07.12.1992

Tod in Rom

Seine Liebe war sehr groß. Caterina hieß sie, sie maß beinahe zwei Meter. Lorenzo mußte ein riesiges Ehebett bestellen, später einen riesigen Sarg.
Wie Dante seine Beatrice, so hatte Lorenzo seine Caterina getroffen und verloren. Als 70jähriger läßt er die Vergangenheit vorüberziehen, so, wie die "Göttliche Komödie" es beschreibt: kein größerer Schmerz, als sich im Elend glücklicher Zeiten zu erinnern.
Doch der römische Autor Marco Lodoli, 36, öffnet dem Greis ein neues Leben. Auf der Stazione Termini, dem römischen Hauptbahnhof, trifft Lorenzo seinen Vergil, den Afrikaner Gaben. Der handelt mit Sonnenbrillen und Fabeln, die das Dasein in Goldlicht tauchen, und der vagabundiert mit dem alten Römer durch das Purgatorium der Ewigen Stadt.
Lodoli, Berufsschullehrer in Rom, ist ein Virtuose der Leichtigkeit, des Changierens zwischen Alltags-Verismo und der Phantastik eines Federico Fellini. Lorenzo und Gaben, die "Nachtvögel", ziehen ihre Bahn gleichzeitig durch die Clownerien der Commedia dell'arte und die Mysterien der "Divina Commedia".
Sie durchstreifen Roms Unterwelt mit ihren armen Seelen, bluffend, melancholisch; tauchen ein in die Welt der korrupten Preisboxer, der trostlosen Discos, der Kaschemmen mit Separees. Meisterliche Miniaturen allesamt, Stationen auf dem Wege zur wahren Stazione Termini, zur Endstation.
Denn der Fabulierer Gaben entschleiert mehr und mehr seine wirkliche Mission; er ist der Bote des Schattenreiches, er holt, wie Vergil seinen Dante, Lorenzo heim ins Land der Toten, zu Caterina-Beatrice; sie kommt übers Meer, in einem Boot ohne Motor und Ruder.
Sie nimmt Lorenzo auf den Schoß, wie Michelangelos Pieta; "Der Himmel war sehr blau, die Straße führte mitten in ihn hinein."

DER SPIEGEL 50/1992
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