19.07.1993

Dem Wahn auf der Spur

Neuroleptika haben die Tollhäuser in Dämmeranstalten verwandelt. Kein Psychiater ist glücklich, sie einsetzen zu müssen. Denn oft kapituliert der Wahn erst, wenn der Patient zur gefühlsdumpfen schlurfenden Gestalt mit stumpfem Blick geworden ist.
Andererseits ermöglichten es erst die Medikamente, Patienten mit ihren psychischen und sozialen Problemen zu begreifen. Mit chemischer Gewalt aus ihrer Wahnwelt herausgerissen, waren sie jetzt zugänglich für Psychotherapie.
Bald schwemmten Erklärungsmodelle für die Schizophrenie auf den Markt: Die Ursache wurde in einem gestörten Verhältnis zur Mutter gesucht, in der Flucht aus unlösbaren Beziehungskonflikten, in frühkindlichen Traumata.
In Italien propagierte der Psychiater Franco Basaglia die Vision von der Abschaffung des Irrenhauses und prangerte die Psychiatrie als Ursache der Symptome an, die sie zu behandeln vorgibt. Psychoanalytiker versprachen die Aufarbeitung der Psychose. Künstler deuteten die seelische Krankheit als eine besondere Form von Kreativität.
Immer wieder machten einzelne Fallberichte von Heilungen Hoffnung. Trotzdem wendeten sich die Psychoanalytiker schließlich enttäuscht ab: Allzuoft erwies sich die Psychose als übermächtig.
Inzwischen ist das Pendel der Ursachenforschung in Richtung Biologie umgeschlagen. Die neunziger Jahre wurden zur "Dekade des Gehirns" ausgerufen - jetzt sind es die Neurobiologen, die dem Mechanismus des schizophrenen Wahns auf die Spur zu kommen hoffen. Nicht die Weltflucht einer kranken Seele, sondern den Defekt eines kranken Gehirns gelte es zu ergründen.
Viele Erklärungen, wenig Klarheit - so läßt sich bis heute der Stand der biologischen Forschung zusammenfassen: *___Genetiker bewiesen durch den Vergleich eineiiger ____Zwillinge, daß es einen erblichen Anteil der ____Schizophrenie gibt. *___Aufnahmen mit dem Kernspintomographen zeigen, daß bei ____Schizophrenen die Hirnkammern (Ventrikel) vergrößert ____sind - ein Befund, der darauf hindeutet, daß eine ____Entwicklungsstörung vor oder kurz nach der Geburt die ____Krankheit verursacht. *___Mit Positronen-Emissions-Tomographen (PET) läßt sich ____nachweisen, daß der Stoffwechsel im Frontal- und ____Schläfenhirn Schizophrener reduziert ist, dort, wo ____Informationen aus vielen Hirnregionen zusammenfließen ____und dann vermutlich zu Plänen oder komplizierteren ____Gedanken zusammengeschmiedet und mit Gefühlen bewertet ____werden: ein Hinweis darauf, daß die Schizophrenie eine ____Störung bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken bei ____gleichzeitiger Gefühlsverwirrung ist.
Die Biochemiker deuten die Krankheit als Stoffwechselstörung: Fast alle wirksamen Neuroleptika blockieren jene Stellen im Hirn, an denen der Botenstoff Dopamin an Nervenzellen andockt.
Schizophrenie, folgern die Pharmakologen, sei Folge eines Dopamin-Überschusses. Doch sie haben auch andere Botenstoffe, vor allem Serotonin und Glutamat, in Verdacht.

DER SPIEGEL 29/1993
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