19.07.1993

Schriftsteller„Ich habe eine ungeheure Wut“

SPIEGEL: Herr Simmel, wie viele Schreibmaschinen haben Sie in Ihrem Schaffensrausch schon zerhackt?
Simmel: Unmöglich zu sagen. Ich tippe seit 50 Jahren brav und redlich die altmodischen Tasten. Für Elektronik bin ich zu blöd, dazu kommt wachsender Altersstarrsinn. Beim Schreiben will ich dreckige Finger haben und Krach machen.
SPIEGEL: Für Ihren neuen Roman "Auch wenn ich lache, muß ich weinen" hätten Sie einen kräftesparenden Computer aber gut gebrauchen können: 632 Seiten Krieg, Elend, Terror, Tod.
Simmel: So finster ist das Buch nun doch wieder nicht. Es ist eine tragikomische Geschichte, eine Odyssee durch das Ende dieses Jahrhunderts, die Geschichte vom Ost-Berliner Klempner Mischa Kafanke, der - durchaus unfreiwillig - zu einer Wahnsinnsreise um die Welt aufbricht und als gequälter Herakles alle Augiasställe ausmisten soll. Es darf dabei auch heftig gelacht werden.
SPIEGEL: Eine vertraute Gestalt aus Simmels literarischem Kosmos. Der Roman verlangt leidensfähige Leser.
Simmel: Wohl wahr. Mein Mischa verdaut selbst die deutsche Wiedervereinigung, er blickt schaudernd in die Abgründe der Spionage. Er wird, nach einer Verwechslung, von einem Geheimdienst nach Bagdad und von einem anderen nach Israel entführt und gerät weltweit in die ärgsten aller Krisenherde. Bei einer Flugzeugentführung muß er dann auch noch sämtliche verstopften Klosetts einer DC-10 reparieren.
SPIEGEL: Verbirgt sich in dieser notleidenden Schwejk-Figur auch ein Stück Simmel?
Simmel: Es steckt so viel Simmel drin, daß viele in meinem Verlag mich nur noch Mischa nennen. Und der Verleger hat gesagt: "Alles, was du sagst, was du denkst, was dir passiert, inklusive Frauen - das alles ist Mischa."
SPIEGEL: In einer der schönsten und witzigsten Buchszenen beschreiben Sie, wie Mischas russischer Vater, der in einer Giftfabrik arbeitet, von einer besonders gefährlichen Schlange gebissen wird.
Simmel: Eine wahre Geschichte, die aus meiner Zeit als Chemiker stammt. Da hatte jemand mit Kaliumzyanid gearbeitet, das als Gegengift bei Schlangenbissen verwendet wird, und jahrelang dieses Teufelszeug in kleinsten Mengen in sich aufgenommen. Dann hat ihn die Schlange gebissen. Doch während sich üblicherweise das Opfer unter gräßlichen Qualen noch ein paar Schritte dahinschleppt und stirbt, kroch in diesem Fall das Reptil noch ein Stückchen weiter und starb unter gräßlichen Qualen.
SPIEGEL: Was will der Dichter uns damit sagen?
Simmel: Ein Volk wie die Russen, das eine derart ungeheure Flut von Demütigungen, Gemeinheit und Verrat erträgt, wird so immun und stark, daß es allen künftigen Perfidien trotzen kann.
SPIEGEL: Was verführt Sie zu solchen Tiefseelforschungen?
Simmel: Ich hatte ungeheure Wut in mir, als ich mit dem Buch anfing. Denken Sie an die Umweltzerstörung, da ist es nicht mehr fünf vor zwölf, sondern halbdrei Uhr früh. Denken Sie an den Zusammenbruch der großen Sowjetunion und daran, daß so hurtig danach an so vielen Orten mörderischer Nationalismus kleiner und kleinster Gruppen ausbrach. Denken Sie an das grauenvolle Schlachten auf dem Balkan. Nach dem bejubelten Tod des Kommunismus versinkt die kapitalistische Welt in ein täglich wachsendes Chaos.
SPIEGEL: Ihr Horizont wird immer düsterer.
Simmel: Ja, denn ich erlebe außerdem auch noch die Wiedergeburt der grauenhaften Nazi-Pest. Seit zwei Jahren setzen Neonazis wieder und wieder Asylbewerberheime in Brand, und die Regierung ließ die Nazis gewähren.
SPIEGEL: Sie haben im vorangegangenen Roman das menschliche Verbrechen gegen die Natur beklagt, im aktuellen Mischa-Opus bekämpfen sich die Menschen untereinander. Leben wir wirklich in einem weltweiten Bürgerkrieg, von Solingen bis Somalia?
