16.11.1992

RÜCKSPIEGELZitate

Der Essener Historiker Markus Kiefer in seinem Buch "Auf der Suche nach nationaler Identität und Wegen zur deutschen Einheit" über Rudolf Augstein:
Das Entscheidende trat jedoch in den Kolumnen Augsteins zutage, der sich als Anwalt und oft einsamer Warner und Mahner in der Frage der nationalen Einheit fühlte. Konkrete Ratschläge und Tips zur Wahrung des nationalen Zusammenhalts, wie in den anderen Presseorganen beobachtet, waren seine Sache nicht. Augstein konzentrierte seine ganze Energie, die ganze Wucht seiner beispiellosen sprachlichen Fähigkeiten auf ständige Appelle an die westdeutschen Landsleute, sich nicht mit der Teilung abzufinden, aus ihrer Trägheit aufzuwachen und der nach seiner tiefen Überzeugung im Zuge der Zeit beständig anwachsenden Gefahr endgültiger Teilung ins Auge zu sehen. Dafür standen regelmäßig Passagen wie beispielsweise in seinem bekannten Kommentar vom Jahresbeginn 1952 ("Ein Lebewohl den Brüdern im Osten"), in denen er versuchte, die Leser emotional aufzurühren . . . Mit bitteren Worten erinnerte Augstein an den verpflichtenden, nationalen Appell der Grundgesetz-Präambel und fragte: "Haben wir die Bundesrepublik akzeptiert, damit ihr Bundestag unsere Freunde verkauft?" . . . Kommentare dieser Art waren das eigentliche Spezifikum im Magazin. *EINLEITUNG:
Die Süddeutsche Zeitung zum Leserbrief von Jürgen Habermas im SPIEGEL (Nr. 46/1992), einer Reaktion auf den SPIEGEL-Artikel des Philosophie-Professors Ludwig Siep aus Münster (Nr. 43/1992 - MIT RADIKALEN VERNÜNFTIG REDEN?):
Der Frankfurter Soziologe Jürgen Habermas hat einen Brief an den SPIEGEL geschrieben. Darin beklagt er sich anmutig über eine kleine Gemeinheit. Der SPIEGEL hatte eine Rezension des jüngsten Habermas-Werks, in der es um Juristisches geht, mit der Ankündigung aufgemotzt, Habermas schließe Frieden mit dem Rechtsstaat. Diese Bemerkung war ein boshaftes Späßchen, wie es die SPIEGEL-Leute lieben . . . Auf die achtziger Jahre verweist Habermas nicht . . . Aber Habermas wiederholt seine damals vertretene Überzeugung, man dürfe "Staatstreue nicht mit Verfassungstreue verwechseln" . . . damals bedeutete dies nichts anderes, als daß es in der Welt Dösköppe gibt, für die sind Gesetze bindend, und Intellektuelle, die über die Normen verfügen und von Fall zu Fall entscheiden, ob sie die Gesetze respektieren . . . Das kann richtig sein; ob es aber auch Recht ist, das ist eine prekäre Frage.

DER SPIEGEL 47/1992
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DER SPIEGEL 47/1992
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