16.11.1992

„Viele bewundern uns“

SPIEGEL: Bremen liegt bundesweit vorn bei der Vergabe der Ersatzdroge Methadon an Süchtige. Zwei Bremer Institute haben jetzt, drei Jahre nach dem Start, Ihr Methadon-Programm untersucht. Mit welchem Ergebnis?
GAERTNER: Das wichtigste Zwischenergebnis der noch nicht abgeschlossenen Untersuchung ist, daß uns bestätigt wird, wie wohltuend die Vergabe von Methadon auf Drogenabhängige wirkt. Die Menschen werden in ihrer sozialen Lage stabilisiert, ihre Gesundheit verbessert sich spürbar.
SPIEGEL: Welche gesundheitlichen Folgen sind erkennbar?
GAERTNER: Bei langer Abhängigkeit gibt es große Schwierigkeiten mit der Leber. Die Lebererkrankungen werden dank Methadon seltener, dadurch geht es den Menschen insgesamt besser. Das Risiko, sich über die Spritze mit HIV oder Hepatitis zu infizieren, sinkt. Schwangere Abhängige können sich auf die Schwangerschaft und das Kind konzentrieren.
Außerdem entfallen die Abszesse durch das Heroin-Spritzen, wenn die Nadel abgesetzt wird. Und es entfällt die Gefahr, an unsauberen Stoff zu kommen, der möglicherweise sogar tödliche Folgen hat. Man kann ja nie genau einschätzen, wie hoch der Heroin-Anteil ist und welche Verunreinigungen der Stoff enthält.
SPIEGEL: Ist die Zahl der Junkies, die sich ihren Stoff beim Dealer an der Ecke holen, gesunken?
GAERTNER: Vielleicht, aber wir wissen nicht einmal genau, wie viele Junkies es in Bremen gibt. Wir rechnen mit 2000 bis 4000. Viele von ihnen leben relativ sozial integriert, fallen nicht auf und können deswegen nicht gezählt werden.
SPIEGEL: Hat Ihr Methadon-Programm dazu beigetragen, daß es in Bremen weniger Drogentote als anderswo gibt?
GAERTNER: Auch das ist schwierig zu beantworten. Wir unterstellen aber, daß die Zahl der Drogentoten größer wäre, wenn es unser Programm nicht gäbe. Immerhin haben wir uns in den vergangenen zwei Jahren vom Trend in der Bundesrepublik abgekoppelt. Bundesweit gab es 1991 noch eine Steigerung von fast 50 Prozent bei den Drogentoten, dieses Jahr wird mit 20 Prozent mehr gerechnet. Bei uns sind die Zahlen relativ stabil geblieben. Das Methadon-Programm ist sicher eines von mehreren Instrumenten, um die Zahl der Drogentoten nach unten zu drücken.
SPIEGEL: Nach Ihrer Untersuchung nimmt jeder zweite der Substituierten immer noch eine andere Droge.
GAERTNER: Es ist richtig, daß der Beigebrauch, ein schreckliches Wort, hoch ist. Einige nehmen Heroin, andere trinken Alkohol, wenige schnupfen in geringen Mengen Kokain. Entscheidend ist, daß die Leute nicht mehr davon abhängig sind, zwei- oder dreimal am Tag eine Spritze zu bekommen.
SPIEGEL: Vielen erscheint der Anteil der Mehrfachabhängigen noch immer sehr hoch.
GAERTNER: Dies ist auch ein gewichtiges Argument derjenigen, die gegen Methadon-Vergabe sind. Dagegen stehen die positiven Wirkungen des Ersatzstoffes. Methadon ist zwar auch eine Droge, es stabilisiert aber die gesundheitliche und soziale Situation der Abhängigen.
SPIEGEL: Ist die Beschaffungsprostitution zurückgegangen?
GAERTNER: Befragt wurden 195 Personen, rund 120 Männer und etwa 75 Frauen. Von diesen Frauen gehen nur noch ganz wenige auf den Strich, während zu Beginn der Substitution die weitaus meisten ihren Lebensunterhalt entweder durch Dealen oder Prostitution verdienen mußten.
SPIEGEL: Lassen sich auch Auswirkungen auf die Beschaffungskriminalität nachweisen?
GAERTNER: Die Notlage vieler Süchtiger, die sich das Geld für ihre Droge irgendwie beschaffen müssen, hat sich drastisch verringert. Für die meisten Substituierten ist jetzt die Sozialhilfe Hauptquelle für den Lebensunterhalt.
