16.11.1992

Bornierter Bluffer von Bargfeld

Unter den deutschen Nachkriegsautoren war Arno Schmidt ein Guru ohnegleichen. Vier Periodika und ein eigenes "Dechiffrier-Syndikat" pflegen seinen Kult. Doch nun ergreift ein Ketzer das Wort: Der Bochumer Soziologe Martin Henkel, 49, enttarnt den angeblich universal gebildeten Heidebewohner aus Bargfeld bei Celle als intellektuellen Schaumschläger. Schmidt (1914 bis 1979) machte seiner Leser-Gemeinde mit Vorliebe weis, er habe jahrelang Mathematik und Astronomie studiert. Tatsächlich aber, so zeigt nun Henkels Buch ("Bluff auch mare ignorantiae, oder: Des king's neue Kleider", Kellner Verlag, Hamburg; 28 Mark), war der Hamburger Polizistensohn mathematisch höchst durchschnittlich begabt, an Philosophen kannte er nur ein wenig Schopenhauer, von Musik und bildender Kunst hatte er keinen Schimmer. Auch die Mär vom verkannten Außenseiter widerlegt Henkel: "In Wahrheit war Schmidt ein Hätschelkind des Literaturbetriebs." Über keinen anderen deutschen Schriftsteller wurde so oft und so ausführlich geschrieben.

DER SPIEGEL 47/1992
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