07.12.1992

Verkrochen wie eine Ratte

Da steht er, der arme Tor, kein bißchen klüger als zuvor. Er steht vor den Schranken des Gerichts und beteuert, keine Verbrechen begangen, allenfalls Fehler gemacht zu haben. Eben noch war Stojo Petkanow einer der Ostblock-Zaren, nun soll sich der alte Mann rechtfertigen. Doch die Beweislage ist dünn. Die Unterschrift zum Befehl für die Morde an Oppositionellen? Fehlanzeige.
Petkanow ist schlecht auf die Welt zu sprechen, auch auf andere Ex-Staatslenker wie Honecker: "Nach Moskau weggelaufen, verkrochen wie eine Ratte in der chilenischen Botschaft." Ceausescu sei wenigstens kämpfend untergegangen.
Mehr Hohn hat Petkanow nur noch für die neue Regierung in seinem Land übrig, die sich anmaßt, ihn, den geliebten Landesvater (wie er wacker weiter glaubt), vor den Kadi zu zerren. "Die Dinge waren vielleicht nicht perfekt, aber im Sozialismus durften sich die Leute ausmalen, daß sie es eines Tages sein würden." Und was haben seine Nachfolger gebracht? "Eine Welle der Kriminalität. Den Schwarzmarkt. Pornographie. Prostitution."
Der britische Schriftsteller Julian Barnes, 46, ist das Chamäleon unter den Romanciers. Er ist mit einem die Kenner entzückenden literarischen Spiel ("Flauberts Papagei") bekannt geworden, hat - unter Pseudonym - vier handfeste Krimis geschrieben und hat sich nun in seinem elften Buch mit der aktuellen politischen Wirklichkeit eingelassen, in dem Roman "Das Stachelschwein".
Barnes kennt seinen Mann. Das Vorbild für Stojo Petkanow ist der ehemalige bulgarische Staatschef Todor Schiwkow. Der Brite hat den Prozeß gegen ihn verfolgt und mehrere Monate lang in Bulgarien recherchiert. Den Vorwurf, dieses Thema hätte er doch besser osteuropäischen Kollegen überlassen, wehrt er ab: "Dann bleibt dir am Ende nur noch, über das eigene Land und die eigene Erfahrung zu schreiben."
Barnes hat früher als Redakteur gearbeitet und ist bis heute Korrespondent des New Yorker: "Seit Ende zwanzig nimmt bei mir das Vergnügen am Journalismus von Jahr zu Jahr zu."
Dieses Vergnügen ist dem "Stachelschwein" anzumerken. Ein Schnellschuß. Eher eine Szenenfolge, eine Vorlage für Film oder Theater als ein großer Roman. Dennoch: Wie Barnes den greisen Angeklagten in die Schlacht gegen den frisch ernannten Generalstaatsanwalt schickt und munitioniert, das hat Tempo und Temperament. Lehrreich ist es obendrein - bei einem Roman keine Schande.

DER SPIEGEL 50/1992
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