Simmel: Ich habe einmal einen Selbstmordversuch gemacht - als Geisterfahrer auf eisiger Autobahn, erfolglos, wie Sie sehen. Was jetzt in Deutschland passiert, wäre Grund genug für einen neuen Versuch. Der Fremdenhaß hat ja nicht erst in Hoyerswerda begonnen. Das Asylproblem ließ sich schon lange vorher herrlich zu einem Wahlkampfthema anheizen, von cleveren Politikern, die ständig tatenlos über fehlende Werte und Vorbilder bei der Jugend lamentierten. Die Neonazis haben schnell gemerkt, daß ihnen fast gar nichts passiert, wenn sie Menschen verbrennen.
SPIEGEL: Sind Vorbilder und Werte nicht mehr gefragt? Ist die Bildungs- und Familienmisere schuld an der schrecklichen Entwicklung?
Simmel: Beim Gedanken an deutsche Werte und Vorbilder, die das Wohlgefallen unserer Regierung finden, sehen Sie mich erbleichen. Ich glaube nicht an die Bildungskatastrophe. Ich glaube, der Nazi-Ungeist hat nach 1945 fast ungehindert weitergewirkt, natürlich auch in den Familien. Was soll aus einem Jungen werden, der zu Hause schweinische Juden- und Türkenwitze hört? Wir begreifen das Phänomen nicht mit sozialer Ursachenforschung. Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung - alles Wortdurchfall. Wenn es denn wirklich so wäre, wie müßte es dann zum Beispiel in Lissabon oder Palermo aussehen?
SPIEGEL: Georg Büchner fragt: "Was ist es, was in uns hurt, stiehlt und mordet?" Ist es die Dummheit, die Gewalt auslöst?
Simmel: Der Philosoph Ulrich Horstmann schreibt: Wir Menschen sind derart entsetzliche Irrläufer der Evolution, uns verbindet alle ein geheimes Einverständnis: Wir gehören weg! Nur so ist das immerwährende Hauen, Stechen, Töten, Kriegen zu erklären. Bisher haben die Mittel dazu nicht ausgereicht, um uns endgültig von der Erde zu entfernen, mit ABC-Waffen wäre das nun möglich. Horstmann hat tatsächlich nur die eine Angst, daß diese Gelegenheit vertan wird.
SPIEGEL: Ganz schön zynisch.
Simmel: Aber als Gedanke verlockend.
SPIEGEL: Zurück zu den Nazis. Haben die Deutschen nichts aus ihrer Geschichte gelernt?
Simmel: Es ist dieses verbrecherische Versäumnis, daß wir nie klaren Tisch gemacht haben. In der ersten Nachkriegsgeneration ist das NS-Problem verdrängt worden. Die zweite wurde in den Wohlstand hineingeboren und lebte von der Gnade der späten Geburt. Die dritte Generation ist wieder bereit für Gewalt, Vorurteile und Fremdenhaß. Der Nationalsozialismus ist eine Pest, die Generationen überspringt.
SPIEGEL: Waren die Mordbrenner von Solingen nicht doch verirrte Einzeltäter?
Simmel: Das wird immer wieder behauptet, aber es ist eine Lüge. Das waren eben keine normalen Gewaltverbrechen, wie sie überall vorkommen. Ich glaube, daß die Rechte hier etwas erreicht hat, wovon die Linken immer nur träumten: eine Internationale.
SPIEGEL: Ihr Haß auf Nazis treibt Sie an wie keinen zweiten deutschen Schriftsteller.
Simmel: Oh, nein. Hier sind mir Günter Graß und viele andere sehr nahe. Aber mich macht diese neudeutsche Steilhangfahrt nach rechts bei Medien und leider auch bei manchen aus meiner Zunft ganz schwindelig vor Ekel. Man sagt doch immer: Wer sein Leben lang dieselben Ansichten hat, ist ein Idiot. Meinungswechsel zeugt von geistiger Regsamkeit. Die Geschwindigkeit freilich, mit der ein Teil der geistigen Elite heute die Meinung ändert und ohne deutsche Nation einfach nicht mehr atmen kann, ist degoutant und schürt meine Melancholie. Hier kann ich dem SPIEGEL-Essay meines verehrten Kollegen Martin Walser nicht mehr folgen.
SPIEGEL: Hat Ihr Haß auf Nazis auch biographische Gründe?
Simmel: Sicher, auch. Der Mischa in meinem Roman hat einen jüdischen Vater wie ich. Über meine jüdischen Wurzeln habe ich ungefragt nie gesprochen, weil gerade in meinem Beruf viele mit ihrer jüdischen Herkunft auf eine Weise hausieren gegangen sind, die mich abgestoßen hat. Ich werde indessen den Teufel tun und meinen Vater verleugnen. Er war Jude und ist bald nach der Flucht in England gestorben. Alle seine Verwandten wurden ermordet, von unserer Familie blieben nur meine Mutter, meine Schwester und ich am Leben. Aber auch, wenn meiner Familie nichts geschehen wäre, würde ich die Nazis als größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte hassen.
SPIEGEL: Ist bei Ihren Attacken gegen den grassierenden Rechtsruck die SPD, Ihre Heimatpartei, noch ein verläßlicher Kombattant?
