21.12.1992

Erotik nicht verkümmert

Greinacher, 61, ist katholischer Priester und Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen.
Das bekannteste Argument für eine von Männern beherrschte Kirche steht gleich am Anfang des Alten Testamentes, im sogenannten zweiten Schöpfungsbericht: "Zum Weib sprach Gott: Ich will dir viel Beschwerden machen in deiner Schwangerschaft. Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären! Nach deinem Manne wirst du verlangen; er aber soll dein Herr sein!" (Genesis 3,16).
Jesus von Nazareth ist für eine solche Männerkirche nicht zu vereinnahmen. Ein gesellschaftspolitisches Programm zur Befreiung der Frau zu entwerfen lag nicht in seiner Absicht. Aber er handelte so, als hätte er eines, und zwar ein für seine Zeit ungewöhnliches.
Der Luzerner Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger weist "analog zur Gruppe der Zwölf" auch "eine Frauengruppe in der Umgebung Jesu" nach, und zwar von Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu an. An ihrer Spitze stand, parallel zu Petrus bei den zwölf Männern, Maria von Magdala. Das Verhältnis dieser Frauen zu Jesus sei bestimmt gewesen durch ein besonderes "Näheverhältnis".
Die Bedeutung dieser Frauengruppe entnimmt Kirchschläger vor allem den Passions- und Ostergeschichten. Jesus ist an diesem entscheidenden Punkt seines Wirkens von fast allen Männern verlassen. Die Verurteilung zum Kreuzestod drohte auch ihnen. Der dreifache Verrat des Petrus ("Ich kenne diesen Menschen nicht"; Markus 14,66 bis 72) steht exemplarisch für die Angst aller Jünger, in irgendeiner Form mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden.
Aber dieselbe Gefahr drohte auch den Frauen um Jesus. Trotzdem waren sie in den schwersten Stunden bei ihm: Maria von Magdala, eine andere Frau namens Maria sowie die Mutter Jesu, dann Salome und die Frau eines Zebedäus "und viele andere Frauen, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren" (Markus 15,41).
Die meisten Männer dagegen flüchteten in dieser gefährlichen Situation. Alle vier Evangelien berichten von der Anwesenheit des Joseph von Arimathäa, der nicht zum engsten Kreis um Jesus zählte. Das Johannes-Evangelium berichtet von der Anwesenheit des Apostels Johannes, was vermutlich unhistorisch ist.
Frauen und nicht Männer waren nach den neutestamentlichen Zeugnissen die ersten, die das zentrale Glaubensgeheimnis der Auferstehung Jesu erfuhren und verkündeten - weil es damals noch kein Predigtverbot für Frauen gab.
So eng das Verhältnis der Frauen zu Jesus war, so eng war auch umgekehrt das Verhältnis Jesu zu den Frauen: Jesus behandelte sie als vollwertige Menschen, den Männern gleichgestellt. Paulus faßte diese Überzeugung später in seinem Brief an die Galater (3,28) in den Satz: "Es gibt nicht mehr Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus."
Frauen den Männern gleichzustellen war zur Zeit Jesu zutiefst anstößig und barg eine ungeheure gesellschaftliche Sprengkraft in sich. Gemäß dem zweiten Schöpfungsbericht der Genesis galt die Frau in weiten Kreisen des Spätjudentums als Symbol des Bösen, was seinen Niederschlag in allen Lebensbereichen fand.
Sie war Eigentum des Mannes: zunächst des Vaters, dann des Gatten, dann des Schwagers - und in keinem Fall war sie rechtsfähig. Im Gottesdienst war ihr nicht nur jegliche Funktion verwehrt, sondern sie war geradezu überflüssig: Für das Zustandekommen eines gültigen Gottesdienstes war nur die Anwesenheit von Männern nötig. Die Frau hatte die Rolle der Hinterbänklerin.
Ganz anders Jesus. Das Lukas-Evangelium erzählt beispielsweise, wie Jesus sich von Martha einladen läßt und sich dann mit ihrer Schwester Maria befaßt. Maria setzt sich zu Jesus und hört dem Prediger und Wunderheiler zu, statt sich um sein leibliches Wohl zu sorgen. Als Martha protestiert, heißt Jesus das Verhalten von Maria gut: für damalige Verhältnisse extrem verdächtig. Ein jüdischer Rabbi hätte sich niemals darauf eingelassen, sich mit einer Frau zusammenzusetzen und sie zu belehren, sondern hätte sie in die Küche geschickt.
Kontakte knüpfte Jesus nicht nur zu "Sündern" wie den erpresserischen Zöllnern seiner Zeit, sondern auch zu "Sünderinnen", den Prostituierten, die ihm so wichtig waren wie die Männer.
