07.12.1992

Menetekel des Grauens

Noch einmal dreht Georges-Arthur Goldschmidt das Kaleidoskop seiner Lebensgeschichte, noch einmal spricht er, in der dritten Person, von sich selbst: "In der Kindheit hatte er seine Eltern für immer verlassen müssen, und jener Morgen blieb eingebrannt in sein Gedächtnis."
Dieser Erfahrung hat der in Paris lebende Goldschmidt, 64, schon mehrfach Bücher von großer poetischer Eindringlichkeit abgewonnen: "Der Spiegeltag", "Die Absonderung", "Ein Garten in Deutschland". Von dem jüdischen Jungen aus Norddeutschland, der auf der Flucht vor den Nazis in einem französischen Kinderheim Unterschlupf findet und doch ein Außenseiter und ein Opfer bleibt, erzählt nun auch "Der unterbrochene Wald". Die Erzählung, von Goldschmidts Freund Peter Handke übersetzt, knüpft an die früheren Werke an, setzt sie aber nicht voraus.
Zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Vorkriegs- und Nachkriegszeit schwenkt die Erzählkamera hin und her, sie zeigt den Helden als pubertierenden Knaben, als Kind und als jungen Mann. An chronologischer Ordnung ist Goldschmidt nicht gelegen, er liefert, eher lyrisch als episch, eine Reihe von blitzartig aufleuchtenden, assoziativ geordneten Bildern.
Als Menetekel des Grauens, das dem Helden nach der Befreiung Frankreichs in öffentlich ausgestellten KZ-Fotografien begegnet, begreift der Autor rückblickend das Schicksal eines jüdischen Hausierers. Dessen Tod, unweit vom Elternhaus des Erzählers, gehörte zu den Rätseln seiner Kindheit: "Erschlagen mit Knüppeln und mit Gabeln, am Saum des Waldes, oberhalb des Hangs, dort wo durch die Bäume nah die Hügel durchscheinen, die offene Landschaft". Der Titel des Buches benennt diesen Einbruch des Entsetzens in die Idylle.

DER SPIEGEL 50/1992
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