07.12.1992

Wenn Lucy loslegt

Acht Jahre lang hat Allan Gurganus, ein Exzentriker des US-Literaturbetriebs, an seinem großen Debütroman gefeilt: „Die älteste noch lebende Rebellenwitwe erzählt“. Das skurrile Südstaaten-Epos ist jetzt auf deutsch erschienen.
Weißt du was, mein Lieber?" sagt Lucy Marsden, "Geschichten passieren nur Leuten, die sie erzählen können." Lucy ist 99 Jahre alt, lahm und fast blind, Insassin eines staatlichen Altersheims in North Carolina, und ihr sind viele Geschichten passiert. Jetzt erzählt sie jede einzelne.
So rekapituliert sie ihr Leben und das ihres längst gestorbenen Mannes Will und das ihrer neun Kinder und das ihrer Eltern und das ihrer besten Freundin Castalia, einer ehemaligen Sklavin.
Mit der Wahrheit nimmt sie es allerdings nicht allzu genau. Lucy, diese kuriose, kauzige Romanheldin, kann fabulieren, ausschmücken, lustvoll klatschen und tratschen, sie kann Wortgirlanden winden, sie kann dichten, phantasieren. Und all das tut sie nach Herzenslust in "Die älteste noch lebende Rebellenwitwe erzählt", dem gerade auf deutsch erschienenen Debütroman des Amerikaners Allan Gurganus*.
Daß Lucy eine fiktive Figur ist, haben manche der begeisterten Leser in den USA, wo der Roman 1989 herauskam, gar nicht bemerkt: Sie schrieben Briefe, in denen sie nach ihrem Foto, ihrer Telefonnummer und Adresse fragten. Allan Gurganus hat Lucy wirklich frank und frei erfunden. Er hat nicht einmal mit echten Rebellenwitwen gesprochen - obwohl einige von denen, die als blutjunge Mädchen um die Jahrhundertwende alte Südstaaten-Veteranen des Bürgerkriegs geehelicht hatten, tatsächlich _(* Allan Gurganus: "Die älteste noch ) _(lebende Rebellenwitwe erzählt". ) _(Goldmann-Verlag, München; 960 Seiten; ) _(49,80 Mark. ) noch lebten, als Gurganus Kapitel um Kapitel schrieb.
Genau eine solche Gesprächssituation fingiert das Buch: Lucy bekommt Besuch von einem neugierigen jungen Reporter mit Mikrofon und Tonband. Sie warnt ihn erst, daß sie "keine Antiquität", sondern "bloß klapperdürr und griesgrämig" sei. Aber als er nicht geht, legt sie dann doch los - und der Roman liest sich wie eine Mitschrift dessen, was Lucy ihm in breitem Südstaatenjargon aufs Tonband schwadroniert.
Dabei sind Wiederholungen natürlich nicht ausgeschlossen, auch eine Überdosis Kitsch nicht, die sie in ihre mal sentimentalen, mal komischen Anekdoten packt. Da stirbt die blondgelockte Dorfschönheit im Kindbett; da trägt ein Soldat die Uhr des Yankee-Rekruten mit sich herum, den er selbst erschossen hat; da geht das Lieblingskind an Scharlach zugrunde.
In diesem Sammelsurium von Erinnerungen werden anderthalb Jahrhunderte amerikanischer Geschichte lebendig - ohne viele Namen von Präsidenten, Bossen, Generälen, ohne viele Daten von Schlachten und Verträgen. "Was du Geschichte nennst", sagt Lucy, "ist einfach nur der Luxus des Nachher."
Diesen Luxus hatte sie nie. Sie war immer mittendrin. Darum erzählt sie über das Alltagsgeschehen, wie es die Hausfrauen und Mütter erlebt haben, die Sklaven, die Kinder und einfachen Soldaten: Lucys Historie von unten.
So verläuft die Geschichte nicht brav von Tag zu Tag, von Ereignis zu Ereignis, in geordnetem chronologischem Aufmarsch. Wenn die Geschichte im Gedächtnis stattfindet, dann passiert das eine Malheur gestern und das andere vor hundert Jahren - und doch hängen beide unmittelbar zusammen. Dann ist die Zeit keine Linie mehr, sondern ein Kreis, der sich immer wieder schließt.
Wie wird Geschichte erzählt, und wie wird sie geschrieben? Und welche Folgen hat das für unsere Wahrnehmung der Welt? Solche Fragen könnte sich Lucy niemals stellen. Aber Allan Gurganus schiebt sie seinem Roman listig unter. "Die älteste noch lebende Rebellenwitwe erzählt" - nur ein altmodischer Schmöker? Nein, auch ein kluger, verschmitzter Traktat über Sprache, Zeit und Wirklichkeit.