SPIEGEL: Haben Süchtige dank Methadon wieder einen Arbeitsplatz gefunden?
GAERTNER: Viel zu wenige. Aber in dem Maße, wie sie sich gesundheitlich stabilisieren, wächst die Chance, wieder in geregelte Arbeit zu kommen. Ärzte sagen mir, daß etwa 25 Prozent der Substituierten nach einem Jahr entweder eine Beschäftigung oder eine Ausbildung begonnen haben.
SPIEGEL: Wie wird Ihr Programm finanziert?
GAERTNER: Grundsätzlich werden die Methadon-Substitution und die psychosozialen Begleitmaßnahmen von den Krankenkassen und aus dem öffentlichen Haushalt finanziert. Zusätzlich hat die Ampel-Koalition in Bremen ein ergänzendes Programm beschlossen. Dafür gibt Bremen 600 000 Mark pro Jahr aus. Wir wollen uns damit um die besonders verelendeten Abhängigen, die lange Drogenkarrieren hinter sich haben und überhaupt kein Bein mehr auf den Boden kriegen, und vor allem um sich prostituierende Frauen kümmern.
SPIEGEL: In Bremen verabreichen 40 Ärzte insgesamt 475 Junkies täglich den Methadon-Drink, am Wochenende fährt ein Methadon-Bus durch die Stadt, und an vielen Straßenecken hängen Spritzenautomaten - wird das von den Bürgern akzeptiert?
GAERTNER: Im Moment haben wir mit allen Angeboten große Probleme. Menschen in vielen Stadtteilen fürchten, die Situation im sogenannten Drogenviertel könne sich wie ein Flächenbrand über ganz Bremen ausbreiten. Ich werde deshalb nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß wir Angebote für Drogenabhängige überall vorhalten müssen. Wir kämpfen beispielsweise um jeden Spritzenautomaten. Ich möchte, daß wir Spritzen auch über Apotheken, Ärzte, Drogenberatungsstellen und den Methadon-Bus verteilen.
SPIEGEL: Warum geben Sie nicht, wie die Behörden in Amsterdam, möglichst vielen der Bremer Süchtigen Methadon?
GAERTNER: Die Methadon-Vergabe ist eine sehr komplizierte Sache. Man kann nicht einfach sagen: Junge, komm jetzt von der Spritze runter, du bekommst deinen Schluck Methadon. Das muß sehr individuell erfolgen. Ich betone immer wieder: Methadon ist hilfreich, aber eben kein Allheilmittel.
SPIEGEL: Wie teuer ist die Behandlung?
GAERTNER: Wir rechnen mit rund 1000 Mark pro Monat und Person. Auf Grund der verständnisvollen Haltung der bremischen Krankenkassen konnten recht viele der Abhängigen in die Substitutionsbehandlung übernommen werden. Aber auch die Kassen müssen sparen. Das kann dazu führen, daß die sagen: Leute, die Leberwerte sind vorzüglich, die Abszesse sind abgeklungen, den Patienten geht es viel besser, sie haben zugenommen. Oder: Schwangerschaft vorbei, Kind ist geboren, Kind ist gesund, Schluß jetzt. Deswegen haben wir gerade bei der Gesundheitsministerkonferenz erfolgreich eine Entschließung eingebracht, wonach der Arzt künftig entscheiden kann: Das führen wir weiter, es hilft dem Menschen zu überleben und ein integriertes Leben zu führen.
SPIEGEL: Empfehlen Sie Ihr Bremer Modell anderen Bundesländern und Kommunen?
GAERTNER: Ja. Ich habe bereits mit den Gesundheitsministern und -ministerinnen gesprochen. Viele bewundern uns, finden gut, was wir machen. Insbesondere in den großen Städten ist die Verzweiflung über das Ausmaß von Abhängigkeit so groß, daß immer mehr sagen: Der Bremer Weg ist vorbildlich, den sollten wir auch einschlagen. Aber ich sage auch allen: Den Stein der Weisen haben wir noch nicht gefunden.

DER SPIEGEL 47/1992
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