22.08.1994

MusikKrach im Leuchtturm

Die Bonner Beethoven-Pflege liegt darnieder: Das Geburtshaus des Komponisten verfällt, Personalquerelen blockieren das Archiv.
Ernst und erhaben steht seine Büste auf schwarzen Pianos, grimmig blickt er als Denkmal herab auf das Land der Musik. Hier, in seiner Heimat, ist der taube Tonsetzer immer noch der Größte: Den Deutschen geht Beethoven, Beethoven über alles.
Nur in Bonn, wo der Komponist (wahrscheinlich) am 16. Dezember 1770 zur Welt kam und wo sein Nachruhm und Nachlaß angeblich besonders liebevoll gehegt, gepflegt und verwaltet werden, macht "der größte Sohn" zunehmend Ärger:
Das städtische Beethoven-Fest, früher Renommiertreff illustrer Interpreten, ist auf Provinzniveau abgesackt; nächstes Jahr fällt es ganz aus, mangels Geld und Ideen.
Das Orchester der Beethovenhalle Bonn, einst respektabel auf Zack, spielt heute in der Bezirksklasse; sein Chefdirigent Dennis Russell Davies räumt vorzeitig das Feld.
Im Haus Bonngasse 20, wo Klein Ludwig in einer Mansarde des zweiten Stocks geboren wurde, ist die Statik wacklig und der Keller feucht. "Wer rettet mein Geburtshaus?" bettelt der edellockige Tonsetzer neuerdings in großen Zeitungsanzeigen: Noch fehlen 300 000 Spenden-Mark zur Restaurierung.
Nahezu irreparabel scheint jener Schaden, den das Ansehen der internationalen Gedenkstätte (1993: 96 925 Besucher) derzeit erleidet: Gleich zwei Institutionen, die das Haus beherbergt, ruinieren nach Kräften den Ruf der deutschen Beethoven-Forschung.
Im Gebäudekomplex "Beethoven-Haus" residieren der über 100 Jahre alte "Verein Beethoven-Haus" und, diesem _(* Vorn rechts: 1987 bei der Übergabe der ) _(restaurierten Gedenkstätte. ) seit 1927 durch eine Stiftung verbunden, das "Beethoven-Archiv". Übervater der Doppelinstitution war, bis zu seinem Tod im vergangenen Februar, der Bankier und Mäzen Hermann Josef Abs. Abs hütete das Prestige der Forschungsstätte wie das Bankgeheimnis und verhinderte stets, daß Mißstände nach außen drangen.
Immerhin klagte der Berliner Gelehrte Carl Dahlhaus, Nestor der deutschen Musikwissenschaft, schon vor Jahren, im Beethoven-Haus gebe es "dauernd Krach". Es sei "eine unglaubliche Schmach, um nicht zu sagen, Schweinerei", empörte sich 1992 der Kritiker Joachim Kaiser, wie schludrig in Bonn gearbeitet werde.
Inzwischen hat der Müßiggang der Musikpfleger vor Ort skandalöse Formen angenommen: *___Das "Beethoven-Jahrbuch", ehedem ein weltweit ____hochgeachtetes Periodikum der einschlägigen Forschung, ____ist seit 1983 nicht mehr erschienen; *___die "Beethoven Gesamt-Ausgabe" (BGA) aller vollendeten ____Werke, seit Ende der fünfziger Jahre als ehrgeizigstes ____Unternehmen angekündigt, lahmt: Nicht einmal die Hälfte ____der 51 geplanten Bände liegen bisher vor; *___die sogenannten Kritischen Berichte, dringend ____notwendige Interpretationshilfen für Forscher und ____Musiker, erscheinen allenfalls sporadisch, nur ____sechs Berichte haben die Bonner bis heute auf den Weg ____gebracht; *___die schon vor Jahrzehnten annoncierte sechsbändige ____"Brief-Edition" wurde durch hausinterne Querelen ____verzögert, zur Buchmesse 1991 endgültig zugesagt und ____bis heute nicht vorgelegt; *___die Gesamtausgabe aller Beethoven"Skizzen und Entwürfe" ____(rund 8000 Blätter) wurde bereits 1959 in Angriff ____genommen, aber nicht mal zu einem Drittel verwirklicht.
Geleitet wird das Archiv seit 1983 von Sieghard Brandenburg, bis dahin Archivmitarbeiter und Gelegenheitsoboist. Doch der neue Herr Direktor "zog", so ein Archivkollege, "bloß alles an sich, vergrößerte die ohnehin schon herrschende Mißwirtschaft und war von Anfang an mit allem total überfordert".
Das blieb auch Abs, dem Vorstandsvorsitzenden des Vereins Beethoven-Haus, nicht verborgen. In vertraulichen Zirkeln äußerte er mehrfach seine Besorgnis, die öffentlichen Geldgeber könnten durch die Verschleppung der diversen Editionen verunsichert werden und die Mittel sperren.
