25.07.1994

ErotikWuschel an Fisch

Luise Rinser gibt nicht auf. Nun hat sie auch noch ihre Liebesbriefe an Karl Rahner hervorgekramt.
Schonung ist nirgendwo. Und überall bin Ich.
High-noon, punkt zwölf Uhr, war es in Innsbruck am 27. Februar 1962, als das Schicksal zuschlug. "Du kamst mit dem (alten?) Regenmantel als Päckchen unterm Arm und mit der ,Hebammen''-Mappe. Ich stand auf. ,Wohin gehen wir?'' fragtest Du. Ich: ,Zum Essen.'' Und wir gingen in den Grauen Bären, der gar nicht grau war, und wir aßen . . . und redeten in der Halle weiter."
So beginnen Liebesdramen, wenigstens in der Erinnerung von Luise Rinser. "Ich böses Mädchen dachte: Was würde er jetzt tun, legte ich meine Hand auf die seine? Aber ich tat''s natürlich nicht." Wenig später indes bat sie um "irgend etwas, das Sie viel bei sich tragen", als "Segenszeichen". Ein paar Tage darauf waren sie per Du.
Daß Luise Rinser, gefühlsstarke Tugendboldin und beharrlichste Ich-Sagerin der deutschen Nachkriegsliteratur, allen Lebewesen innig zugetan ist ("Den Wolf umarmen"), weiß eine treue Lesergemeinde zu schätzen. Bekannt ist auch, daß die Rinser, inzwischen 83, in ihrem Leben neben drei Ehegatten so manchen Mann betört oder wenigstens angehimmelt hat ("Führer . . . Heil Dir"). Doch wen sie damals in Innsbruck eroberte, hat die sonst zielbewußt offenherzige Katholikin, die sich gern als "Revolutionärin und Nonne" sieht, nicht ausposaunt.
Nun aber kommt er, der Tusch: Karl Rahner höchstselbst war es, einer der einflußreichsten Denker römischen Glaubens in diesem Jahrhundert. Mehr als 1800mal tippte der Jesuitenpater und Konzilfachmann (1904 bis 1984), damals Professor in Innsbruck, in den folgenden 22 Jahren Botschaften an sein "Wuschel", mitunter drei am Tag. Und auch die Rinser versorgte ihren "Fisch" handschriftlich mit Seelenfutter.
Davon kann nun jeder zehren. An die 480 Seiten amourös-religiöser Herzensergießungen erscheinen dieser Tage im Münchner Kösel Verlag - freilich nur aus Rinsers Feder*. Denn Rahners Erben, die Jesuiten, haben den Abdruck selbst kleinster Passagen seiner Briefe verboten. Zu verstörend wohl wäre es, den kühnen Gottesstreiter schriftlich weinend und auf Knien vor dem "Mädchen" von 51 Jahren zu erblicken oder von seiner Sehnsucht zu erfahren, er wolle in seines "Wuschels Gegenwart" wandeln und dereinst im Himmel eine Wohnung mit ihm teilen.
Auf Erden hinderte die beiden am Vollzug des "schlechthin Verbotenen" nicht nur sein Zölibat. Vollblutfrau Rinser ("Ich bin ein Mensch des Un-Maßes, mein Fisch!") muß ihrem in Leidenschaft entbrannten Kleriker mühsam beibringen, daß schon ein anderer auf ihr weites Herz "exklusiven" Anspruch erhebe - ausgerechnet ein bayerischer Benediktinerabt, der natürlich ebensowenig zur Sache kommen darf.
Mitleidig, aber eisern hält das Wuschel vom italienischen Domizil aus seine beiden Verhinderten auf Distanz, erteilt mütterlichen Rat ("Iß nicht zuviel, sonst bist Du fett und ich mag Dich nimmer") und schmachtet: "Laß mich nicht allein." Wenn dann wieder mal aus dem "zarten Wasserfall" Rahnerscher Werbungsworte ein bitterer Sturzbach geworden ist, mimt sie in sicherer Entfernung die Gekränkte: "Seltsam egoistisch" sei er doch bisweilen, der Fisch - "es erschreckt mich, daß Du mich mit solcher Leidenschaft liebst".
Gegen fleischliche Anfechtungen weiß sie sich immun (höchstens "früher waren ,die Männer'' meine Versuchung"), aber selten vergißt sie zu erwähnen, wenn ein "schöner Mann" um sie herumstreicht. Heitert das den eifersüchtigen Fisch nicht auf, wird sie pastoral: "Es ist gewollt, daß Du den Becher menschlichen Schmerzes trinken sollst." Rahner, der "theologische Astronaut", sei in Liebesfragen "halt nicht eingeübt". Fazit: "Man muß einander vertrauen, Fisch, und in unserer Beziehung bist ja Du der Größere und Wichtigere."
"Führung" solle er ihr geben, ja "ein Führer" sein, bittet die Poetin nur allzu bald. Beglückt, daß Rahner sie und ihr "Weibergehirn" "geistig aufgerissen" habe, schmeichelt sie ihrem "Kirchenvater" mit Tatsachen: "Neben Dir komm'' ich mir immer recht arg dumm vor." _(* Luise Rinser: "Gratwanderung. Briefe ) _(der Freundschaft an Karl Rahner". Hrsg. ) _(von Bogdan Snela. Kösel Verlag, München; ) _(472 Seiten; 58 Mark. ) Überhaupt: "Ach Fisch, ist das alles schwer, sobald man denkt."
Schweres mag das Wuschel eben nicht so recht. Soll doch sein "Aristokrat unter den Intellektuellen" beantworten, "wie man in sexbetonten Ländern (Lateinamerika) Priester bekommen soll, ohne ihnen die Ehe zu erlauben", ob er an den Teufel glaubte und wie man sich wohl Maria beim Orgasmus vorzustellen habe. Verwertbar wären Rahners Tips bestimmt - schließlich hat eine Handleserin attestiert, Frau Rinser besitze die "Pluto-Linie", wie all jene, "die jetzt etwas sehr Wichtiges zu sagen haben zur Gestaltung des nächsten Zeitalters".
Liest sie zu diesem hohen Zweck nicht gerade "die sehr packende Misereor-Zeitung" schwant ihr zwar: "Noch bin ich allzusehr ,ich''." Doch bekennt sich dann ein Fan "um der geistigen Klarheit willen" zu ihrem Werk, muß sie einfach beipflichten. "Nicht wahr, ich bin keine hysterische Betschwester, ich habe einen handfesten bayerischen kritischen Verstand!!"
Dem mutet sie selbst Heidegger zu ("der Alte weiß nicht mal, was für eine begeisterte späte Schülerin er hat"), obgleich sie feststellt, daß der Freiburger Seinslehrer leider "das Christentum überhaupt nicht versteht". "Wäre er Christ, wäre er groß" - so ein Pech. Da muß das Wuschel wohl doch selber denken. Kostprobe: "Alles ist wahr, was ist, und man weiß alles, d. h. man weiß nichts, und das ist dasselbe."
Gern ließe sie sich für derlei Profundes "eine große Theologin des 20. Jahrhunderts" nennen. Versuchsweise beginnt sie schon mal gespannt zu zittern, wenn ein Anruf aus Rom kommt ("es könnte ja der Papst sein"), und als Paul VI. dann nicht ganz nach ihren Wünschen regiert, erwägt sie Kühnes: "Soll ich als neue Catherina von Siena zu ihm gehen, auf den Knien vor ihm liegen und ihn um Raison anflehen???"
Das dürfte schon am engen Terminplan des Vatikans gescheitert sein. Desto dringlicher erwartet die verhinderte Märtyrerin von ihrem Fisch PR-Schützenhilfe. "Eines Tages mußt Du doch über die Theologie in Luise Rinser''s Werken schreiben." Und als Rahner der "leidigen Frage" diskret ausweicht, schmollt sie: Ohne sein Wuschel wäre der Glaubensmann doch "nie bis zum schrecklich glühenden Kern des Lebens durchgestoßen". Undankbarer Fisch.
"Indem Du Liebe plus Schmerz kennenlerntest, bist Du ganz groß geworden." Habe da nicht auch sie ein Fünkchen Anerkennung verdient, gerade jetzt, wo kritische Unholde sie piesacken? "Man wirft mir ,Verlogenheit'' vor, so scheint es. Und das ist absurd. Wenn ein Schriftsteller integer ist, wenn sich so Leben und Schreiben deckt, dann doch bei mir. Oder irre ich mich?"
Wer weiß - jedenfalls wurden Rahners Briefe immer spärlicher. Vielleicht dämmerte ihm ja, was das weise Wuschel längst so unübertrefflich formuliert hatte: "Leben ist schwer." Mürbe geworden, rang er sich 1971, zu ihrem 60. Geburtstag, doch noch eine kleine Rinser-Eloge ab: "Von der Größe und dem Elend des christlichen Schriftstellers". Darin sagte er, was er aus den Werken seiner Freundin gelernt hatte: "daß wir immer auch Geschwätz sind." Y
* Luise Rinser: "Gratwanderung. Briefe der Freundschaft an Karl Rahner". Hrsg. von Bogdan Snela. Kösel Verlag, München; 472 Seiten; 58 Mark.

DER SPIEGEL 30/1994
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