21.12.1992

KomplotteDeckname Hecht

Fünf Jahre nach dem mysteriösen Tod Uwe Barschels in Genf haben Verschwörungstheoretiker wieder Hochkonjunktur.
Was für eine Geschichte: Im Genfer Hotel Beau-Rivage nahmen am Abend des 10. Oktober 1987 drei finstere Agenten den Kieler Christdemokraten Uwe Barschel in die Mangel. Zunächst versetzten die Spezialisten den 43jährigen mit Barbituraten in einen Dämmerzustand, dann flößten sie ihm ein Wahrheitsserum ein.
Im Tran packte Barschel aus, vor allem über heiße Ost-West-Geschäfte. Der zurückgetretene Kieler Ministerpräsident wußte wirklich eine ganze Menge - viel zu viel.
Einer der Verhörexperten, nebenbei Anästhesist und Fachmann für Narco-Analysen, verabreichte Barschel anschließend eine tödliche Dosis Cyclobarbital. Der Sterbende wurde in die halbgefüllte Badewanne gelegt. Das Vernehmungsprotokoll landete im Tresor eines südlich von München residierenden Geheimdienstes.
Wenn auch nicht unbedingt beweisbar, so sind die Angaben über den Ablauf und die Hintermänner des Komplotts doch drehbuchreif: Eine Runde hochkarätiger Waffenhändler und Nachrichtendienstler tagte an jenem Oktoberwochenende ganz geheim in Genf; wichtigster Tagesordnungspunkt war - was sonst? - das bevorstehende Ende des Deutschen: Mitwisser müssen halt sterben.
So war es, todsicher. Oder vielleicht auch ganz anders: Der Mörder kam aus dem Dunstkreis eines der vielen östlichen Staatsschutzapparate, die bekanntlich allesamt den perfekten Badewannenmord im Repertoire hatten.
Für gewöhnlich vergifteten die Dunkelmänner von drüben ihre Opfer mit Hilfe einer Magensonde. Und sind nicht die Blutreste in Barschels rechtem Nasenflügel ein ebenso eindeutiges Indiz für die Anwendung dieser Methode wie die punktförmigen Magenblutungen "in Höhe der großen Kurvatur"?
Fünf Jahre nach den rätselhaften Vorgängen in der Schweiz haben düstere Geheimdienstschnurren und Komplotttheorien über das Ende Barschels wieder Konjunktur. Mit wachsendem Abstand zur Tat nimmt die Zahl der Mordversionen zu, die zwar einander ausschließen, aber doch alle eines suggerieren: Barschel starb nicht durch eigene Hand.
Der Mythos vom Mordopfer aus Kiel blüht vor allem im Lager der Paranoiker, die so tun, als wäre Barschels Fall mit dem Ende des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy vergleichbar. Und so wie über das Jahrhundert-Attentat von Dallas das Heldenepos "JFK" gedreht wurde, soll es bald auch eine Filmsaga über Uwe B. geben, Titel: "Mord in Genf", geplant von Jungregisseur Uwe Boll.
Die vielen Mordtheorien, seit Jahren in deutschen und ausländischen Illustrierten verbreitet, bekommen jetzt noch mal Auftrieb: Rechtzeitig zum Christfest wurde Ende vorletzter Woche ein Werk präsentiert, das der Einfachheit halber nahezu alle bisher bekannten Spekulationen verquickt.
Autor des kühn unter dem Rubrum Sachbuch geführten Krimis "Der Fall B." ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Werner Kalinka, 40. Der einstige Barschel-Getreue räsoniert über einen "Tod, der kein Mord sein darf" (Untertitel). Er weiß genau: "Alles spricht für Mord."
Kalinka, lobt der Ullstein Verlag, sei "Spuren nachgegangen, die nie verfolgt wurden". In Wahrheit bewegt sich der rechte Aufklärer auf ausgelatschten Pfaden:
Seine Indizienkette basiert im wesentlichen auf der von ultrakonservativen Propagandisten bevorzugten These, der ahnungslose Barschel sei auf seinen teuflischen Medienreferenten Reiner Pfeiffer hereingefallen, selbst also unschuldig gewesen; schon deshalb habe er gar keinen Anlaß gehabt, Selbstmord zu begehen.
Christdemokrat Kalinka nutzt die Gelegenheit, mit Parteifreunden abzurechnen, die Barschel, wie er meint, voreilig fallengelassen haben. Als einschlägig erprobter Welt-Korrespondent, der zeitweise Plöner Kreisvorsitzender der CDU war, hatte Werner Kalinka einst die Aufklärungsbemühungen des Kieler Untersuchungsausschusses konterkariert.
Mit Barschels Mörder kann auch Kalinka nicht dienen; über Täter und Motive darf auch bei diesem Autor nur spekuliert werden - aber wie: Eine Frau, die aus gutem Grund anonym bleibt, will Pfeiffer Anfang der achtziger Jahre als Vernehmer in einem Stasi-Lager gesehen haben.
In der Zunft der Mordexperten steht allerdings nicht Kalinka, sondern Ex-Springer-Kollege Joachim Siegerist im Ruf, die spannendste Version über Barschels Tod - mit einem äthergetränkten Wattebausch - gefunden zu haben. Ein Buch mit dem Titel "Das Testament des Uwe Barschel" hatte der Vorsitzende der Politsekte "Die Deutschen Konservativen" 1988 im Zusammenwirken mit der Barschel-Witwe Freya verfaßt.
