16.11.1992

„Wir verkraften es nicht“

Den Tod ihres Vaters hätte die Frau "mit der Zeit akzeptiert". Die Widerstandsfähigkeit des 82jährigen Mannes war durch mehrere schwere Krankheiten erschöpft, "seine Lebenskraft wohl auch abgelaufen".
Daß das Ende des Moribunden dennoch zum "größten Schock" ihres Lebens wurde, hatte einen anderen Grund: "Wir verkraften es nicht", schrieb sie an eine südwestdeutsche Zeitung, "wie menschenunwürdig seine letzten Stunden verliefen" - ein Beispiel für den herzlosen Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen, wie er sich jährlich tausendfach an deutschen Kliniken abspielt.
Wegen einer Herzschwäche hatten die Krankenhausärzte den alten Mann noch kurz vor seinem Tod mitten in der Nacht auf die Intensivstation verlegt. Ehefrau und Tochter des Kranken hinterließen am Morgen danach auf der Station ihre Telefonnummer. Sie baten darum, sie bei einer Verschlechterung des Zustandes sofort anzurufen, "egal, ob Tag oder Nacht".
24 Stunden später hatten sie aus der Klinik noch immer nichts gehört. Beunruhigt riefen sie beim Stationsarzt an. Auskunft: Der Zustand des Patienten habe sich dramatisch verschlechtert; wenn sie ihn noch einmal sehen wollten, müßten sie sofort ins Krankenhaus kommen.
Nur wenig später standen Ehefrau und Tochter vor der Tür zum Krankenzimmer. Doch hinein durften sie nicht. Der Kranke, so hieß es, würde behandelt, weil noch eine Lungenentzündung aufgetreten sei. Allein gelassen mit ihren Gefühlen, warteten die Frauen dreieinhalb Stunden lang auf dem Flur. Fremde Leute und Klinikpersonal liefen währenddessen vor ihren Augen durch die Tür aus und ein.
Nur auf ihr wiederholtes Drängen holte ein Arzt sie in sein Sprechzimmer. Er erklärte ihnen, daß bei dem alten Mann noch ein Herzkatheter gelegt worden sei, und fragte sie nach seiner Krankengeschichte aus.
Erst dann durften die Frauen endlich ins Krankenzimmer. Der alte Mann war, wie Mutter und Tochter sich erinnern, "mit zig Schläuchen an Maschinen angeschlossen". Seine Hände waren eiskalt. Auf seinem Gesicht erkannten sie die "Anzeichen des nahenden Todes".
Weinend bat die Tochter den Arzt, ihren Vater "nicht so zu quälen". Doch der Klinikbedienstete ging nicht darauf ein. Er versicherte den beiden Frauen, daß der Kranke nichts mehr spüren würde, und führte sie aus dem Zimmer.
Die verzweifelte Ehefrau des Kranken saß am frühen Nachmittag erneut auf dem Gang. Ein Arzt eröffnete ihr, der Patient müsse zu einer "Untersuchung des Kopfes" noch in ein anderes Institut gebracht werden. Die Bitte der alten Frau, ihren Mann wenigstens auf dem Transport begleiten zu dürfen, schlug er ab.
Wenig später teilte er der Frau mit, daß ihr Ehemann auf dem Transport gestorben sei. Gleich darauf wollte er von ihr wissen, ob sie mit der Öffnung der Leiche einverstanden sei.
Erst jetzt durfte die Ehefrau, die mittlerweile, wie sie sagt, "einem Nervenzusammenbruch nahe" war, ihren toten Mann noch einmal sehen. Er lag allein in einem kleinen Zimmer. Um die Hinterbliebene kümmerte sich niemand. Blind vor Schmerzen und Trauer, wankte sie nach einiger Zeit allein nach Hause.
Eine Nachricht von der Klinik bekamen Ehefrau und Tochter Tage später. Es war die Rechnung, adressiert an den Verstorbenen.

DER SPIEGEL 47/1992
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