13.09.1993

Musik„DAS BLAUE VOM HIMMEL“

Deutsche Dirigenten geben bei amerikanischen Top-Orchestern den Ton an. Mit Wolfgang Sawallisch wechselt nun schon der vierte Pult-Star aus der Bundesrepublik in die USA. Verantwortlich für den deutschen Export zeichnet der New Yorker Musikmanager Ronald Wilford, dessen Agentur weltweit den Klassik-Markt beherrscht.
Fahnen flattern, Fanfaren schmettern, Trauben von Ballons zieren die "Academy of Music". Es gibt Freibier und Snacks. Alle Bürger der Stadt sind herzlich eingeladen.
Der Bürgermeister wird sprechen, die Blasmusik spielen. Und der Gastarbeiter aus dem Chiemgau darf diesmal das Oktoberfest ein wenig früher feiern als seine Landsleute in der bayerischen Heimat.
Denn schon am Montag dieser Woche beginnt in Philadelphias Locust Street 1420 eine philharmonische Gaudi: Der Dirigent Wolfgang Sawallisch, 70, aus D-83224 Grassau hält als neuer Musikdirektor des Philadelphia Orchestra Einzug in Pennsylvaniens Metropole; und zu Ehren des prominenten Bajuwaren gönnt sich die ganze City ein paar Happy-Hours. Welcome, Sir!
Einen Tag nach der Freilicht-Ouvertüre, bei der Gala der ersten Nacht, wird der Maestro seinem neuen Gast- und Arbeitgeber mit Modernem die Reverenz erweisen.
Sawallisch, eigentlich Hindemith-Verehrer und Orff-Jünger, wird zunächst landeseigene Exotika von Aaron Copland, Ned Rorem und Samuel Barber servieren. Erst nach der Pause kommt was richtig Schönes aus altdeutschem Born, die Zweite von Brahms.
Seinen neuen Job am Delaware River, vorerst auf drei Jahre fest, nennt Sawallisch eine "aufregende Sache", das Orchester habe "tiefen Wohllaut", "edlen Klang" und "unglaubliche Vielfalt": "Mit denen kann man das Blaue vom Himmel herunterholen."
Ob er's auch macht? Wenn sich der geborene Münchner, technisch tadelsfrei, üblicherweise durch eine Sinfonie von Brahms oder die "Unvollendete" von Schubert schlägt, dann schlägt auch immer sein Biedersinn durch. Keine Räusche, keine Ekstasen, nichts Visionäres.
Der Musiker Sawallisch reißt sich ständig am Riemen, und das noch mit Erfolg. Er führt "ein sehr diszipliniertes Leben", er trinkt Mineralwasser und höchstens "an heißen Tagen mal ein Radlermaß". Dieser Puritaner schlägt auch mit dem Taktstock nie über die Stränge.
So ein Waderlbeißen wie mit dem Münchner Generalintendanten August Everding, mit dem er sich jahrelang in krachlederne Scharmützel verzankte, wird er sich wohl kaum noch einmal erlauben. Da schreinert er im Heimaturlaub lieber friedlich vor sich hin, im Schatten der Kampenwand, zwischen Geranien und Gattin Mechthild im Dirndl: "Aus den Bergen bringen'S mich nicht weg."
21 Jahre, bis Ende 1992, war der erzkonservative Freistaatler der führende Mann am Pult der Bayerischen Staatsoper. Er hat in diesem kostspieligsten der deutschen Singtempel gewiß gute, auch große Aufführungen dirigiert, zugleich aber auch aus tiefstem Herzen den altbackenen Spielplan der Trutzburg verteidigt. Mit 1165 Abenden im gleichen Orchestergraben hat Sawallisch in der Ära der Jet-Maestros wahrhaft unzeitgemäße Nibelungentreue bewiesen.
27 Jahre ist es her, daß Sawallisch in Philadelphia debütierte, seit 1984 war er dort ständiger Gast. Aber dafür, daß aus der lockeren Beziehung ein Bund fürs amerikanische Musikleben wurde, hat sich auch ein unauffälliger Hintermann in New York stark gemacht - still, scheu, knallhart: Ronald Andrew Wilford, 65, der mächtigste Manager der internationalen E-Musik-Szene.
Wilfords Company, aus ihrem vollen Namen "Columbia Artists Management Inc." zum Kürzel "Cami" popularisiert, bedeutet für die klassische Musik, was General Motors für Amerikas Autoindustrie ist: Spitze.
Die Liste der Musiker, die Cami vertritt, verplant und vermarktet, liest sich wie ein Gotha des Gewerbes: Geigen-Diva Anne-Sophie Mutter und ihr britischer Punk-Kollege Nigel Kennedy sind ebenso vertreten wie der russische Cello-Star Mstislaw Rostropowitsch, das Salzburger Marionettentheater und der Klavier-Smiley Justus Frantz.
Allein schon mit ihrem konkurrenzlosen Potential von Top-Solisten würde Cami weltweit die erste Geige spielen und entsprechende Gewinne einfahren. Doch Wilfords wichtigstes Wertpapier ist eine Liste mit rund 100 Dirigenten, die nach seiner Pfeife tanzen oder zumindest darauf hören. Da die Maestros heute den Musikbetrieb machen, macht Wilford die Maestros - ein Dirigent der Dirigenten.
Claudio Abbado, der Chef des Berliner Philharmonischen Orchesters, sein Landsmann und Rivale Riccardo Muti, auch Carlos Kleiber, der genialische Verweigerer, stehen auf Wilfords Liste. Wenn in Köln der Gürzenich-Chef James Conlon, bei der Staatskapelle Dresden der Italiener Giuseppe Sinopoli, an Londons Covent Garden Opera der Niederländer Bernard Haitink, an der Pariser Bastille-Oper der Koreaner Myung Whun Chung und an der New Yorker Metropolitan Opera der Amerikaner James Levine den Taktstock hebt - jedesmal hat auch Wilford, fernsteuernd, die Hand im Spiel.
Alle Verbindungen und Verträge des New Yorker Königsmachers sind streng geheim: Bilanzen bleiben unter Verschluß, Fotos werden nicht freigegeben. Da auch nichts dementiert wird, geistert das Gerücht, Cami kassiere von jeder Gage 20 Prozent und damit rund das Doppelte des Üblichen, unwidersprochen durch die Branche.
Wilfords Kommandozentrale steht in Manhattans 57. Straße, schräg gegenüber Carnegie Hall, wäre aber auch in Wall Street nicht ungelegen. Denn der Kurszettel der Cami-Künstler und ihrer Gagen ist der Dow-Jones-Index der Klassik-Börse und der Mythos Wilford deren beliebtestes Spekulationsobjekt.
Weitgehend unerkannt steigt der Musik-Mogul im Münchner "Vier Jahreszeiten" oder bei Kempinski am Ku'damm ab und geht diskret, als Handlungsreisender fürs Schöngeistige, seinen Geschäften nach.
Mit kaum einem war Herbert von Karajan so vertraut und vertraulich wie mit dem Hausmeistersohn aus Salt Lake City. Wilford hatte dem aufsteigenden Weltstar nach dem Zweiten Weltkrieg die USA geöffnet, Karajan ihm die mitteleuropäischen Stammlande der Tonkunst erschlossen.
Gemeinsam machten sie die Festivalstadt Salzburg zur Hochburg ihrer Interessen, wenigstens einmal mauschelten sie dabei bis zum Skandal (SPIEGEL 13/1988). Als Karajan starb, erbat Wilford Beistand von oben: "Der König ist tot, Gott schütze die Republik."
Im Salzburg nach Karajan, mit dem so wenig geschäftsglatten Intendanten Gerard Mortier, hat Wilford noch seine liebe Not. Wohl nie wird er dem scharfzüngigen Flamen verzeihen, daß der 1987, als Brüsseler Opernchef, in einem SPIEGEL-Gespräch "mafiose Zustände im Musiktheater" ausgerechnet mit dem "allgegenwärtigen Supermanager Wilford" in Verbindung brachte.
Wilford, rühmte dagegen Rudolf Bing, einst Boß der New Yorker Met, sei "wirklich ein Zauberer", in ihm habe "das Prinzip Manager seinen Höhepunkt erreicht". Wer einmal mit Cami verbunden sei, sekundierte der Dirigent Andre Previn, mache "keinen Schritt mehr, ohne ihn zu fragen". In der Met nannte man ihn nur "God".
Wilford hingegen spielt sich beim Schach und Schacher mit dem Interpreten lieber als selbstloser Künstlervater auf: Nein, "kein Einfluß", "keine Macht", "nie irgendwas vorgeschrieben". Und: "Ich spiele nicht Gott." Dennoch wisse er genau, "was in der ganzen Musikwelt vorgeht". Er hat das Monopoly Musik voll im Griff.
Die Erkenntnis, daß deutsche Maestros in Amerika besonders gut ankommen, hat Wilford vermutlich in Cleveland gewonnen. Dort hat im September 1984 der Hamburger Dirigent Christoph von Dohnanyi (kein Cami-Künstler) das Orchester übernommen und in kurzer Zeit zum Primus der "Big Five", der fünf amerikanischen Spitzenorchester, geliftet.
Mister Wilford kann die Dohnanyis nicht aus dem Hut zaubern, aber, so zeigte sich bald: Der Hang zu den Deutschen verfing auch mit Musikern der Handelsklasse B. Denn in Übersee gelten Dirigenten aus dem Lande Bachs und Beethovens vor allem als Bürgen für profunde Sachkenntnis, preußische Zuverlässigkeit und, heiligste Tugend, für abgründig schürfenden Tiefgang.
"Amerika", kommentierte das Wall Street Journal den Trend, "ist wieder offen für altmodische deutsche Seriosität", Time weihte die Herren Kapellmeister sogar zu "Hohepriestern".
So einen wünschten sich beispielsweise die Kulturträger unter den Ölpumpern im texanischen Houston. Die dortigen Sinfoniker waren abgeschlafft, die Sponsoren knauserten, das Publikum dünnte aus. Gesucht wurde fürs Podium ein einfühlsamer Vorarbeiter, gefragt war wieder mal Wilford, gewählt wurde 1988, aus dem Cami-Pool, der Deutsche Christoph Eschenbach, einst am Klavier Duo-Gespiele von Justus Frantz und Kanzler Schmidt.
Eschenbach hatte sich durch die Provinz hochgedient und -dirigiert und brachte die Houstoner aus ihrem "erbarmungswürdigen Zustand" flott wieder auf Zack. Sein Porträt zierte bald das Etikett von Schampus-Flaschen; und als der Deutsche 50 wurde, gratulierte sogar George Bush aus dem Weißen Haus. Wilford durfte zufrieden sein.
Also da capo. Als sich die New Yorker Philharmoniker und ihr Chefdirigent Zubin Mehta 1991 trennten, war viel Porzellan kaputt, der Ruf des Orchesters demoliert. Dirigenten der ersten Garnitur zierten sich, das als launisch verrufene Ensemble zu übernehmen.
Cami-Kunde Abbado beispielsweise sagte fast zu und dann wieder ab, als ihn Berlins Philharmoniker, die ungleich attraktiveren, überraschend zum Nachfolger Karajans erkoren. So schlug, genauso überraschend, in Manhattan die Stunde des Cami-Kunden Kurt Masur.
Schon zu DDR-Zeiten, als Prestige-Taktierer des Arbeiter-und-Bauern-Staates, hatte der Maestro zu Wilfords Kernmannschaft gehört. Nach dem Fall der Mauer war mit ihm sogar Staat zu machen: Dank seiner bärtigen Solidität und professoralen Bonhomie wurde Masur schnell zum Darling der amerikanischen Klassik-Szenerie.
Nun also Wilfords nächster Streich: Sawallisch für Philadelphia. Zwölf Jahre, bis Sommer 1992, hatte dort der italienische Podiums-Matador Riccardo Muti Grandezza demonstriert und sich mit wirbelndem Schwarzhaar, zackigem Habitus und weltmännischer Eleganz hervorgetan.
Doch der Klangkörper, einer der traditionsreichsten des Landes, hatte nicht viel vom Glamour des Maestro: Manches klang brokatig, die Bläser wirkten grell, die Streicher kandiert. Abnutzungserscheinungen. Man trennte sich.
Wie es das Schicksal so wollte, war Wilfords Schützling Sawallisch gerade "unentschlossen, was ich nach 20 Jahren München tun sollte". Was? Auf Wilford hören und aus dem weiß-blauen Sprengel nach Philadelphia gehen. Die Leerstelle war rasch wieder besetzt.
Allzuviel werden Orchester und Publikum in Philadelphia jedoch von dem "Monument der Stabilität im Frack", wie der Kritiker Karl Schumann einmal über Sawallisch dichtete, nicht haben. Bei nur zwölf Wochen Anwesenheitspflicht und maximal vier Wochen Tourneetätigkeit kann Sawallisch, ganz nach Unart der Branche, fleißig fremdgehen: Gebucht sind fürs erste schon Amsterdam, London (zwei Orchester), Paris, Dresden, wohl auch Berlin, sicher Mailand und ganz, ganz sicher Japan. Y

DER SPIEGEL 37/1993
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