28.09.1992

Ins Auge geblickt

hat sie der Kamera fast immer, die Macht der Bilder kannte sie als Fotografentochter genau: Frida Kahlo (1907 bis 1954), zum Buchmessen-Schwerpunkt "Mexiko" in einer Reihe von Bild- und Fotobänden gewürdigt*, war ein perfektes Modell, auch für ihre eigenen Gemälde, von denen mehr als die Hälfte Selbstporträts sind. Kaum je lächelnd, fixiert die Malerin ihre Betrachter, wie sie selbst sich immer wieder im Spiegel musterte.
Oft konnte sie das nur vom Krankenbett aus tun: Nach Kinderlähmung und einem beinahe tödlichen Straßenbahn-Unfall 1925 verging kein Tag der leidenschaftlichen, _(* Martha Zamora: "Frida Kahlo - ) _(Aufschrei der Seele". Wiese Verlag, ) _(Basel; 144 Seiten; 70 Mark. "Frida Kahlo ) _(- Die verführte Kamera". Wiese Verlag, ) _(Basel; 128 Seiten; 79 Mark. "Einsame ) _(Begegnungen - Lola Alvarez Bravo ) _(fotografiert Frida Kahlo". Benteli ) _(Verlag, Bern; 96 Seiten; 32 Mark. ) impulsiven Autodidaktin ohne Schmerzen, Jahr um Jahr mußte sie Operationen erdulden. Desto standhafter verarbeitete die früh zum Kommunismus bekehrte Künstlerin mit visionärer Phantasie ihre Leiden zur Legende. Angeregt von mexikanischer Volksmalerei, schuf sie einen Bildkosmos, in dessen Zentrum sie sich selbst sah.
Als Andre Breton, Vaterfigur der Pariser Surrealisten, Frida Kahlo 1938 in Mexiko begegnete, war er von der "Märchenprinzessin" begeistert. Doch sie wehrte sich gegen Bretons Versuch, sie zur Mitstreiterin zu ernennen: Was auf ihren Gemälden surrealistisch aussehe, sei für sie Wirklichkeit. So inspirierte eine aufwendige, letztlich nutzlose Wirbelsäulentherapie sie 1944 zum Selbstporträt als Schmerzensfrau im Stahlkorsett.
Noch die Gipsverbände, die ihren Körper umschlossen, bemalte die Unbeugsame: Einen schmückte sie in der Herzgegend mit Hammer und Sichel, darunter mit dem Abbild des Kindes, das gebären zu können sie vergebens wünschte.
Unterstützt und verehrt von ihrem Ehemann, dem riesenhaften, 20 Jahre älteren Monumentalmaler Diego Rivera, genoß sie ihr Charisma, manchmal mehr als ausgiebig: Dann trank sie, rauchte Marihuana. Nicht nur aus Verzweiflung über Diegos fortgesetzte Untreue stürzte sie sich in Affären, für kurze Zeit sogar mit Leo Trotzki: Zwei Jahre war der exilierte Revolutionär Gast in Fridas geliebter "Casa Azul", dem mit heimatlicher Kunst angefüllten, von vielen Tieren bevölkerten elterlichen Haus.
Vor dem Objektiv ihrer zahlreichen Fotografenfreunde hat sie, die später als Patriarchin des Feminismus gerühmt wurde, stets Rollen angenommen: Erdmutter, Femme fatale, Gutsherrin oder Indianerin - als wollte sie die widersprüchlichen Gesichter Mexikos in ihrem vereinigen.
* Martha Zamora: "Frida Kahlo - Aufschrei der Seele". Wiese Verlag, Basel; 144 Seiten; 70 Mark. "Frida Kahlo - Die verführte Kamera". Wiese Verlag, Basel; 128 Seiten; 79 Mark. "Einsame Begegnungen - Lola Alvarez Bravo fotografiert Frida Kahlo". Benteli Verlag, Bern; 96 Seiten; 32 Mark.

DER SPIEGEL 40/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ins Auge geblickt

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock