02.08.1993

„Mehr auf den Bauch“

Die beste Sicht hatte ein Fahnder des Bundeskriminalamts. Während sich auf Bahnsteig 3/4 am Sonntag vor fünf Wochen die verhängnisvolle Schießerei zwischen Fahndern und dem mutmaßlichen Terroristen Wolfgang Grams entwickelte, thronte er im Stellwerk des Bahnhofs von Bad Kleinen, gut acht Meter über Grund.
Eigentlich der ideale Zeuge für jedweden Vorgang zu seinen Füßen. Aber die Umstände, unter denen Grams auf den Schienen zu Tode kam, will er nicht mitbekommen haben - er schaute angeblich gerade in die andere Richtung.
Keiner der eingesetzten Beamten, ob vom Bundeskriminalamt oder von der bestausgebildeten deutschen Polizeitruppe GSG 9, hat bei den ermittelnden Staatsanwälten in Schwerin bisher eine konkrete, schlüssige Schilderung abgeliefert. Etliche Elitepolizisten sind bereits mehrfach befragt worden, einige auch vom Ermittlungsrichter, manche Protokolle sind über 40 Seiten lang.
Einer der GSG-9-Beamten, der Grams direkt vor sich hatte, wurde regelrecht patzig, als der Vernehmer insistierte. "Was Sie sagen, sollte mich überzeugen", gab er zu Protokoll, "in der Tat müßte ich, zwei Meter neben ihm, alles gesehen haben. Aber ich habe nun mal nichts gesehen."
Dafür hat die Verkäuferin Joanna Baron vorige Woche in der Fernsehsendung Monitor ihre Aussage, die sie _(* Am 27. Juni, kurz nach dem ) _(Schußwechsel. ) kurz nach den Geschehnissen abgegeben hatte, bekräftigt. Den "reglos daliegenden Grams" habe ein Beamter "aus nächster Nähe" in den Kopf geschossen, ein zweiter habe auch gefeuert, "aber mehr auf den Bauch oder die Beine".
Joanna Baron konnte den Vorgang hervorragend beobachten: Ihr Laden befindet sich nur 20 Meter von der Stelle entfernt, an der Grams niederstürzte; der Blick ist frei und ohne perspektivische Verzerrungen. Dennoch trauen ihr die Vernehmer nicht viel zu. Ein Ermittler: "In ihren Wahrnehmungen ist sie sich nicht allzu sicher."
Die Aussage deckt sich in wesentlichen Teilen mit der ausführlichen und detaillierten Schilderung eines beteiligten Antiterror-Spezialisten, der sich kurz nach der mißglückten Aktion beim SPIEGEL gemeldet hatte. Der Mann, der sich den Schweriner Staatsanwälten bisher nicht offenbaren wollte, erklärte, anders wiederum als andere Zeugen, ein GSG-9-Beamter habe auf den bereits getroffenen Grams einen Nahschuß abgefeuert. "Die Tötung des Herrn Grams", sagte er, "gleicht einer Exekution."
Die Rätsel bleiben, auch in der sechsten Woche nach dem Debakel. Fest steht nur, daß Grams nach einem aufgesetzten Kopfschuß starb, der offenbar aus seiner eigenen Waffe abgefeuert wurde.
In diesem Fall sind Spezialisten des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, von den Schweriner Staatsanwälten mit Untersuchungen beauftragt, wieder einen Schritt weitergekommen. Ein im Schotter gefundenes, in zwei Teile zerfetztes Projektil sei, erklärt ein Experte, "zwanglos einem Kopfdurchschuß im Liegen zuzuordnen" - soll heißen: Diese Möglichkeit besteht, aber bewiesen ist es längst nicht.
Weiter haben die Züricher Fachleute festgestellt, daß in der Wundöffnung am Kopf von Grams Pulverrückstände hafteten. Sie sind identisch mit den chemischen Merkmalen der Patronenfüllungen, die von ihm selbst benutzt wurden.
Nach diesen Vorermittlungen konzentriert sich die Untersuchung nun auf die Frage, ob aus dem Einschußwinkel Rückschlüsse auf den Waffenträger möglich sind. Hielt Grams die Pistole selber? Hatte ein Polizist sie in der Hand?
Ob dies überhaupt geklärt werden kann, scheint den Ermittlern inzwischen zweifelhaft. Jedenfalls gehört es nicht zur Doktrin der Terroristen, in einer für sie verzweifelten oder lebensbedrohlichen Lage Selbstmord zu begehen. "Weder in Vernehmungen noch in Hauptverhandlungen vor Gericht sind solche Absichten je artikuliert worden", sagt ein erfahrener RAF-Fahnder.
Vor September ist mit einem endgültigen Gutachten aus Zürich nicht zu rechnen. Im Fall des getöteten GSG-9-Beamten Michael Newrzella konnten die Eidgenossen ein schnelleres Ergebnis präsentieren: Der Schuß, der ihn in der Brust traf, stammt aus der Grams-Waffe.
* Am 27. Juni, kurz nach dem Schußwechsel.

DER SPIEGEL 31/1993
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