Simmel: Den elenden Asylkompromiß kann ich den Genossen nicht verzeihen; das Recht auf politisches Asyl gehörte zum Besten, was wir aus der Vergangenheit als Wiedergutmachung gelernt haben. Nun ist es zerstört. Kann sein, daß ich den Sozis nun sagen muß: Es tut mir leid, aber mit euch will ich nichts mehr zu tun haben.
SPIEGEL: Eine lange Liebesbeziehung ohne Trennungsschmerz? Sie waren doch mit Willy Brandt sehr gut bekannt und haben seinen legendären Kniefall in Warschau literarisch verewigt.
Simmel: Ich habe Brandt geliebt. Er ist damals, in Erinnerung an die ungeheuren Verbrechen der Nazis, regelrecht in die Knie gesackt. Eine unendlich ergreifende Geste, für die er dann als Vaterlandsverräter beschimpft wurde. Uns fehlen jetzt so sehr Männer wie er, wie Böll, Intellektuelle, die der braunen Pest offensiv begegnen. Statt dessen haben wir die Witwe Seebacher-Brandt, die es für richtig hält, sich neben einem Herrn Filbinger fotografieren zu lassen, und damit wohl die Ideale Willy Brandts verrät.
SPIEGEL: Es gibt auch mit Frauen selten ein Simmel-Reich auf Erden, und in vielen Ihrer Romane spielen trügerische Weiberherzen eine schillernde Rolle. Der Wandervogel Mischa Kafanke gerät prompt an so eine Femme fatale. Spricht daraus eigene Lebenserfahrung?
Simmel: Ach, ja, Gott sei's geklagt. Die Braven und Stillen sind halt längst nicht so aufregend wie die Giftigen. Ich sehne mich immer noch nach meiner verstorbenen Lulu. Bei ihr vereinte sich das alles. Ich bin nun eigenbrötlerischer geworden, und wenn ich mit einer Frau zusammen bin, ertappe ich mich häufig bei dem Gedanken: "Das hätte Lulu nicht gesagt, das hätte sie nicht getan."
SPIEGEL: Wovon hätte sie Ihnen beispielsweise abgeraten?
Simmel: Einen Liebesroman zu schreiben, dabei würden mir die Füße einschlafen.
SPIEGEL: Sie interessieren sich jetzt, mit fast 70, eher für den Sinn des Lebens?
Simmel: Wir Deutschen sind ja Weltmeister in Existenzgrübelei, das paßt auch gut zur neuen Weinerlichkeit. Ob unser Leben einen Sinn hat, weiß ich nicht. Ich neige zu einem strikten Nein. Die sinnsuchenden Magenbitter Martin Heidegger oder Ernst Jünger jedenfalls haben mich nicht erleuchtet. Wenn ich pränatal gefragt worden wäre, ob ich auf die Welt kommen will, dann hätte mich beispielsweise ein einziger Blick in ein deutsches Nachrichtenmagazin zu dem Aufschrei veranlaßt: Nein, laßt mich bitte, bitte im Mutterleib!
SPIEGEL: Eine britische Zeitschrift, das garantiert sinnlose Seniorenblatt The Oldie, erforscht gelegentlich in einem skurrilen Fragenkatalog letzte Lebenswünsche. Dürfen wir Ihnen mal Kostproben servieren?
Simmel: Nur zu!
SPIEGEL: Wie möchten Sie aus diesem Leben scheiden?
Simmel: Nach einem glücklichen Erlebnis. Man muß ja praktisch jeden Moment damit rechnen, daß sich aus tiefer Dunkelheit eine Stimme erhebt und spricht: "Herr Simmel, Sie befinden sich mit einem schweren Herzinfarkt auf der Intensivstation." Darum lege ich immer großen Wert auf stets frisch geschnittene Fußnägel und saubere Unterwäsche. Ich möchte eigentlich aber noch eine Weile am Leben bleiben, um zu sehen, bis zu welchem Wahnsinn die Menschheit es treibt.
SPIEGEL: Wenn jedoch Freund Hein endgültig zur letzten Ruhe einwinkt - wem möchten Sie um keinen Preis im Jenseits begegnen?
Simmel: Was soll denn das heißen, im Jenseits? Wollen Sie mich in Panik versetzen? Wenn ich tot bin, verflucht noch mal, muß Schluß sein, sonst sterb' ich nicht! Die 70 Prozent Wasser, aus dem der Körper besteht, gehen zum Himmel rauf und kommen als Regen zurück, von den verbliebenen anorganischen Salzen sollen Blumen und Bäume blühen. Das ist ewiges Leben, wie ich es mir wünsche.
SPIEGEL: Werden Ihre letzten Worte ein Roman sein?
Simmel: Im Verlag hat einer über meine Mischa-Odyssee gesagt: "Das ist Simmels Vermächtnis." Und erst habe ich gedacht: "Blöder Hund!" Aber vielleicht hat der Mann ganz recht. Ich habe in dem Buch alles gesagt, woran ich glaube, was ich liebe, hasse und was ich ersehne. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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