19.07.1993

FußballEin Stück von Mielke

Der 1. FC Union Berlin fühlt sich vom DFB-Lizenzentzug genauso betrogen wie früher von der SED.
Die Herren des Fußballvereins Union Berlin finden nur kurzfristig Trost und Halt in den 27 Versen, die ihnen ein "anonymer Volksdichter" ans Schwarze Brett der Geschäftsstelle in Köpenick geschlagen hat. Wie in den besten Zeiten der friedlichen Revolution ist das ganze Elend des Ostens in Schüttelreime gefaßt: "So oft ihr Jungs das Tor auch trefft - die Wessis machen das Geschäft!"
Im Konferenzraum, versammelt um eine Kiste Radeberger Pils und ein einsames Blätterteig-Teilchen, debattieren die Union-Vorstandsmitglieder dann unter Tränen, ob es nicht besser sei, "wir gründen eine eigene Ost-Liga". Der Weg zurück in die Teilung erscheint Marketing-Fachmann Gerhard Behrendt zwangsläufig: "So einen gigantischen Betrug gab es nicht einmal früher."
Der 1. FC Union Berlin, sportlich in die zweite Bundesliga aufgestiegen und durch den Entzug der Profilizenz gleich wieder in die Amateurklasse zurückgestuft, sieht sich als Opfer westlicher Intrigen. So wie Ost-Berliner Initiativen gegen den geplanten Abriß des Palastes der Republik Stimmung machen ("Das wäre in München unmöglich") oder die Kali-Kumpel von Bischofferode gegen die Treuhandschließer anhungern, wehren sich nun die Fußballer, so Trainer Frank Pagelsdorf, gegen "Machenschaften, Geld und Einfluß".
Hilflos und verbittert leidet "Eisern Union" (Eigenwerbung) unter den Gesetzen des Berufsfußballs. Ausgerechnet der auf dem Fußballplatz geschlagene West-Rivale Tennis Borussia Berlin (TeBe) erfuhr von einer gefälschten Bankbürgschaft, nutzte mit einer Anzeige beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) konsequent den "Seiteneingang ins Profilager" - das läßt jetzt ganz Ost-Berlin vermuten, TeBe habe die Fälschung auch selbst gefertigt und in die Union-Zentrale geschmuggelt.
Für die Köpenicker wiederholt sich nur die Geschichte. Zu DDR-Zeiten war Union der Klub des Volkes, der in der Wuhlheide tapfer den aussichtslosen Kampf gegen den großen Bruder BFC Dynamo, den Klub der Stasi, austrug. Die besten Nachwuchsspieler mußten auf Erich Mielkes Geheiß zum Serienmeister Dynamo wechseln. "Eins, zwei, drei - pfui, die Polizei", brüllten die Fans, bis sie ins Gefängnis kamen.
Jetzt bietet der Westverein Unions besten Spielern Profiverträge an. So wird aus TeBe-Präsident Horst Nußbaum - ein Musikproduzent, der als Gegenpol zu Roy Black den Künstlernamen Jack White annahm - die Neuauflage des alten Mielke. Das Diktat der Stasi, heißt die Union-Rechnung, wurde durch das Diktat des Geldes ersetzt.
Wenn der Lagerarbeiter Jan Krüger, 29, der am Tag der DFB-Entscheidung vor der Geschäftsstelle im rot-weißen Trikot Mahnwache hält, an dieses "schreiende Unrecht" denkt, möchte er "mal heulen, mal zuhauen". 16 000 Unterschriften hat sein Kumpel Karsten Uttke zum DFB gebracht, zweimal habe Union in der Aufstiegsrunde mit nur zehn Mann gewonnen, einmal ein Eiserner mit gebrochenem Schien- und Wadenbein durchgehalten - und dann klaue der DFB einfach die Lizenz.
Früher, sagt Krüger, "wußten wir wenigstens gleich, daß wir verlieren, weil die Schiedsrichter gegen uns waren". Möbelpacker Ronny Behrendt, 25, kommt es vor, als sei er wieder eingemauert worden: "Nur einmal wollten wir zu 1860 München und St. Pauli fahren."
Die große Verschwörung hat es verhindert. West-Zeitungen verschleiern die Wahrheit; West-Fernsehsender "schneiden Material heraus, das TeBe belastet" (Pagelsdorf); der West-Staatsanwalt verschleppt Ermittlungen; und die Spieler von Bischofswerda haben, von TeBe bezahlt, in der Aufstiegsrunde mit angespitzten Stollen gegen Union gekickt. "Mosaiksteine" nennt Union-Sprecher Michael Zeise diese "Fakten".
Unangenehme Aspekte der Wirklichkeit haben da keinen Platz. Daß Manager Pedro Brombacher, der einst in der SED-Bezirksleitung _(* Bei der Aufstiegsfeier am 13. Juni. ) saß, mit dem Hauptsponsor einen Knebelvertrag aushandelte, der Union nicht nur zum Aufstieg, sondern auch zur Auftragsvermittlung bei einem "Stadion-Umbau für Olympia 2000" verpflichtet - und? Das in 40 DDR-Jahren mühsam erworbene Rebellenimage ersetzt mühelos die drei Buchstaben SED durch DFB. "Es könnt'' ein Stück von Mielke sein", schreibt ihnen der anonyme Dichter aus dem Herzen.
Wütend registrieren sie, daß die eigenen Fußballer opportunistisch überlegen, zum TeBe-Kapital überzulaufen und Politiker die Wende schon vollzogen haben. Bürgermeister Eberhard Diepgen, lange Zeit ein so eifriger Kämpfer für den Ost-Verein, daß der DFB sich "halbwegs erpreßt" (Nußbaum) vorkam, fordert inzwischen lapidar, nun "Tennis Borussia die Unterstützung zu leihen".
Furchtbar sei, sagt der Wessi Pagelsdorf, der sich in Marzahn abhärtete und "jetzt ein Ossi" ist, "was den Menschen hier angetan wurde". Vor dem Stadion Alte Försterei klagen die Fans, daß ihnen "nach dem Arbeitsplatz nun das Letzte" genommen wurde. Pagelsdorf ahnt: "Das vergessen wir nie."
Union-Fan Andreas Schulze, 24, hat erkannt, daß "wir wirklich allein sind". Dagegen helfe nur eines: Es werde bei TeBe Randale geben, "unter Garantie". Doch die Pfeffersäcke im Westen haben wie Vizepräsident Klaus-Volker Stolle nur eine Sorge: "Hoffentlich zahlen sie alle vorher Eintritt." Y
* Bei der Aufstiegsfeier am 13. Juni.

DER SPIEGEL 29/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fußball:
Ein Stück von Mielke