30.11.1992

König im Kitschland

Schweinisch, schrill und zuckersüß - mit Nippes und Porno provoziert der amerikanische Künstler Jeff Koons den guten Geschmack. Liebe, Haß und Dollarmillionen hat ihm seine Karriere schon eingebracht. Nun zeigt das Amsterdamer Stedelijk-Museum die erste Schau seines Gesamtwerks.
Sein Händedruck ist angenehm, nicht zu schlaff, nicht zu fest. Er lächelt unablässig und redet mit sanfter Stimme. Gelegentlich beugt er sich vor, ein wenig vertraulich, lächelt etwas heftiger und tätschelt leicht das Knie seines Gegenübers.
Jeff Koons weiß, worauf es ankommt. Nett und ehrlich wirken. Verbindlich. Unauffällig-unaufdringlich sitzt er, in gestreiftem Pastellpulli und sandfarbenen Hosen, in seinem Atelier am New Yorker Broadway. In seinem Atelier? Nein: in der "Jeff Koons Inc. Productions"-Zentrale. Die Assistenten Sarah und Gary schwirren eilfertig zwischen Computern, Telefonen, Fax-Gerät und Fotokopierer hin und her.
Die Geschäfte müssen schließlich laufen. Koons, 37, in New York und München ansässig, Gatte des italienischen Pornostars Cicciolina alias Ilona Staller, ist der erfolgreichste Sonnyboy des Kunstmarkts. Bei Einzelausstellungen in schicken Galerien in New York, Los Angeles, Chicago und Köln hat der "ultimative Kunststar der Achtziger" (Vanity Fair) seit Jahren groß abkassiert - 1988 bei Ileana Sonnabend in SoHo auf einen Streich gleich drei Millionen Dollar. Netto, versteht sich.
Die Kasse stimmt also. Dafür, daß seine Kunden mit gutem Kaufgewissen bei den bis zu 390 000 Dollar teuren Werken zuschnappen, die Koons jeweils in zwei bis drei Exemplaren herstellen läßt, haben Kuratoren und Kritiker gesorgt. Koons ist Stammgast bei allen aufsehenerregenden Avantgarde-Ausstellungen, zuletzt 1990 bei der Biennale in Venedig und 1991 bei "Metropolis" in Berlin. Aufgeregte Artikel haben seine Aura weiter aufgeblasen.
So ist jetzt gekommen, was kommen mußte: die erste Retrospektive - und die gleich in einem der allerersten Häuser für aktuelle Kunst, dem Stedelijk-Museum in Amsterdam*. Zu besichtigen sind rund 60 Koons-Stücke: vom "Frühwerk", gerade anderthalb Jahrzehnte alt, bis zu jüngsten Schöpfungen.
Höchste Zeit, findet Koons. Schließlich sei er "der tiefsinnigste Künstler der Gegenwart". Er kann das wunderbar: den netten Jungen von nebenan herauskehren und dann die unglaublichsten Dinge von sich geben.
Seine "Apple-Pie-Nettigkeit" sei es, sinniert sein Künstler-Freund Jeffrey Wasserman, mit der er Leuten einfach alles andrehen könne. "Jeff hat die natürliche Begabung, sich zu vermarkten."
Genau darin besteht seine Kunst: sich zu vermarkten. Jede Ausstellung, jedes Interview, jeder Verkauf, jedes Foto gehört zu seiner Inszenierung. Koons ist ein Medien-Gesamtkunstwerk. Mensch und Maske, Person und Persona sind nicht zu unterscheiden. Sein größter Slogan: "Meine Kunst und mein Leben sind absolut eins." Koons hat PR und Selbst-Promotion zur Kunst erhoben.
"Als Ready-made" benutze er die Öffentlichkeit, sagt er, als fertig vorgefundenes Kunstwerk also. Das ist vermutlich der einzig wahre Satz, den er den ganzen Nachmittag über von sich gibt. Dann tätschelt er mal wieder das Knie seines Gegenübers. Glatt, smart, leer, ein wohltemperierter Mann ohne Eigenschaften. Das ist Konzeptkunst total.
Und seine Bilder und Skulpturen? Ach ja. Sie müssen sein. Sie liefern die Provokationen. Mal macht er in Kitsch, mal in Porno - egal. Hauptsache, es erregt Anstoß. Dann können die einen jubeln, er halte der bösen Konsumwelt "das böseste aller Spiegelbilder" entgegen (so der Frankfurter Museumschef Jean-Christophe Ammann im Kunstmagazin Parkett), und andere können wüten, er begebe sich "mit sexistischen Stereotypen" auf das Niveau von Männermagazinen (so Michael Kimmelman in der New York Times). Seine Assistenten heften dann beide Artikel ab.
