29.08.1994

GESTORBENLinus Pauling

93. Zeitlebens strotzte er von Selbstbewußtsein. Als 30jähriger rühmte er sich ungeniert, er sei weltweit der einzige, der gleichzeitig etwas von Chemie und der neuen Quantenphysik verstehe. Und wahrscheinlich hatte er recht. Beide Wissenschaften verschmolz er in dem Werk "Die Natur der chemischen Bindung", dem vielleicht einflußreichsten wissenschaftlichen Lehrbuch des Jahrhunderts. 1954 erntete er den Nobelpreis für Chemie. Als 50jähriger prahlte er, in einem Crash-Kurs auch alles gelernt zu haben, was es über Politik zu wissen gibt. Jedenfalls reichte es, über 11 000 Forscher dafür zu gewinnen, ihren Namen unter seine Petition gegen Atombombentests zu setzen. 1963 verabredeten die Großmächte, alle Tests in der Atmosphäre und unter Wasser zu stoppen. Im selben Jahr erhielt Pauling für den Einfluß, den er darauf genommen hatte, seinen zweiten Nobelpreis, diesmal für Frieden. Wirklich berühmt machte ihn jedoch erst seine dritte Idee: Als 70jähriger führte er in einem eigenen Institut, gesponsert von betuchten Mäzenen und zehrend von seinem Ruf als Genie, seinen Feldzug für das Vitamin C. Allem Wissenschaftlerspott zum Trotz verkündete er, in 300facher Normaldosierung sei das Vitamin ein Wundermittel gegen Krebs, Aids und das Alter. Linus Pauling starb am vorvergangenen Freitag in Kalifornien an Krebs.

DER SPIEGEL 35/1994
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