11.07.1994

„Ein Lügengespinst“

Duerr, 51, lehrt als Professor für Kulturgeschichte und Ethnologie an der Universität Bremen.
SPIEGEL: Herr Duerr, die Verfechter der "Political Correctness" (PC) mehren sich. Woran liegt es, daß Intellektuelle so hysterisch reagieren?
Duerr: Der Niedergang aller Ideologien, die eine bessere Welt versprachen, und die wachsende Einsicht, daß die Welt sich gegen grundlegende Veränderungen sträubt, führt offenbar zu einer Abwendung von der politischen Realität. Angedeutet hat sich diese Entwicklung schon in den frühen achtziger Jahren. Damals fing man an, sich nicht mehr so sehr für das Schicksal der Sandinisten in Nicaragua zu interessieren, sondern für den Cadmium-Gehalt der Steinpilze.
SPIEGEL: Die Idealisten schmollen?
Duerr: Die sind maßlos enttäuscht und hoffnungslos geworden. Sie fühlen sich von der Realität beleidigt. Aber der Wille zur Veränderung ist geblieben.
SPIEGEL: Welche Folgen hat das?
Duerr: Fühlt man sich politisch ohnmächtig, werden die Bilder von der Wirklichkeit und die Worte, die sie beschreiben, immer wichtiger. Und wenn die Realität immer schrecklicher wird, und dieses Grauen in allen TV-Nachrichten ausgebreitet wird, versenkt sich der leidende Betrachter in die Reinheit der eigenen Scheinwelt. Insofern ist "Political Correctness" die Illusion einer heilen Welt und einer behüteten und sauberen Gesellschaft.
SPIEGEL: Also ganz ordinäre Realitätsflucht?
Duerr: Genau. Die Tugendgruppe zimmert sich ein dualistisches Weltbild zusammen, eine infantile Disney-Idylle, mit guten und mit bösen Menschen. Wichtig ist jetzt vor allem die richtige Gesinnung. Nur: Diese Gesinnung bewirkt in der Wirklichkeit immer weniger. Bis in die siebziger Jahre trieb es die Gesinnungsmenschen zur Tat, nach der Devise "Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es". Heute genügt die Demonstration einer einwandfreien Moral.
SPIEGEL: Aber in der Sprache hinterlassen die PC-Jünger doch sichtbare Spuren.
Duerr: Es werden jedenfalls immerfort neue Euphemismen erfunden, also beschönigende Worte für alle möglichen Übel. Das heißt: Die Sprache wird immer besser, und zwar in dem Maße, wie die Realität sich verschlechtert. Eine Studentin hat mir kürzlich erzählt, sie sei in einem Seminar als Rassistin beschimpft worden, weil sie arglos das Wort "Jude" benutzt hatte.
SPIEGEL: Sie gelten als erklärter Gegner der politisch Korrekten. Hat das für Sie konkrete Folgen im Uni-Alltag?
Duerr: Die Anstandsfraktion hat mich immerhin mit Mord und Kastration bedroht. Sie sehen, die Arbeit als Ethnologe ist zuweilen lebensgefährlich - weniger bei den Kopfjägern im Urwald als an der deutschen Universität.
SPIEGEL: Wird sich PC in Deutschland durchsetzen?
Duerr: Hoffentlich nicht. Ich halte es nicht für erstrebenswert, daß eine Gesellschaft ihre mühsam erkämpften Freiheiten preisgibt. "Political Correctness" ist ein Lügengespinst, das einen rigiden und humorfreien Persönlichkeitstypus schafft - den Typ des Dauerempörten, der nur darauf wartet, Protest abzusondern und zu bestrafen. Dazu gehören auch chronisch gekränkte Feministinnen, die ständig - bewußt oder unbewußt - auf der Lauer nach Macho-Sünden liegen. Dadurch wird eine Atmosphäre von Unfreiheit und Haß geschaffen, die jede zwischenmenschliche Kommunikation zerstört.
SPIEGEL: Mit welchen Folgen?
Duerr: Wenn den Menschen untersagt wird, unverkrampft über augenblicklich unerwünschte und heikle Themen zu sprechen, verdrängen sie das Tabuisierte ins Unbewußte. Und daraus kann es irgendwann unkontrolliert ausbrechen.

DER SPIEGEL 28/1994
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