Sie sitzen wild kolorierten Bildern aus der "Made in Heaven"-Reihe gegenüber, auf denen ihr Arbeitgeber splitternackt mit Cicciolina in Stellungen posiert, die sexuelle Seligkeit versprechen.
Die phantasievollen Dekorationen stammen aus Cicciolinas Hardcore-Tagen. Sie spielt wie immer die sexy Schäferin - barbusig, das blonde Langhaar mit Blütenkränzchen dekoriert, in Unschuldsweiß gekleidet.
Bei der Biennale in Venedig, wo "Made in Heaven" 1990 zu sehen war, fand sich tatsächlich noch ein aufgebrachter junger Mann, der drei Bilder mit dem Messer zerschlitzte. Ein Jahr später jedoch, als Koons eine verschärfte Version der Serie gleichzeitig in Galerien in New York, Chicago und Köln zeigte, standen die Neugierigen zwar Schlange, aber Vernissagengäste winkten schon gelangweilt ab.
Koons hat seither keinen Koitus mehr als Kunstwerk verewigt. Er weiß, wann eine Provokation verpufft ist.
Am Anfang seiner Karriere hatte er diesen sechsten Sinn nicht. Koons, Sohn eines Möbelhändlers aus York, Pennsylvania, brauchte etliche Jahre, bis er herausfand, was in New York ankam.
Er experimentierte wild, Ende der Siebziger etwa mit aufblasbaren Plastikviechern, dann mit Staubsaugern, die er in Vitrinen arrangierte. Kostspieliger _(* Bis zum 3. Januar 1993; vom 13. März ) _(in der Staatsgalerie Stuttgart. ) Spaß für einen Jungkünstler? Nicht für das Verkaufsgenie Koons, das an der Wall Street eingestiegen war.
Aber nach ein paar Jahren hatte er es satt, Schweinehälften und Baumwollballen zu verhökern. Er sattelte um auf eine andere Ware: Jeff Koons.
Sein erster Achtungserfolg: die "Equilibrium"-Ausstellung 1985. Monatelang habe er daran gearbeitet, Basketbälle in Aquarien zum Schweben zu bringen, sagt Koons. Über 50 Physiker habe er um Rat gefragt, gar einen Nobelpreisträger. Er erzählt das gern. Er weiß: Es adelt die Ware.
Aber das alles war noch Koons vor Koons. Das war noch kühle Kopfkunst, ziemlich ernst, ziemlich verquer und sogar ziemlich gelungen. Den Quantensprung in die Klasse der Kunst-Kings macht er erst im Jahr danach.
Er gießt absurde Alkohol-Accessoires, etwa einen Reisekoffer mit Flaschen und Gläsern ("Reise-Bar"), in glänzendem Edelstahl nach. Diese Saufskulpturen stellt er zusammen mit Reklamebildern teurer Tropfen wie Hennessy oder Martell aus. Titel der Schau: "Luxus und Erniedrigung".
Jetzt endlich haben seine Werke den gewissen perversen Kitzel. Das schicke SoHo-Publikum fährt ab auf die Mischung aus Trivialität und Elite. Die Preise steigen rapide. Und sein Prestige und seine Publicity auch.
"Publicity ist wie Erdnüsse essen: Wenn man einmal anfängt, kann man nicht mehr aufhören." Der Satz könnte von Jeff Koons stammen. Er stammt aber vom Pop-Maestro Andy Warhol. Fast alles, was Koons sagt oder tut, stammt von Warhol - und dessen Urvater Marcel Duchamp.
Der hatte 1917 ein weißes Pissoir im Kaufhaus gekauft, auf den Namen "Fontäne" getauft und ausgestellt. Duchamps Hintergedanke: Ob ein Ding ein Kunstwerk ist, bestimmt allein der Ort, an dem es sich befindet. Ein Pißbecken im Männerklo ist ein Pißbecken - ein Pißbecken im Museum ist eine Plastik.
Warhol nahm den Gedanken auf: "Wenn man darüber nachdenkt, sind Kaufhäuser eigentlich so ähnlich wie Museen." Ob Konsumgut, ob Kunstgut - für ihn war alles gleich gut. Er heiligte das Triviale und trivialisierte das Heilige: Mickymaus und Madonna, Liza Minnelli und Letztes Abendmahl.
