hinaus in die Welt.
SPIEGEL: Womit Ihr Ideal von der Rock'n'Roll-Rebellion endgültig beim Teufel wäre.
Townshend: Das einzig Rebellische in der zerfallenden Gesellschaft ist es, eine Familie zu gründen. Nur dort findet einer zu sich selbst.
SPIEGEL: Klingt sehr resigniert. Welche Hoffnungen haben sich in Ihrem Leben nicht erfüllt?
Townshend: Mit Rock'n'Roll wollten wir die Welt verbessern. Heute spielen Neonazis Rock'n'Roll. Ich glaube, das Verfallsdatum der ganzen Geschichte ist seit langem überschritten.
SPIEGEL: Der Rock'n'Roll hat immerhin dazu geführt, daß heute Großväter wie Mick Jagger immer noch lange Haare und Leopardenhosen tragen dürfen . . .
Townshend: Nicht unbedingt das, was wir uns in den sechziger Jahren erträumt haben. Vom großen Aufbruch sind nur ein paar ungewöhnliche Karrieren übriggeblieben. Paul McCartney zum Beispiel. Der Mann ist 200 Millionen schwer, aber er muß einen Song nach dem anderen schreiben. Oder Mick Jagger, der bereit ist, für seinen Ruhm alles zu tun. Beide Typen sind süchtig. Sie wollen größer als die Welt sein.
SPIEGEL: Was man von den neueren britischen Bands wie "Suede" oder "Carter The Unstoppable Sex Machine" nicht behaupten kann. In England sind sie große Stars, auf dem restlichen Planeten kennt sie niemand. Was ist der Grund für diese englische Popkrise?
Townshend: Diese Bands wissen, daß es keine Zukunft gibt. Warum also größer als die Welt sein? Die Umweltverschmutzung, die Überbevölkerung, die sich immer schneller ausbreitende Armut. Wir sollten das Wort Zukunft aus allen Sprachen streichen. Nicht nur wir Rockstars sind Dinosaurier geworden - die ganze Welt ist vom Aussterben bedroht.

DER SPIEGEL 29/1993
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