16.11.1992

RußlandNation oder Vieh

Der kaukasische Bürgerkrieg ist nicht einzudämmen. Jelzin ließ Panzer rollen - und heizte den Konflikt an.
Die meisten der Gefangenen sind Frauen, zu essen bekommen sie nichts. 15 sind gestorben, aber nicht begraben. In einem Lazarett liegen 400 Verwundete, manchen sind die Ohren abgeschnitten, einem Kind fehlt die Zunge.
Solche Greuel melden Moskauer Reporter - nicht vom Balkan, sondern aus dem Kaukasus. Die Opfer sind Inguschen, die Täter waren Osseten: verfeindete Völkerschaften in einer Weltgegend, die Rußland im 19. Jahrhundert erobert hat und nie befrieden konnte.
Schlugen bisher im Kaukasus schon Armenier und Aserbaidschaner, Georgier und Abchasen aufeinander ein, so trägt der Kampf zwischen christlichen Nordosseten und moslemischen Inguschen den Bürgerkrieg erstmals in die Russische Föderation - ein Warnzeichen für Rußlands Präsidenten Boris Jelzin, dessen Staat ebenso zusammenstürzen könnte wie die Sowjetunion des Michail Gorbatschow.
Jelzin wollte sich Freunde machen gegen ein drittes Volk in der Region, die unbotmäßigen Tschetschenen, die sich unter ihrem Präsidenten Dschochar Dudajew von Rußland gelöst haben. Er ermunterte voriges Jahr die Inguschen, sich vom Verbund mit den Tschetschenen zu trennen. Sie sollten sich auch fruchtbaren Boden zurückholen dürfen, den Stalin ihnen einst genommen und den Osseten zugeteilt hatte.
Um die Bergvölker unter Kontrolle zu halten, hatte der Gewaltherrscher Stalin die unruhigen Osseten zwischen Rußland und Georgien aufgeteilt, die rund 90 000 Inguschen aber gegen ihren Willen mit 400 000 Tschetschenen 1934 zu einer Republik zusammengeschlossen. Beide Stämme erhoben sich sechs Jahre später während des sowjetischen Krieges gegen Finnland gemeinsam gegen die Sowjetherrschaft. Als sich 1942 die Deutschen näherten, wollten die Tschetschenen und Inguschen sogar eine provisorische Regierung bilden.
Hitlers Wehrmacht marschierte bis kurz vor die nordossetische Hauptstadt Ordschonikidse - die Tschetschenen-Inguschen-Republik aber besetzte sie nicht. Nach dem Rückzug der Deutschen übte Stalin Rache an den Kaukasus-Minoritäten, die er der Kollaboration mit dem Feind verdächtigte. Die rebellischen Tschetschenen und Inguschen ließ er 1944 nach Mittelasien deportieren, ihre Republik löste er auf. Erst Nikita Chruschtschow stellte sie 1957 wieder her, die Überlebenden durften zurückkehren. Aber der Landstrich Prigorodny blieb bei Ossetien - und den wollten die Inguschen nun mit Gewalt wiederhaben.
Die Osseten vertrieben die eingedrungenen Freischärler mitsamt den ansässigen inguschischen Bauern. Ihre Greueltaten alarmierten Moskau, Jelzin griff ein. Er verhängte über das Gebiet den Ausnahmezustand und schickte 3000 Fallschirmjäger und Spezialisten der früheren KGB-Truppe "Alpha" zur Unterstützung der Polizeidivision am Ort.
Nach der Sieben-Tage-Intervention triumphierte Jelzin, dem sein Parlament voriges Jahr einen Schlag gegen das abtrünnige Tschetschenien noch untersagt hatte: "Rußland hat bewiesen, wie schnell es schwierige Situationen meistern kann." Die Genugtuung war verfrüht.
Unter den Augen russischer Soldaten ist inzwischen eine ethnische Säuberung in Gang, vor allem rings um die Osseten-Hauptstadt, die wieder so heißt wie zur Zarenzeit: Wladikawkas ("Beherrsche den Kaukasus"). Die Inguschen forderten, die Stadt zu teilen - in einen inguschischen und einen ossetischen Sektor, mit dem Fluß Terek als Grenze, wie 1924.
Im Dorf Kurtat stürmten ossetische Landwehrmänner in Schützenketten die Straße entlang. Rechts und links traten sie die Türen inguschischer Bauernkaten ein, feuerten mit Maschinenpistolen und steckten die mit Benzin übergossenen Häuser an.
"Die Menschen haben wie Fackeln gebrannt", klagte Dorflehrer Daskijew noch Tage nach der Strafaktion über die einst friedlichen Nachbarn: "Meine Familie hat sich aus dem Fenster gestürzt und gerettet." Über tausend Tote lautet die Opferbilanz der Inguschen. Die ossetische Seite gab 154 Gefallene an.
Ihren Haß reagieren die Überlebenden an Wehrlosen ab: Gefangene werden gefoltert, Frauen vergewaltigt, Leichen geschändet, Geiseln nur gegen ein Lösegeld von einer halben Million Rubel freigelassen.
40 000 Menschen, fast die gesamte einst in Ossetien lebende Inguschen-Bevölkerung, sind auf der Flucht. Aus den Bergen droht ein Partisanenkrieg. Der gesamte Kaukasus gerät in Aufruhr, aus Georgien strömten Freiwillige herbei, laut Iswestija "sadistische Räuber".
Russische Panzer rückten am vorigen Dienstag auch in Inguschien ein und besetzten Grenzgebiete, welche die Tschetschenen für sich reklamieren. Die Intervention erboste Jelzins alten Feind Dudajew. Der Exgeneral in der Tschetschenen-Hauptstadt mit dem Kolonialnamen Grosny ("Bedrohlich") ist mit Bomberstaffeln ausgerüstet. Er erklärte dem "Aggressor Rußland" den Krieg: "Entweder sind wir nur russisches Vieh oder eine richtige Nation. Der Spaß hat aufgehört."
Das Ultimatum wirkte. Der Kommandeur des russischen Expeditionskorps, Generalmajor Wassilij Sawwin, mochte nicht der Bluthund sein und bat um Entlassung. Premier Jegor Gaidar flog aus Moskau ein und befahl den Rückzug bis 30 Kilometer hinter die Grenze.
In einem offenen Brief kündigten die Inguschen dem russischen Präsidenten wegen des "lange geplanten Völkermords" die Freundschaft auf. Sie drohen mit einer 20 000-Mann-Guerilla. Inguschische Flüchtlinge sprengten vorigen Mittwoch eine Osseten-Pressekonferenz in Moskau.
"Faschisten", fuhr der ossetische Kulturminister Dsantijew daraufhin seine Feinde an. Nie bekämen die Nachbarn ihr Land zurück.
Generalmajor Tschaikowski von den Verfügungstruppen des Moskauer Innenministeriums fürchtet einen Flächenbrand im Kaukasus: "Das Schicksal Rußlands steht auf dem Spiel."
[Grafiktext]
_194a Rußland: Umstrittenes Gebiet zw. Nord-Ossetien u. Inguschien
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 47/1992
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