Am 28. November 1986 rüffelte der Münchner G. Henle Verlag, der die BGA unters Volk bringt, den säumigen Brandenburg. Auf internationalen Kongressen, mahnte Verlagsleiter Martin Bente, werde er ständig auf die Bonner Hinhaltetaktik angesprochen: "Seit langem warten wir", eine Beschleunigung der Sinfonie-Ausgabe sei "dringlich erforderlich". "Nicht zuletzt auch im Interesse der über 600 Subskribenten" sehe er sich "doch gedrängt, deutlich zu machen", daß das derzeitige Editionstempo "kaum akzeptabel erscheint".
Im April 1988 warnte der Bonner Musikologe Günther Massenkeil, damals der einzige Fachwissenschaftler im Vorstand, wenn das Archiv weiter bummele, gerate die ganze Institution "in Mißkredit".
Längst machen ausländische Institute den Bonnern vor, wie erfolgreiche Beethoven-Forschung heute aussehen kann. Während die letzte deutsche Ausgabe der Beethoven-Briefe von 1923 stammt, kam 1961 in England eine dreibändige Edition und jüngst in den USA eine handliche Auswahl heraus.
Am "Center for Beethoven Studies", das der Grundstücksmakler Ira F. Brilliant im kalifornischen San Jose eingerichtet hat, erscheinen neuerdings dreimal jährlich "Beethoven Newsletters", die von der Wissenschaft als Nachfolger des in Bonn eingeschlafenen "Jahrbuchs" anerkannt werden.
Die University Press im US-Staat Nebraska gibt seit 1992 ein material- und kenntnisreiches "Beethoven Forum" heraus, in dem Grundlagenforschung und Aktualität - beide einst Domäne der Bonner - respektabel kombiniert sind.
Aufgeschreckt von der hausgemachten Dauermisere in der Bonngasse und von dem weltweiten Reputationsverlust schlug der Bonner Germanistik-Professor und Vereinsvorständler Karl Konrad Polheim nun demonstrativ Krach.
In der Vorstandssitzung Mitte April dieses Jahres rügte er, wieder mal, die "nicht zu verantwortende Trägheit" im Editoren-Zirkel. Doch statt auf den Vorwurf einzugehen, forderte ihn der Abs-Nachfolger Friedrich Wilhelm Christians, wie Abs auch Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, am Sitzungsende auf, zurückzutreten, weil "ich emeritiert sei" (Polheim). Der Germanist fühlte sich brüskiert, blieb aber.
Im Vorfeld der nächsten Mitgliederversammlung des Vereins Beethoven-Haus beantragte Polheim die Einsetzung eines "Wissenschaftlichen Beirats", der dem lässigen Brandenburg-Team künftig auf die Finger gucken und Beine machen sollte.
Christians allerdings ließ das Schreiben unbeantwortet und den Antrag auf der Tagesordnung unberücksichtigt. "Aus Protest gegen dieses Verhalten" legte Polheim nun doch sein Amt nieder; bei der - unentschiedenen - Diskussion um seinen Nachfolger flogen die Fetzen.
"Als ein wahrer Leuchtturm steht das Beethoven-Haus unverzichtbar da", besingt Christians unverdrossen die Weihe der Stätte, und auch Archivchef Brandenburg findet für sich und die Seinen nur höchste Töne: "Alles, was wir machen, ist bedeutend und bahnbrechend."
Alles? An der besonders sehnlich erwarteten Neuausgabe von Beethovens Neunter, diesem verschleißfreien Hit, versuchte sich unter Brandenburgs Aufsicht zunächst "ein männlicher Mitarbeiter". Doch da Brandenburg ihn "niemals gedrängt hat", ließ er die Arbeit ruhen und gab sie dann unerledigt zurück.
Daraufhin guckte der Chef für das wissenschaftlich höchst diffizile Unternehmen eine Dame aus, die ein Archivmitarbeiter als "Studentin mit Teilzeitvertrag" klassifizierte. Die Neue war in der Beethoven-Forschung jedenfalls weitgehend unbekannt, ihr Engagement als Herausgeberin der berühmtesten aller klassischen Sinfonien sorgte für frischen Wirbel.
Offenbar kam Sigrid Bresch mit Beethovens Opus 125 auch nicht zurecht. Die Noten-Edition blieb liegen, ihre Forschungsresultate bündelte die junge Wissenschaftlerin flugs zu einer Dissertation. Doch auch die will ihr bis heute niemand abnehmen. Die Neunte, das muß nun auch Brandenburg einräumen, "ist derzeit bei uns nicht in Arbeit".
Statt sich Beethovens "schönem Götterfunken" hinzugeben, ehelichte Frau Bresch den Archivleiter Brandenburg und wurde Mutter eines gemeinsamen Kindes. Y
* Vorn rechts: 1987 bei der Übergabe der restaurierten Gedenkstätte.

DER SPIEGEL 34/1994
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