Die Familie samt ihrem Rechtsberater Justus R. G. Warburg stand offenkundig nun auch Kalinka bei: Ein schauriges Obduktionsbild des toten Barschel wird von ihm offensichtlich mit Billigung der Hinterbliebenen vermarktet, die sich einst über das vergleichsweise pietätvolle Badewannenfoto auf einem Illustriertentitel empört hatten.
Die Barschel-Legenden, neue wie alte, finden auch deshalb immer wieder Nahrung, weil die Ermittlungsbehörden in Genf in diesem spektakulären Verfahren schlampig gearbeitet haben: Fotos der Spurensicherer vom Tatort waren unbrauchbar, und dubios blieben wesentliche Details, etwa die Herkunft rotbrauner Flecken auf der nassen Badewannenvorlage.
Präzise Zeitangaben über die erste Benachrichtigung der Polizei oder deren Eintreffen im Hotel sind widersprüchlich. Die Temperatur des Badewassers, wichtig für die exakte Bestimmung des Todeszeitpunktes, wurde nicht gemessen. Und die Untersuchungsrichterin, Claude-Nicole Nardin, die sich frühzeitig auf die Selbstmordtheorie festgelegt hatte, wirkte reichlich konfus.
Auf Druck der Barschel-Familie wurden vor drei Jahren die Ermittlungen wiederaufgenommen. "Wenn es keine Fragen mehr gäbe", erklärte der Genfer Generalstaatsanwalt Bernard Bertossa, "würden auch keine Ermittlungen mehr stattfinden."
Wenn auch für die Mordthese bislang kein einziger seriöser Beleg aufgetaucht ist, gibt der tote Barschel noch immer mehr Rätsel auf als der lebende. Niemand hatte vor seinem Tod zum Beispiel gewußt, daß die Stasi auch den Kieler Antikommunisten fest im Griff hatte. Sicher ist heute, daß der Christdemokrat, der durch sexuelle Eskapaden in der DDR erpreßbar geworden war, unter dem Decknamen "Hecht" zu den Zielfiguren des Ministeriums für Staatssicherheit zählte (SPIEGEL 34/1991).
Unklar ist noch immer, warum Barschel so häufig in die DDR reiste. Und erst jetzt tauchte eine Stasi-Notiz auf, die darauf schließen läßt, daß die Stasi einen Spitzel in Barschels unmittelbarer Kieler Umgebung plaziert hatte.
Spekulationen rankten sich schon früher um ein angebliches Treffen von Barschel mit einem skandalumwitterten deutschen Versicherungsdetektiv in Genf: mit Werner Mauss, 52, Multiagent für Industrie, Polizei und westliche Geheimdienste.
Unter seinem Alias-Namen Lange war Mauss am 10. Oktober 1987 tatsächlich im Genfer Hotel Le Richemond abgestiegen, _(* Mit Eike Barschel (r.) bei der ) _(Präsentation des Kalinka-Buches. ) das an das Beau-Rivage grenzt.
Mauss allerdings bestreitet, Barschel jemals getroffen zu haben. Und heftig ließ der Mann mit den vielen Identitäten auch dementieren, irgendwann den Namen Robert Roloff geführt zu haben.
Roloff war den Barschel-Notizen zufolge jener geheimnisvolle Unbekannte, mit dem er sich in Genf getroffen haben will. Als letzten Monat belgische Behörden wegen einer Polizeiaffäre per Haftbefehl nach Mauss suchen ließen (SPIEGEL 24/1992), gaben sie auch vorsorglich 14 seiner angeblichen Alias-Namen an - darunter Robert Roloff.
Buchautor Kalinka wiederum, eher auf die Stasi fixiert, lenkt die Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung: Auch in der Stasi-Akte des Ost-SPD-Mitbegründers und MfS-Spitzels Ibrahim Böhme sei "der Name ,Roloff'' verzeichnet" - was immer das nun wieder bedeuten soll.
Nicht minder geheimnisumwittert als die Identität des mysteriösen Roloff ist die Vita eines Mauss-Bekannten, der lange im Barschel-Fall ermittelt hatte und der vorigen Monat in einem Zürcher Appartement tot zusammenbrach: Jean-Jacques Griessen, 60.
Der Detektiv galt als Partner von Mauss und hat eine wichtige Rolle bei der Befreiung von Geiseln im Libanon gespielt. Ebenso wie Mauss hatte er glänzende Verbindungen zu Geheimdiensten, selbst die Israelis wollten ihn für Sonderaktionen einsetzen.
Griessen war von Eike Barschel mit Nachforschungen über den Tod des Bruders beauftragt worden. Der Detektiv arbeitete auch in diesem Fall mit Generalstaatsanwalt Bertossa zusammen. Angeblich war Griessen auf eine Spur gestoßen. Freunden vertraute er an, die Sache sei "sehr gefährlich", er habe "Angst" um sein Leben.
Auch Nachrichtendienste und Polizeistellen interessieren sich nun für den Griessen-Nachlaß, in dem ebensoviel Geheimnisvolles stecken soll wie in all den Geschichten über den Barschel-Tod.
Denn Griessen hatte, nach eigenen Angaben, die wohl kompletteste aller Komplottheorien verfolgt: Von der Waterkantgate-Affäre und dem Tod des Uwe Barschel in Genf soll eine direkte Spur zum Attentat auf den schwedischen Premier Olof Palme führen - und eine andere Spur zur Irangate-Affäre um den US-Militär Oliver North.
Noch irgendwelche Fragen?
* Mit Eike Barschel (r.) bei der Präsentation des Kalinka-Buches.

DER SPIEGEL 52/1992
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