"All is pretty", sagte Andy, alles ist hübsch. Und alles sieht aus wie Warhol. Er lieferte Markenartikel ab. Er machte Kunst als Ware, gestempelt mit dem Gütesiegel Warhol. Er stilisierte sich selbst zum skurrilen Star, denn er sah, daß Kunst auf Sensation setzen muß.
Als Warhol 1987 starb, war Koons zur Stelle. "Ich habe immer festgestellt", zitiert ihn das jüngst erschienene "Jeff Koons Handbuch"*, "daß in der Kunstwelt alle sehr schwach sind. Jeder, der den großen Wunsch hat, sich an ihre Spitze zu stellen, muß es nur tun."
Er tut es - als Andy-Abklatsch. Was der konnte, kann er auch: Star sein, Selbstverkäufer sein, Klatsch liefern. Nur ein bißchen schriller, schräger, schockiger muß alles sein, denn die Schmerzgrenze hat sich verschoben.
Also macht Koons jetzt Kitsch. So richtig gruseligen, monströsen Kitsch. Er läßt Kindchen, Hündchen, Blümchen, Liebespüppchen in Murano in Glas blasen oder in Oberammergau in Holz schnitzen. "Banalität" heißt seine nächste Schau, 1988 in SoHo, "Die Banalität wird eingeführt" ist eine der größten Skulpturen darin: Zwei Engelchen und ein kleiner Junge zerren an einem grün beschleiften Trüffelschwein.
Das ist Talmi pur, zuckersüßer Nippes, das sind Ready-mades aus dem Souvenirshop. Kitsch as Koons can - aber andere können auch: der Holländer Rob Scholte etwa, der Amerikaner Haim Steinbach, der Exiltscheche Milan Kunc. Kitschkunst hat Konjunktur. Ein zwinkernder Duchamp ist den Werken nicht fern: Warum sollte nicht auch Kitsch im Museum zu Kunst werden? Warum sollte nicht Michael Jackson mit seinem Herzensaffen Bubbles, hingegossen _(* "Das Jeff Koons Handbuch". ) _(Schirmer/Mosel Verlag, München; 176 ) _(Seiten; 28 Mark. ) in Porzellan, die Weihen der Hochkultur genießen?
Soll er. Denn Koons macht natürlich Kunst. Keine Frage. Er macht bloß schlechte Kunst. Er macht McKunst für den Medien-Heißhunger, er macht Kunstmarktkunst, knallhart berechnet. Jedes Werk schmeckt gleich, gewohnt koonsig und knackig, aber keines macht recht satt. Denn jedes Werk liefert nur den Vorgeschmack auf das nächste.
Das ist die Krux einer Konzeptkunst, die vom konstanten Kick lebt: Sie muß sich immer grandioser gerieren. Sie muß immer schon auf den nächsten Schock schielen. Ein fataler Karrierezwang: Zukunft ist alles, Gegenwart ist nichts.
Das macht sich in der Gegenwart bemerkbar. "Vielleicht", schreibt gemessen der Kitschkunst-Kenner Gregory Fuller, sei Koons'' "theoretischer Ansatz interessanter als die eigentlichen Werke". In der Tat. Die Werke dürfen kein Eigenleben führen; sie dürfen sich nicht entfalten. Sie illustrieren und inszenieren immer nur die jeweils jüngste Schock-Strategie ihres Schöpfers.
Zuletzt hat Koons sein Ein-Mann-Kunstwerk ausgebaut zum Paar-Kunstwerk. Der öffentliche Adam fand seine öffentliche Eva. Wer hätte es anderes sein sollen als Ilona Staller? Sie ist ein Ready-made aus der Sphäre der Banalkultur. Da mußte Jeff einfach zugreifen.
Im Herbst 1990 kündigten die beiden ihre Hochzeit an, dann meldeten sie die Trennung, dann vermählten sie sich doch, dann ging ihr Scheidungsplan durch die Presse - und schließlich ihre Versöhnung wegen eines freudigen Ereignisses. Das ist eingetreten: Gerade wurde Sohn Ludwig Maximilian geboren. Sein Sohn? Nein, sagt Koons milde: "Meine biologische Skulptur." Jetzt also: das Koons-Familien-Kunstwerk.
Susanne Weingarten
* Bis zum 3. Januar 1993; vom 13. März in der Staatsgalerie Stuttgart. * "Das Jeff Koons Handbuch". Schirmer/Mosel Verlag, München; 176 Seiten; 28 Mark.

DER SPIEGEL 49/1992
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