21.09.1992

Sex-Partys bei „Micha“

Bei ihrem Bemühen, die evangelische Kirche der DDR zu unterwandern, war die Stasi des Erich Mielke nicht pingelig. Bevorzugtes Angriffsziel der Kirchenabteilung XX/4 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war die Zentrale des DDR-Kirchenbundes in der Ost-Berliner Auguststraße 80. Dort hatte das MfS Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie eingeschleust, vom Kraftfahrer und Dienstboten bis zu leitenden Funktionären im Sekretariat des Bundes.
Einer der hochrangigen Stasi-Informanten im Bundessekretariat war der Oberkirchenrat Ernst-Eugen Meckel alias IM "Prinz". Meckel lieferte, wie aus jetzt in der Gauck-Behörde aufgefundenen Stasi-Akten hervorgeht, nicht nur zahllose Interna aus der Kirchenzentrale an das MfS. Er schleuste auch eine MfS-Agentin in die Auguststraße ein, die einen Spezialauftrag hatte: Sie sollte menschliche Schwachstellen der Kirchenleute, vor allem im sexuellen Bereich, aufklären. Die Stasi erhoffte sich kompromittierende Erkenntnisse, mit deren Hilfe sie kirchliche Mitarbeiter erpressen konnte.
1973 besorgte der 1977 verstorbene Oberkirchenrat der 24jährigen MfS-Zuträgerin, IM-Deckname "Micha", zunächst einen Aushilfsjob beim Kirchenbund. Mit Hilfe von "Prinz" gelang es der flotten "Micha", einer Jura-Studentin mit "rehbraunen Augen und südlichem Teint" (Stasi-Akten), rasch, in der Kirchenzentrale aufzusteigen.
Die Agentin war, wie die Dokumente belegen, sehr rege. Sie erkundete nicht nur homosexuelle Neigungen unter Oberkirchenräten. "Micha", die über ihren Freund selbst Kontakte zur Ost-Berliner Schwulen-Szene hatte, organisierte, wie aus zahlreichen "Treffberichten" mit ihrem Führungsoffizier hervorgeht, im Stasi-Auftrag auch Kneipenabende mit Kirchenleuten in Tuntenlokalen am Prenzlauer Berg.
Außerdem veranstaltete "Micha" "Sex-Partys" (Stasi-Akten), über die sie detaillierte Berichte, zum Teil handschriftlich, an die Kirchenabteilung des MfS lieferte.
Originalton "Micha"-Akte über einen Oberkirchenrat: _____" Er bestellte mich telefonisch in sein Dienstzimmer. " _____" Wir unterhielten uns dann ca. 1 Stunde. Ich mußte mich " _____" bei ihm auf den Schreibtisch setzen, und er küßte mich " _____" sehr leidenschaftlich. Er wollte wissen, wann es wieder " _____" eine von diesen Sex-Partys gibt. Wir vereinbarten eine " _____" Fete in meiner Wohnung. "
Die Stasi besorgte, laut Akte, für "Michas" Feste "eine unbelegte Wohnung" und stattete die Gastgeberin mit einem Fotoapparat aus.
Über eine "Bibelrüste" von Mitarbeitern der Kirchenzentrale im Jahr 1973 gibt "Micha" zu Protokoll, "daß bei dieser Tagung das Feiern im Vordergrund stand. Es wurde eine Unmenge von Alkohol verkonsumiert. Es standen zur Verfügung ca. 10 Flaschen westdeutscher bzw. französischer Kognak, je 2 Kästen Rot- und Weißwein. Es wurde jeden Tag bis 3 Uhr nachts gefeiert. Getanzt wurde nach Tonbandmusik".
"Michas" Führungsoffizier Gerhardt Bartnitzek setzte seinen Lockvogel gezielt auf bestimmte Kirchenleute an. Er gab ihr nicht nur detaillierte Verhaltensregeln, sondern kaufte mit ihr auch Kleidung ein, die den Kirchen-Männern gefallen könnte. Fast wöchentlich traf sich "Micha" mit dem Genossen Bartnitzek von der XX/4, um neue Anweisungen entgegenzunehmen. "Micha" übergab bei ihren Treffen in konspirativen Wohnungen Kirchendokumente, die sie in die Hand bekommen hatte, sie fertigte für die Stasi ausführliche Skizzen über die Räumlichkeiten in der Auguststraße und besorgte Wachsabdrücke von allen Schlüsseln der Kirchenbundzentrale.
Die IM-Akte "Micha" enthält zahlreiche Klarnamen von hochrangigen Kirchenfunktionären, darunter den von Manfred Stolpe, von 1969 bis 1982 Leiter des Kirchenbundsekretariats. Zu Stolpe sollte "Micha", vermerkt ein Treffbericht vom 10. November 1974 über eine "Bibelrüste" in Hirschluch, den "Kontakt festigen".
"Michas" Führungsoffizier Gerhardt Bartnitzek hielt, so weisen die Stasi-Unterlagen aus, engen Kontakt zu seinem Kollegen Klaus Roßberg, dem Führungsoffizier des IM "Sekretär". Unter diesem Decknamen wurde in der MfS-Abteilung XX/4 Manfred Stolpe geführt.
IM "Micha" arbeitete für das MfS nach Aktenlage bis zum Dezember 1989. Ihre Führungsoffiziere versicherten ihr zum Abschied, ihre Akten seien vernichtet.
Der Kirche diente sie länger - bis Ende vergangener Woche.

DER SPIEGEL 39/1992
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