14.09.1992

„Wie eine Epidemie“

Der Brite Tony Fitton weiß über Clenbuterol nur Gutes zu berichten: "Es funktioniert wirklich - auch in geringen Dosen." Alle, die anderes erzählen, hätten "keine Ahnung".
"Doctor Hormon", wie Fitton in Sportlerkreisen ehrfürchtig genannt wird, hat von Albuquerque aus, der größten Stadt des US-Bundesstaates New Mexico, jahrelang die amerikanischen Sportler mit Anabolika versorgt. Dabei war der frühere Gewichtheber 1984 verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach seiner Entlassung gilt Fitton als kompetenter Gesprächspartner - für Dopingkonsumenten wie für Drogenfahnder. Und immer häufiger in den letzten Jahren konnte er über Clenbuterol-Schmuggel berichten.
Spätestens vor zwei Jahren hätten die deutschen Verkaufsmanager der Firma Thomae in Biberach, so Fitton, auf die Clenbuterol-Connection aufmerksam werden können. In den Apotheken der nördlichen Grenzstädte von Mexiko sei das Asthmamittel Spiropent so häufig verkauft worden, als würde in ganz Mexiko eine Asthma-Epidemie grassieren. Weil Clenbuterol-Präparate in Mexiko rezeptfrei zu bekommen, sie in den USA aber nicht zugelassen sind, wurden sie illegal über die Grenze geschafft.
Neben dem Schmuggel von Fertigpräparaten wie Spiropent, Clenasma und Broncoterol weiß Fitton von einem zweiten illegalen Versorgungsstrang: Clenbuterol, in Europa und dort besonders in Deutschland hergestellt, wird pur in Kilogramm-Mengen eingeschmuggelt und dann in geheimen US-Labors in Tablettenform gepreßt. Verkauft wird solche Schwarzmarktware unter Phantasienamen wie "Nutrapharm" und "Interpharm" zu Preisen von 70 bis 100 Dollar pro hundert Tabletten. Umschlagplätze sind wie beim illegalen Anabolikahandel in Deutschland die Kraft- und Fitneßstudios.
Ein besonderer Literaturservice versorgt die Kunden zudem mit Informationen über die Chemie der Stoffe, Bezugswege, Wirkungen und Dosierungsschemata sowie Nebenwirkungen nebst Behandlungsvorschlägen. Bei Clenbuterol müsse mit Zittern, nervöser Unruhe, Herzklopfen und schmerzhaften Muskelkrämpfen gerechnet werden, die aber alle "beherrschbar" seien.
Das "Anabolic Reference Update", ein Untergrund-Buch für Bodybuilder, weist ausdrücklich auf einen weiteren großen Nutzen von Clenbuterol hin: "Es wirkt gleichstark bei Männern und Frauen." Es sei sogar besonders damenfreundlich: Vermännlichende Folgen wie bei den anabolen Steroiden gibt es nicht, außerdem wird das Unterhautfettgewebe abgebaut. Das Tiermastmittel, das Anfang 1988 in Großbritannien erstmals als Anabolikum für Sportler entdeckt worden war, eigne sich deshalb auch bestens zur Beauty-Kur.
Die Folgen für den Schwarzmarkt resümiert der kanadische Mediziner und Pharmakologe Mauro Di Pasquale in der von ihm herausgegebenen Broschüre "Drugs in Sports": "Die Anwendung von Clenbuterol bei Sportlern hat das Ausmaß einer Epidemie angenommen." Besonders die Leichtathleten sind längst von den klassischen Anabolika auf Clenbuterol umgestiegen. "Jeder nimmt es", weiß ein Journalist der Fachzeitschrift Sports Illustrated.
Laut Fitton gönnen sich die "Clen-Fans" gleich mehrwöchige Kuren, unterbrochen von einigen drogenfreien Wochen, damit sich die Rezeptoren in den Muskeln wieder erholen können.
Dem mehrwöchigen "Einschleichen" mit 20 bis 40 Mikrogramm pro Tag - das entspricht der therapeutischen Dosis in Deutschland - folgt ein stufenweises Hochdopen, bei dem je nach individueller Toleranzgrenze für das Ertragen der Nebenwirkungen die Dosis auf bis zu 160 Mikrogramm pro Tag hochgefahren wird. Danach folgt, ähnlich wie in Tierversuchen, ein mehrwöchiger "2-On-2-Off-Rhythmus": zwei Tage Stoff, zwei Tage keiner.
Da die Droge in den Doping-Kontroll-Labors der USA lange als Stimulanzpräparat galt, wurde bis zum Mai dieses Jahres nur im Wettkampf nach Clenbuterol gefahndet. Drei bis vier Tage nach dem Absetzen aber ist die Substanz in der Regel nicht mehr im Urin nachweisbar - das erklärt, warum in den USA bisher kaum Athleten erwischt wurden. In Wirklichkeit war Clenbuterol längst eine Trainingsdroge geworden.
Die US-Behörden fahndeten aus Arbeitsüberlastung bisher lediglich nach illegalen anabolen Steroiden. Das änderte sich im Juli, als der Autor des "Untergrund-Handbuchs für Steroidbenutzer", Daniel Duchaine, beim Clenbuterol-Abfüllen und Falschetikettieren erwischt wurde. In dieser Woche muß der Doping-Guru eine zweijährige Gefängnisstrafe in Nevada antreten.

DER SPIEGEL 38/1992
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