Daß ihm - nach einer Passage im Lukas-Evangelium (7,36 bis 50) - eine stadtbekannte Dirne die Füße wäscht, mit ihren Haaren trocknet und eincremt, ist selbst aus heutiger Sicht zu bewundern. Es zeigt überdies, daß bei Jesus auch die erotische Dimension nicht verkümmert war - auch wenn man nicht der Meinung des Regisseurs Martin Scorsese ist, daß Jesus eine sexuelle Beziehung mit einer seiner Begleiterinnen hatte.
Selbst heute schwer verständliche Aussagen wie Jesu schroffes Scheidungsverbot und seine Auffassungen von Treue ("Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen"; Matthäus 5,28) sind, falls sie tatsächlich von ihm selber stammen, als schallende Ohrfeige für willkürliche Männerherrschaft zu verstehen.
Allerdings ist Jesu revolutionäre Einstellung zu Frauen nicht einfach vom Himmel gefallen. Immer schon waren im Judentum Strömungen vorhanden, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus theologischen Gründen förderten.
Ein Beispiel dafür ist der etwa 2500 Jahre alte sogenannte erste Schöpfungsbericht im Buch Genesis (1,1 bis 2,4a), der die Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau betont. Diese alte jüdische Tradition steht auch im Gegensatz zu einem patriarchalen Gottesbild.
Entsprechend schildert das Alte Testament Prophetinnen, die ihrem Volk in Krisenzeiten Rettung bringen: Debora, Jael, Judith und Esther. Debora war in der Zeit, in der Israel noch keine Könige hatte, sogar "Richterin", also faktisch eine Staatspräsidentin.
Aber selbst alttestamentliche Frauengestalten, die hauptsächlich über die Beziehung zu ihren Männern dargestellt werden wie Sara (im Zusammenhang mit Abraham), Rebekka (mit Isaak), Lea und Rahel (mit Jakob), werden als erstaunlich selbständige Persönlichkeiten geschildert.
Und die zweifellos ungerechten jüdischen Eheverordnungen von damals können nicht immer als Beweis für Frauenverachtung herhalten: Die fortschreitende Verrechtlichung der Mann-Frau-Beziehung im Judentum bedeutete in der Regel eine Verbesserung für den Stand der Frau, die der völligen Willkür des Mannes ausgesetzt war.
Auch in den christlichen Gemeinden existierte bis weit in das erste Jahrhundert hinein eine weitreichende Gleichberechtigung _(* Gemälde von Hans Burgkmair dem ) _(Älteren. Unter dem Kreuz Maria, die ) _(Mutter Jesu, Maria von Magdala und der ) _(Apostel Johannes. ) von Mann und Frau. Es gab in der Ur- und Frühkirche Prophetinnen (1. Korintherbrief 11,5; Apostelgeschichte 2,17) und sogar Leiterinnen von Ortsgemeinden (Römerbrief 16,1; 16,7).
Andere Stellen im Neuen Testament allerdings zeigen, daß diese Gleichberechtigung offenbar auch stets gefährdet war.
Bezeichnenderweise setzte sich in den Gemeinden das Wort "Die Frauen sollen in der Gemeinde schweigen . . . Sie sollen sich unterordnen" (1. Korintherbrief 14,34) mehr und mehr durch, obgleich diese Anweisung dem Paulus fälschlicherweise unterschoben wurde.
Es war das Verhängnis der ersten christlichen Jahrhunderte, daß sich alle frauenfeindlichen Traditionen des Judentums, der griechischen Philosophie und der orientalischen Gnosis im frühen Christentum zu der Vorstellung von der gottgewollten Minderwertigkeit der Frau bündelten.
Hinzu kam, daß sich in der frühen Kirche nach dem Erlöschen der Naherwartung des Weltendes eine Tendenz zur Institutionalisierung und Sakralisierung durchsetzte, welche die Frau wieder auf ihre untergeordnete Rolle festlegte.
So wurden der Frau beispielsweise kultische Funktionen vor allem wegen ihrer "monatlichen Unreinheit" verboten. Sie wurde deswegen sogar von der Teilnahme am Abendmahl ausgeschlossen. Nach der Geburt eines Kindes mußte sie in einem besonderen liturgischen Akt der "Aussegnung" wieder für kultisch rein erklärt werden - ein Brauch, der bis in die sechziger Jahre üblich war.
Das Diakonissen-Amt, das letzte kirchliche Amt für Frauen, wurde endgültig im 6. Jahrhundert abgeschafft. Und an diesem Punkt steht die katholische Kirche 1400 Jahre später noch immer.
Angesichts des Beispiels Jesu und des Urchristentums ist der Starrsinn der Leitung der katholischen Kirche hinsichtlich einer umfassenden Gleichstellung der Frau ein Skandal.
* Gemälde von Hans Burgkmair dem Älteren. Unter dem Kreuz Maria, die Mutter Jesu, Maria von Magdala und der Apostel Johannes.
Von Norbert Greinacher

DER SPIEGEL 52/1992
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