07.12.1992

Monster-Kind aus Iowa

Am Anfang liegt Amerika in weiter Ferne: irgendwo in einem eintönigen, aber fruchtbaren Landstrich, besiedelt von wortkargen und nicht eben anregenden Gestalten, den Farmern. Einer von ihnen ist Laurence Cook, genannt Larry, er betreibt einen 1000 Morgen großen Hof im US-Staat Iowa; seine Familie hat es nach harten Aufbaujahren zu einigem Reichtum gebracht. Nun will Larry die Farm seinen drei Töchtern übergeben.
Plötzlich rückt Amerika sehr nahe: Ein Psycho-Krieg nimmt seinen Lauf, denn Larry verstößt seine jüngste Tochter, Caroline. Sie hat sein Angebot nicht sofort akzeptiert und soll dafür büßen. Doch nicht sie und ihr Mann, sondern ihre beiden Schwestern, Ginny und Rose, empören sich gegen den tyrannischen Vater. Larry hat sie in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht und gequält. Die sorgsam gehütete Fassade einer wohlsituierten Familie zerbricht.
Die Geschichte von Larry, Ginny, Rose und Caroline ist eine alte Geschichte. Jane Smiley, 43, die Autorin von "Tausend Morgen", hat sich bei Shakespeare bedient: Sie hat König Lear und seine Töchter Goneril, Regan und Cordelia zu neuem Leben erweckt und in das Jahr 1979 nach Iowa verpflanzt - in jenen Landstrich, in dem die Autorin selber lebt.
"Ich denke, ich phantasiere weniger und recherchiere mehr als die anderen amerikanischen Schriftsteller meiner Generation", erklärt sie. Und der Erfolg ihres eher konventionellen, aber spannenden Erzählstils gibt ihr recht: "Tausend Morgen" - es ist ihr sechstes Buch - wurde kürzlich mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Der Konflikt zwischen Vater und Töchtern zerstört die Familie. Der Roman entwickelt dabei eine archaische Wucht, die selbst die Autorin befremdet. Das Werk, so gesteht sie, trage die Züge eines "Monster-Kindes".
Mit dem Aufstieg und Niedergang der Farmerfamilie Cook beschreibt Jane Smiley zugleich die Geschichte des amerikanischen Traums: von der Euphorie des Aufbaus, des Anbruchs einer glücklichen Zukunft bis zum vorläufigen Scheitern dieser Idee im letzten Jahrzehnt.

DER SPIEGEL 50/1992
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