Lucys Wirklichkeit: Mit 15 Jahren heiratet sie, mager und störrisch, den 50jährigen Will Marsden. Keine Traumehe, denn er vergewaltigt sie gleich in der Hochzeitsnacht, daß sie schreit und schreit und fast die Flucht ergreift. Aber dann bleibt sie doch, erduldet den Tyrannen, gebiert ihm Kind um Kind. Aus Liebe? Vor allem aus Mitleid.
Denn so, wie sie ein Opfer des Ehekrieges ist, so ist ihr Mann ein Opfer des Bürgerkrieges. Mit 13 zieht Will Marsden ins Feld gegen die Nordstaatler, von der Sache überzeugt, ein Kind noch, ein ahnungsloser grüner Junge. Er sieht andere verrecken, auch seinen besten Freund, er tötet selbst, verliert fast sein Bein, aber er übersteht alle Gemetzel.
Doch der Krieg in seinem Kopf geht nie zu Ende. Nachts brüllt Will seine Angst und Wut heraus. Tags vergeudet er sein Geld für alte Flinten und neue Uniformen. Jahrelang, jahrzehntelang, bis das Soldatenkind zum Veteranengreis geworden ist.
Irgendwann hat er es geschafft, alle Mitstreiter zu überleben. Will: der letzte Südstaaten-Rebell. Und schließlich Lucy: die letzte Witwe des letzten Rebellen. "Vielleicht ein armseliger Ruhm", meint sie, "aber besser als gar nichts."
Die Vergangenheit ist nicht vergangen für den amerikanischen Süden, nicht für Will, nicht für Lucy. Vor allem aber auch nicht für die Schriftsteller des Südens. Sie beharren auf der Geschichte in einer Gesellschaft, die stets für die Zukunft gelebt hat, und sie sind bodenständig in einem Land, das immer die Bewegung vergöttert hat. Das macht sie zu einer ganz eigenen Zunft.
Ihnen ist der Süden eine bittere Heimat, geplündert, gebrandschatzt, ausgeblutet. Aber doch eine Heimat - und William Faulkner, Robert Penn Warren und Walker Percy haben ebenso an ihr gehangen wie Eudora Welty, Katherine Anne Porter oder Flannery O''Connor. Sie haben dieser Heimat den trotzigen, grotesken Humor zu verdanken und den Hang zu Geschichten von Verlierern und Außenseitern.
Jetzt hat sich also Allan Gurganus, 45, in ihre Zunft hineingeschrieben. Als Sproß einer Farmersfamilie in Rocky Mount geboren, einem Kaff in der tiefsten Südstaatenprovinz, lernte er das Fabulieren schon am Eßtisch, wo dieselben Anekdoten "im Lauf der Jahre poliert, verfeinert und immer wieder umgearbeitet" wurden. "Ich hatte das Glück", gibt Gurganus zu, "in einer Landschaft geboren zu werden, deren Bewohner gern reden."
Darum schrieb er seinen Roman so, wie die Lucy Marsdens in North Carolina reden - nur noch ein bißchen kauziger, süffiger, schnörkeliger. Das ist auch im Deutschen zu spüren, dank dem Übersetzer Rudolf Hermstein, der Lucys Tonfall grandios nachgedichtet hat.
Wie Gurganus auf die Idee zu seinem Buch kam? Er wartet mit einer Anekdote auf, die klingt, als sei auch sie lange poliert, verfeinert und umgearbeitet worden: 1981 habe er eine Zeitungsmeldung über Rentenzahlungen an die letzten Konföderiertenwitwen in Mississippi gelesen, sei an seine Schreibmaschine gerannt und habe die ersten 30 Seiten des Romans getippt.
"Von Anfang an spürte ich, daß von der Stimme Lucys eine merkwürdige Energie ausging", sagt Gurganus - genug Energie, um ihn acht Jahre lang weitertippen zu lassen, ehe er den amerikanischen Buchmarkt eroberte. Bilanz: vier Monate auf der Bestseller-Liste der New York Times.
Nur eine las den Roman nicht: die echte älteste Rebellenwitwe, die noch lebte, als er erschien. Irgend jemand drückte ihr aber ein Exemplar in die Hand - eine rührselige Geste, denn sie hatte nun wirklich nichts mit der Handlung des Buches zu tun. Trotzdem signierte sie es, in einer krakligen, altmodischen Handschrift. Sie nahm irrtümlicherweise an, daß hier jemand tatsächlich ihr Leben beschrieben hatte - auf ihre Kosten: "Wahrscheinlich verdiene ich nicht einen Cent daran!"
* Allan Gurganus: "Die älteste noch lebende Rebellenwitwe erzählt". Goldmann-Verlag, München; 960 Seiten; 49,80 Mark.

DER SPIEGEL 50/1992
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