16.11.1992

„Gebraucht wird jemand, der zuhört“

Das ganze Leben hier ist ein Abschiednehmen", sagt Miriam Bramer, 40. Die Altenpflegerin aus Malawi leitet ein kleines Hospiz im Kölner Stadtteil Heimersdorf. In dem unauffälligen Reihenhaus mit Garten nach hinten ist nur Platz für eine Handvoll Patienten.
Die Kranken plauschen mit ihren Betreuern am Kaffeetisch, sonnen sich auf der Terrasse oder spielen "Mensch ärgere Dich nicht". Schon am frühen Nachmittag läuft der Fernseher. Der Frieden ist einlullend; doch für die drei älteren krebskranken Frauen und den 40jährigen Mann wird er nicht lange währen.
Etwa 50 Patienten haben hier, seit das Hospiz im Januar 1989 eröffnet worden ist, die letzte Phase ihres Lebens verbracht. Bei einigen von ihnen dauerte der Aufenthalt im Heimersdorfer Reihenhaus nur ein paar Tage. Andere lebten noch ein halbes Jahr.
In größeren Hospizen wie im Aachener "Haus Hörn" sterben Woche für Woche zwei, manchmal mehr Patienten. Die Schwestern und Pfleger müßten durch den täglichen Umgang mit den Sterbenden zermürbt sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie wirken entspannt. Befriedigend, so beteuern sie, sei die Arbeit vor allem deshalb, weil von den Betreuten "so eine Masse zurückkommt".
"Erfolgserlebnisse" machen auch im Hospiz die Arbeit leichter. Fast alle Kranken haben eine jahrelange Odyssee durch Kliniken und Therapien hinter sich. Viele sind bei der Ankunft im Hospiz von Krebsschmerzen zermartert.
Wenn sie, umgeben von ihren eigenen Möbeln und Bildern, zum erstenmal seit langem wieder reden wollen oder durchschlafen können, wenn sie sich ans Klavier tragen lassen, um ihr Lieblingsstück zu spielen, oder wenn es ihnen beim Ausflug, wenige Tage vor ihrem Tod, gelingt, noch einmal aus eigener Kraft auf dem Stuhl im Gasthof zu sitzen, dann ist das für alle Beteiligten "ein Fest".
"Das sind", sagt Birgit Wernicke, Leiterin des Kölner Heimbetreuungsdienstes für unheilbar Kranke, "ganz unglaubliche Situationen, die einem selbst helfen, bewußter zu leben." Fotos an den Wänden berichten davon, daß es solche Glücksmomente für die Hospizbewohner und ihre Helfer immer wieder gibt.
Die Kranken, sagt Miriam Bramer, "wollen auf ihrer letzten Etappe absolut keine Therapie, sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört, der sie versteht und der dabeibleibt". Eine Garantie für das reibungslose Zusammenleben in der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft ist das freilich noch nicht.
Einige der Patienten reagieren auf das Fortschreiten der Krankheit aggressiv. Andere "muß man behandeln wie ein rohes Ei". Sie schotten sich ab, finden keine Worte für das, was sie bedrückt. "So ein still leidender Mensch macht nicht viel Arbeit", sagt Frau Bramer, aber das Zusammenleben mit ihm "kann sehr belastend sein". Wenn er stirbt, ohne daß sie die Mauer durchdringen konnten, dann beschleicht die Helfer mitunter das Gefühl, "versagt zu haben".
Symbolische Gesten helfen oft überraschend weiter. Einem krebskranken Mann von der Mosel etwa schlug die Hospizleiterin vor, mit ihm noch einmal ein Glas Wein zu trinken. _(* Mit Betreuerin Miriam Bramer (im ) _(Hintergrund), im Garten des Hospizes. )
Der beharrlich schweigende Schwerkranke willigte ein. Er selbst konnte das Glas nicht mehr halten, die Helferin mußte es ihm zum Mund führen. Hinterher war er wie ausgewechselt. Er begann zu reden, die Anspannung verflog. "Es gibt bis zur letzten Stunde einen unglaublichen Schatz an Kommunikationsmöglichkeiten", schildert die Kölnerin Birgit Wernicke ähnliche Erlebnisse.
Ohne ein "Kontrastprogramm" in der Familie oder beim Sport würden die Pfleger dem Druck dennoch nicht standhalten. Wut und Trauer etwa über den Tod eines Patienten, der ihr ans Herz gewachsen ist, hämmert sich die Heimersdorfer Hospizleiterin in der Squashhalle von der Seele.
Danach schafft sie es wieder, mit den Patienten ruhig am Tisch zu sitzen, aber auch ihre eigenen Grenzen besser zu erkennen. "Man kann am Schluß nicht jedem die Hand halten, wenn die Beziehung nicht gut war", meint sie. Oft reiche es aus, "einfach dazusein und ein Buch zu lesen. Ich kann auch mit dem Sterbenden schweigen".
Doppelbödig bleiben die Erfahrungen der Helfer allemal: "Oft", sagt eine Münchner Betreuerin, "sind wir die einzigen, die um die Verstorbenen trauern."
* Mit Betreuerin Miriam Bramer (im Hintergrund), im Garten des Hospizes.

DER SPIEGEL 47/1992
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